Es begann mit
Stickstoff
(aus: Das Verlorene Manuskript, 1983, S.
Fischer)
Auszug aus dem Ersten Kapitel "Es begann mit Stickstoff" zur Großrazzia am 15. März 1933
(...)Jener Morgen, als Frau Sonia, meine Berliner Hausfrau, zu ungewohnter Morgenstunde mein Zimmer betrat - wie weit liegt das zurück, dabei ist es vor elf Tagen gewesen. "Herr Balk, rief sie von der Tür her, "wir sind umzingelt". Das "Wir" war der Laubenheimer Platz Nummer 6, eine Treppe rechts bei Binders, wo ich unangemeldet seit einiger Zeit wohnte. Es war ein Irrsinn von mir gewesen, als Versteck gerade die Künstlerkolonie zu wählen, die in der Nazipresse das Epitheton "die rote" trug und als Brutstätte des "Kulturbolschewismus" galt. Aber ich hatte keine Wahl. Um es ehrlich zu sagen, ich war zu bequem und nahm das erste Angebot, das von Binder, ohne viel zu überlegen an.
Ich stürzte zum Fenster. Ja, wir sind umzingelt. Schupoleute, auf jede zehn Schritte einer. "Auch der Hof ist umstellt", sagte Frau Sonia, die noch immer ratlos in der Türe stand.
"Ich rasiere mich jetzt", sagte ich,
"dabei kann man am ruhigsten nachdenken."
Während ich mich rasierte, kam ihr Mann in den Raum. Ich sagte ihm, daß ich
die Wohnung sofort verlassen werde, um ihm keine Unannehmlichkeiten zu machen.
Sollte man mich unten fragen von wo ich komme, so werde ich sagen, daß ich mit
ihm bis spät in die Nacht gearbeitet hätte - Binder war der Herausgeber einer
Presse-Feuilleton-Korrespondenz und ich schrieb ab und zu für ihn - und dann
zum Schlafen dageblieben wäre.
Vor dem Haustor hielt mich ein Polizist an. "Kommen Sie mit!" Er
geleitete mich zu einem Auto, vor dem zwei Herren in Zivil standen. "lhre
Papiere". Mein Papier waren in Ordnung, ein guter. und rechtsgültiger
jugoslawischer Paß. "Danke", sagte der Polizeiagent, "Sie
können gehen." Das ging ja glatt, dachte ich und schritt aus, lässig und
ohne Eile, wie ein Mensch, der von seiner Unschuld durchdrungen ist, da rief mir
der andere nach: "Einen Augenblick. Was haben Sie in Ihrer
Aktentasche?" Ich kehrte um und öffnete bereitwillig meine Tasche. Drinnen
waren einige Nummern der Binderschen Korrespondenz, die ich mir eigens als Alibi
eingesteckt hatte. Sie wurden zu meinem Verhängnis. "So, so, Sie arbeiten
mit dem Binder", des Polizeiinspektors Stimme war auf einmal unangenehm
interessiert geworden. "Mit dem Binder arbeiten Sie also. Dann muß ich Sie
festnehmen."
Ich wurde nun zu einem Überfallwagen geleitet, einem offenen Wagen mit Bänken.
Ich nahm auf der hintersten Bank Platz, der erste Fang des Tages.
Der Empfang hatte sich noch gesittet gestaltet, als lebten wir noch in der
Weimarer Republik. Bald sollte es anders werden.
Aus den Haustoren und hinter den Straßenecken des Laubenheimer Platzes tauchten
von Schupoleuten geführt neue Opfer auf. Manche unversehrt, manche sich den
Kopf haltend. Sie füllten die Bänke. Neben mir kam mein Hausherr und
Arbeitgeber zu sitzen. Sein Krawattenknoten hing tief über die Jacke hinab. Das
Taschentuch, das er vor seiner Nase hielt, war von Blut getränkt. Wenn er es
abnahm, kamen die Trümmer einer einst schmalen und gebogenen Nase zum
Vorschein. Wir sprachen kein Wort. Was, dachte ich, mag der Binder nur verbrochen
haben, Binder, der sich so geflissentlich von jeder Politik fernhielt?
