Die Farben der Insel von Kristín Marja Baldursdóttir, 2009, Krüger

Kristin Marja Baldursdóttir

Die Farben der Insel
(Leseprobe aus: Die Farben der Insel, Roman, 2009, Krüger - Übertragung von Coletta Bürling).

»Besitzt du kein Foto von ihm?«, fragten Ólafía und Sveina an

dem Abend, an dem wir so etwas wie Freundinnen wurden, und sie

meinten damit ein Bild von meinem Ehemann Sigmar. Ich antwortete,

dass ich kein Foto besäße, aber viele Zeichnungen, die mein Bruder

Ólafur in Reykjavík aufbewahrte. Ich erwähnte nicht, dass diese Bilder

ihn nackt zeigten und aus der Zeit stammten, als wir kaum etwas

anderes taten, als uns zu lieben und Kinder in die turbulente Welt zu

setzen. Mein Bruder Ólafur, der diese Zeichnungen natürlich gefunden

hatte, als er meine Bilder bei sich einlagerte, sagte später einmal

zu mir: »Erst als ich die Zeichnungen von Sigmar sah, wurde mir klar,

was für eine Künstlerin du bist.« Auch diese seine Worte erwähnte ich

nicht, als wir drei an dem Abend oben im Gemeindehaus saßen und

uns bis tief in die Nacht unterhielten.

