Geröll von Thomas Ballhausen, 2005, Skarabaeus

Thomas Ballhausen

Geröll
(Leseprobe aus: Geröll, Kurzgeschichten, 2005, Skarabaeus)

Ein sich wieder gegenübersitzen; da so dahinschweigen, weil man sich ja nichts mehr zu sagen hat, wozu denn auch. Lieber eine Form der Reduktion betreiben, die strengste und extremste, die man sich vorstellen kann, also eine Verkürzung auf KÖRPER. Mit dem besitzergreifenden Tasten nach ihrer Hand, dem peinlichen Gleiten über ihren Arm, dann erst hält er sie an der Schulter fest. Dabei drehen sie beide die Köpfe zur Seite, wie in geheimer Verschwörung vereint. Sie dreht, windet sich, ABER nur mit dem KOPF, denn ihr Körper scheint ihr vollkommen egal zu sein – da kann sie ihn ebenso gut an ihn abgeben, ihm ihren kleinen Puppenkörper vollkommen überlassen. Wenn er auch nicht genau weiß, was er nun damit anstellen soll, denn: was ist noch auszuprobieren, welche Pose hat er ihr vergessen aufzuzwingen. Die Narben an ihrem Hals glänzen im Licht, da wo einst die Drähte waren. Er möchte wieder die Hände zucken lassen, sie so spielend über die Bühne schleifen. Da BESASS er sie so, wie er sie wollte. Und da war auch keine Sprache in ihrem Tanz, da war nur die Bewegung, ein FLIESSEN. Wozu Sprache, denkt er, wozu das alles, es schweigt sich soviel leichter, besser. Mein einziger Hass entspringt meiner einzigen Liebe, denkt sie, und sie möchte kichern, lachen, aber nicht jetzt: vielleicht SPÄTER, oder auch gar nicht. Macht ja nichts, macht nichts. Das ist schon in Ordnung, DOCH DOCH das gefällt mir, sehr. Wenn es nur aufhören würde, könnte ich mich daran erinnern, und es nach einiger Zeit vielleicht sogar gemocht haben; dann, wenn ich alles andere daran vergessen hätte. Das widerwillige Heben des Armes, das Herabsinken auf seine Schulter, denn der Wunsch nach dem Besitz ist stärker als die Abneigung, stärker als der Ekel. Sogar die NÄHE wird ganz einfach erträglich dadurch, die Gier nach dem Besitz, nach dem anderen Wesen, ist so süß. Er legt den Kopf auf ihre Knie, kauert sich hin, denkt an Mutter und das wohl alles wieder gut wird: gut werden MUSS. Nicht wahr: Mutter, Du verzeihst mir doch und alles wird wieder gut. Sie streicht über sein Haar, und sie zuckt nicht gleich zurück, nein. Denn sie beherrscht sich, ein für sie sehr fremdes Gefühl: dieses sich selbst beherrschen. Das machen sonst immer die anderen; und sie streicht durch das Haar und versucht nicht zu denken, doch der Kopf schaltet sich ein. Obwohl sie sich nur selten treffen, wird es immer gerade dann notwendig, einander klar zu machen, wie unglücklich man ist, damit man dann doch Stoff zum REDEN hat, damit der kleine Wortvorrat doch noch in das Elend der Körper eingeflochten werden kann, damit dann, wenn man dann erwacht, man sich zumindest einreden kann: doch, doch. Das war alles sehr produktiv, das hat uns alles sehr viel weiter gebracht. Und auch unser Vertrauen, jaja das ist nun größer und stärker und tiefer und AMEN.

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