Es füllten sich die Bänke. Mein Freund Thomas der Schauspieler, und noch ein
Schauspieler. Ein Maler. Ein Verleger. Ein dürrer alter Mann, den ich nicht
kannte, und der so zitterte, daß er die Zigarette nicht zum Mund führen
konnte. Der bekannte Individualpsychologe S.M. Fast alle Spuren von
Schlagwerkzeugen auf den Gesichtern und Kleidern tragend. Feuerwehr war
inzwischen vorgefahren. Nicht um den Brand zu löschen, der aus einem kleinen
Scheiterhaufen, genährt von Fahnentuch, Gemälden und Bildern vor uns
dahinbrannte, sondern um mit hohen Leitern durch die Fenster in verschlossene
Wohnungen einzudringen.
Die Prügeltracht, die der eine und der andere bei seiner Verhaftung abbekommen
hatte, schien unseren Wächtern ungenügend zu sein. So kletterten sie auf den
Wagen, ein Schupo- und ein SA-Mann und schlugen uns mit ihren Gummiknüppeln auf
die Köpfe, was immer wir auch taten, was immer wir auch zu tun unterließen.
Der Schupomann stand bei dieser Verrichtung dem SA-Mann nicht nach, er gehörte
dem Kommando zur besonderen Verwendung des Obersten Wrede an, einer aus
Nazipolizisten nach dem Machtantritt Hitlers gebildeten Stoßtruppe. Und je
höher die Sonne stieg, je trockener unsere Kehlen und je feuchter unsere
Stirnen wurden, je mehr Leute sich um uns sammelten, um so wilder handhabten
unsere beiden Wächter ihre Schlaginstrumente, um so unflätiger wurden ihre
Worte.
Das Publikum verhielt sich in seiner Mehrzahl schweigsam. Ich sah Lola, Thomas'
Frau, ich sah Fräulein Tillinger, bei der ein Teil meiner Bücher untergebracht
war, ich sah Bekannte und Verwandte der Opfer. Ihre Gesichter waren leblos wie
Masken. Nur durch die Öffnungen zwischen den Augenlidern drangen nach außen
Strahlenbündel, die Leben verrieten, ein durch Angst und Panik gelähmtes
Leben.
Es gab im Publikum auch einige Bösartige. Um ihren Beifall warben unsere
Dompteure. Da war ein sehr sorgfältig gekleideter älterer Herr, der mit
zittriger Hand seinen Spazierstock gegen uns schwang. Es schien, als wäre er
einer der frühen Georg Grosz'schen Zeichenmappen entsprungen. Dann war da ein
Schauspieler, der mit Tragödenstimme die Anwesenden aufforderte, diese
dreckigen Juden, das waren wir, an die nächsten Bäume zu knüpfen. Er näherte
sich uns und hob schon die Hände, um Binder aus dem Wagen zu zerren, niemand
machte Anstalten, ihm dies zu verwehren, aber es stand ihm auch niemand bei. So
ließ er die Hände wieder sinken.
Noch hatte es sich nicht überall herumgesprochen, daß das Töten von Juden und
von Roten eine nationale Tugend sei. Noch hatte sich des Schauspielers Feigheit
mit der Feigheit der anderen nicht zum Heldentum vereinigt. So blieb er in der
Geste stecken, wie auf der Bühne.
Bald wird er diese Schüchternheit abstreifen und ein neues Kleid, ein braunes
oder ein schwarzes, über seine eigene Feigheit stülpen. Und er wird nicht mehr
in der theatralischen Geste stecken bleiben, er wird Menschen, wie unsereinen,
aus den Wagen schleifen und mit ihnen in den Columbiahäusern
Inquisitionstragödien auf realistisch spielen.