Das war in dem Jahr, als ich die erste Bühnendekoration für sie

gestaltete. Sie entstand in allerletzter Minute, und die Schwippschwägerinnen

standen kurz vor einem Nervenzusammenbruch, weil sie befürchteten,

dass ich sie nicht rechtzeitig vollenden könnte. Deswegen

wichen sie nicht von meiner Seite, bis ich fertig war. Aber in dieser

Gesellschaft ging mir die Arbeit gut von der Hand; wir unterhielten

uns in vertraulichem Ton, wie Frauen es zu tun pfl egen, wenn alles

still geworden ist und keine Kinder in der Nähe sind. Sie versorgten

mich ständig mit Kaffee und frisch gebackenen Plätzchen. Es war

kurz vor Weihnachten, und als vorbildliche Hausfrauen waren sie bereits

mit allem fertig. Deswegen waren sie guter Dinge und geizten

nicht mit Informationen über ihr Leben. Und nachdem sie detailliert

geschildert hatten, wie jedes einzelne ihrer Kinder auf die Welt gekommen

war, denn andere außergewöhnliche Dinge hatten sich nicht

in ihrem Leben ereignet, war die Reihe an mir. Weil ich so einsam

gewesen war und es mir an menschlichen Kontakten gefehlt hatte,

war ich wahrscheinlich redseliger, als ich es mir im Nachhinein gewünscht

hätte. Ich erzählte ihnen von meiner Kindheit in den Westfjorden,

von meinen Jahren als Wäscherin in Akureyri, von den Studienjahren

in Kopenhagen, dem Heringssommer in Siglufjörður, als

ich gerade vom Studium an der Kunstakademie zurückgekehrt war

und Geld brauchte, um mir ein Atelier einrichten zu können. »Ich bin

nach Siglufjörður gegangen und hatte vor, Unmengen von He ringen

einzusalzen und reich zu werden, aber dann kapitulierte ich vor der

Liebe, und deshalb klappte es auch nicht mit dem Atelier.« Ich erzählte

ihnen, was für ein schöner Mann Sigmar mit seinen seegrünen

Augen war, und die beiden lauschten mir wie hypnotisiert. Dabei

wollte ich es bewenden lassen, aber sie baten mich inständig darum,

mehr zu erzählen. Frauen lieben es, über die Liebe zu reden, und ich

bekam Auftrieb durch ihr Interesse und erzählte ihnen von meinen

Jahren mit Sigmar im östlichen Borgarfjörður eystri, wie entschlossen

er gewesen war, ein reicher Reeder zu werden, und wie ich trotz der

drei Kinder versucht hatte zu malen, und dann kam dieser traurige

Abschnitt in meinem Leben. Da hätte ich aufhören sollen, aber das

konnte ich nicht, der Mensch tendiert unwillkürlich dazu, sich immer

wieder die Ereignisse ins Gedächtnis zu rufen, die Narben auf der

Seele hinterlassen haben; ich erzählte ihnen von meiner Krankheit,

wobei ich allerdings die seelischen Qualen ausließ und stattdessen

mehr auf die Magenbeschwerden einging; von Sigmars Abwesenheit

und von meiner Schwester Bjarghildur, die eines Tages zu Besuch gekommen

war und meine Tochter mitgenommen hatte. Ich war nicht

zu bremsen und verstand mich selber nicht. Ich erzählte ihnen davon,

dass ich nur mit meinen beiden Söhnen in den Öræfi -Bezirk übersiedelte,

wo ich bei einer guten Frau unterkam und wieder gesund

wurde. Dreizehn Jahre lang hatte ich dort gelebt, bis schließlich der

Krieg ausbrach. Die beiden schwiegen und sperrten wegen eines derartigen

Schicksals Mund und Nase auf, doch dann wollten sie noch

mehr über die Liebe wissen und fragten nach Sigmar. Er sei doch so

schön gewesen, was war aus ihm geworden? Ich erzählte ihnen, dass

er etwa um die Zeit, als ich in den Südosten Islands ging, nach Italien

gesegelt und erst dreizehn Jahre später zurückgekehrt war. »Und was

hat er die ganze Zeit gemacht?«, fragten sie äußerst gespannt. Ich gab

vor, nichts darüber zu wissen, ich hätte ihn nie danach gefragt und

hätte auch nicht vor, das zu tun. Aber wir lebten getrennt, auch wenn

wir nicht geschieden seien. »Und warum habt ihr euch nicht scheiden

lassen, wo ihr doch schon all die Jahre nicht zusammenlebt?«, fragten

sie verwundert.

Das wollte ich ihnen nicht sagen.

»Hast du denn kein Foto von ihm?«, fragten sie, denn diesen schönen

Mann wollten sie unbedingt sehen. Aber da ich kein Foto von

ihm besaß, zeigte ich ihnen stattdessen ein Bild von unseren beiden

Söhnen Jón und Sumarliði, die jetzt auf der höheren Schule in Akureyri

waren, und sie fanden, dass die beiden sehr gut aussahen. Das

Foto von meiner Tochter Halldóra, das ich in einem Anhänger um

den Hals trug, wollte ich ihnen nicht zeigen, denn dann hätte ich noch

mehr von meiner Schwester Bjarghildur erzählen müssen, und das

hätte mir die Laune verdorben. Was ungünstig ist, wenn man malen

muss. Auf diese Weise wurde ich in der Nacht mit den Kulissen fertig,

und seitdem habe ich jedes Jahr bei diesem Aufstand wegen der Bühnendekoration

mitmachen müssen. Sie zogen weitere Erkundigungen

über meine Familie ein, das kam mir zu Ohren, und sie fanden heraus,

dass alle es zu etwas gebracht hatten. Sigmar gehörte zu den reichsten

Reedern des Landes, mein Bruder Ólafur war Rechtsanwalt, mein

kleiner Bruder Páll war Lehrer, und meine Schwester Bjarghildur war

mit einem Abgeordneten verheiratet und außerdem Vorsitzende des

Frauenvereins im Norden. Also brachten sie mir einigen Respekt entgegen,

obwohl sie es seltsam fanden, dass ich nicht bei meiner Familie

in Nordisland lebte. Aber sie gaben mir zu verstehen, dass es gut

war, mich in Eyrarbakki zu haben. Vor allem vor den Weihnachtsaufführungen,

fügte ich hinzu. Und wieder einmal musste ich mich mit

isländischer Landschaft herumquälen, obwohl ich nichts langweiliger

fand.

Sie waren in der Küche und beugten sich mit ihren Kaffeetassen

in der Hand in der Durchreiche vor. Von der ganzen Frauenschar,

die sich abends für die Aufführung abgerackert hatte, waren sie als

einzige übriggeblieben. Unten im Saal war alles klar, die Bühne war

geschrubbt, die Kostüme waren fertig, und die Requisiten standen

an ihrem Platz, es fehlten nur noch die Kulissen. »Ob sie wohl bis

morgen trocken sein werden?«, fragten die Frauen besorgt. Ich antwortete

nicht, ich hatte aus dem Fenster geschaut, und es kam mir so

vor, als hätte ich weit draußen auf dem Meer ein Licht in der Finsternis

gesehen. »Ist das da ein Licht?«, fragte ich und ließ die Pinsel

fallen. Sie streckten die Köpfe vor und starrten in die Finsternis hinaus:

»Das ist das Licht von einem Schiff, das in voller Fahrt auf den

Hafen zuhält.«

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