Nein, es hatte sich in jenen Tagen noch nicht genügend herumgesprochen, was
für eine Zeit für Deutschland angebrochen war. Und so geschah es, daß eine
Frau in der Menge zornige Worte ausstieß, so überstürzt und mit so heiserer
Stimme, daß ich nur den Sinn und nicht die Worte verstand. Im nächsten
Augenblick entschwand sie unseren Blicken, hinter den Rücken der Schupo- und
SA-Leute.
Ein Postbeamter kam nun des Weges, der vielleicht gar nichts Böses im Sinne
hatte, der uns aber mehr Schläge einbrachte, als der Schauspieler und der
ältere Herr zusammen. Der Mann hielt einen Foto-Apparat vor sich und wollte uns
in verschiedenen Ansichten fotografieren. "Hüte ab!" befahl hinter
uns der Schupomann. "Lächeln!" "Nach rechts schauen!", so
ging das immerfort, und wie schnell wir auch das von uns Geforderte
verrichteten, unser Dompteur gab sich nie zufrieden.
Schlimmer als die Prügel war die Scham. Die Scham, daß wir taten, was zu tun
uns unsere Dompteure hießen: die Hände zum Hitlergruß heben, die "Wacht
am Rhein" singen, Heil Hitler rufen. Es ist wahr, wir taten es nicht auf
den ersten Befehl, nicht nach den ersten Schlägen. Aber immerhin.
Scham auch für manche aus dem Publikum. Nicht für den älteren Herrn, der in seiner zittrigen Hand den Spazierstock schwang, - und erst recht nicht für den Schmierentragöden, der von Bäumen und Anknüpfen deklamierte - für den Postangestellten, der auf dünnen Beinen vor uns mit seinem Foto-Apparat herumhüpfte, ein Lächeln auf dem Gesicht, halb verlegen, halb geehrt.
Die Nacht verbrachten wir in einer Sammelzelle des Polizeipräsidiums, auf dem Alexanderplatz. Nach Mitternacht wurde ich zum Verhör geholt. Der Kommissär, der mich verhörte, war korrekt - es gab in jenen frühen Tagen des Dritten Reiches noch alte Beamte am Alex. Ich wußte, wenn ich in dieser Nacht nicht freikomme, so werde ich nie oder nur nach vielen Jahren freikommen. In diesem Rummel der Massenverhaftungen werden sie keine Zeit haben nachzusehen, ob über mich ein Akt in den Archiven besteht. Bleibe ich hier, so werden sie den Akt finden und darin die Geschichte mit Leuna, die ihnen sehr mißfallen wird. Dann bin, ich geliefert.
Diese Einsicht in die Gefahr machte mein Denken kalt, und präzis, als ginge es nicht um meinen Kopf. Ich benahm mich wie ein irrtümlich verhafteter Diplomat. Bestand darauf, meinen Gesandten zu sprechen, der, wenn man mir glaubte, mein bester Freund war. Ich forderte, daß man meinen Rechtsanwalt, den ich nicht hatte, auf der Stelle verständige. Je eindringlicher ich wurde, um so versöhnlicher wurde der Kommissär. Schließlich eröffnete er mir, daß er mich, in Anbetracht der guten, ja freundschaftlichen Beziehungen zwischen der neuen Reichsregierung und meinem Lande, in Freiheit setzen werde. Allerdings, unter einer Bedingung: falls man in meiner Wohnung, bei der Haussuchung, die morgen früh gemacht werden sollte, nichts Belastendes finde.
Man fand nichts. Meine Freundin, die seit Wochen allein in unserer Wohnung im Norden der Stadt wohnte, war für gestern Abend mit mir vor der preußischen Staatsbibliothek verabredet. Ich kam nicht. Sie wartete. Aus Langweile kaufte sie sich den "Angriff". Die Schlagzeile sprach von der gelungenen Polizeiaktion in der Künstlerkolonie. Auf dem Foto, das da abgedruckt war, fand sie mich. Sie eilte nach Hause und säuberte die Wohnung gründlich, entfernte alle verdächtigen Bücher und Manuskripte.
Man fand also nichts. Ich war frei.
(...)
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