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Die Farben der Insel
»Besitzt du kein Foto von ihm?«, fragten Ólafía und Sveina an
dem Abend, an dem wir so etwas wie Freundinnen wurden, und sie
meinten damit ein Bild von meinem Ehemann Sigmar. Ich antwortete,
das
s ich kein Foto besäße, aber viele Zeichnungen, die mein BruderÓlafur in Reykjavík aufbewahrte. Ich erwähnte nicht, dass diese Bilder
ihn nackt zeigten und aus der Zeit stammten, als wir kaum etwas
anderes taten, als uns zu lieben und Kinder in die turbulente Welt zu
setzen. Mein Bruder Ólafur, der diese Zeichnungen natürlich gefunden
hatte, als er meine Bilder bei sich einlagerte, sagte später einmal
zu mir: »Erst als ich die Zeichnungen von Sigmar sah, wurde mir klar,
was für eine Künstlerin du bist.« Auch diese seine Worte erwähnte ich
nicht, als wir drei an dem Abend oben im Gemeindehaus saßen und
uns bis tief in die Nacht unterhielten.
Das war in dem Jahr, als ich die erste Bühnendekoration für sie
gestaltete. Sie entstand in allerletzter Minute, und die Schwippschwägerinnen
standen kurz vor einem Nervenzusammenbruch, weil sie befürchteten,
dass ich sie nicht rechtzeitig vollenden könnte. Deswegen
wichen sie nicht von meiner Seite, bis ich fertig war. Aber in dieser
Gesellschaft ging mir die Arbeit gut von der Hand; wir unterhielten
uns in vertraulichem Ton, wie Frauen es zu tun pfl egen, wenn alles
still geworden ist und keine Kinder in der Nähe sind. Sie versorgten
mich ständig mit Kaffee und frisch gebackenen Plätzchen. Es war
kurz vor Weihnachten, und als vorbildliche Hausfrauen waren sie bereits
mit allem fertig. Deswegen waren sie guter Dinge und geizten
nicht mit Informationen über ihr Leben. Und nachdem sie detailliert
geschildert hatten, wie jedes einzelne ihrer Kinder auf die Welt gekommen
war, denn andere außergewöhnliche Dinge hatten sich nicht
in ihrem Leben ereignet, war die Reihe an mir. Weil ich so einsam
gewesen war und es mir an menschlichen Kontakten gefehlt hatte,
war ich wahrscheinlich redseliger, als ich es mir im Nachhinein gewünscht
hätte. Ich erzählte ihnen von meiner Kindheit in den Westfjorden,
von meinen Jahren als Wäscherin in Akureyri, von den Studienjahren
in Kopenhagen, dem Heringssommer in Siglufjörður, als
ich gerade vom Studium an der Kunstakademie zurückgekehrt war
und Geld brauchte, um mir ein Atelier einrichten zu können. »Ich bin
nach Siglufjörður gegangen und hatte vor, Unmengen von He ringen
einzusalzen und reich zu werden, aber dann kapitulierte ich vor der
Liebe, und deshalb klappte es auch nicht mit dem Atelier.« Ich erzählte
ihnen, was für ein schöner Mann Sigmar mit seinen seegrünen
Augen war, und die beiden lauschten mir wie hypnotisiert. Dabei
wollte ich es bewenden lassen, aber sie baten mich inständig darum,
mehr zu erzählen. Frauen lieben es, über die Liebe zu reden, und ich
bekam Auftrieb durch ihr Interesse und erzählte ihnen von meinen
Jahren mit Sigmar im östlichen Borgarfjörður eystri, wie entschlossen
er gewesen war, ein reicher Reeder zu werden, und wie ich trotz der
drei Kinder versucht hatte zu malen, und dann kam dieser traurige
Abschnitt in meinem Leben. Da hätte ich aufhören sollen, aber das
konnte ich nicht, der Mensch tendiert unwillkürlich dazu, sich immer
wieder die Ereignisse ins Gedächtnis zu rufen, die Narben auf der
Seele hinterlassen haben; ich erzählte ihnen von meiner Krankheit,
wobei ich allerdings die seelischen Qualen ausließ und stattdessen
mehr auf die Magenbeschwerden einging; von Sigmars Abwesenheit
und von meiner Schwester Bjarghildur, die eines Tages zu Besuch gekommen
war und meine Tochter mitgenommen hatte. Ich war nicht
zu bremsen und verstand mich selber nicht. Ich erzählte ihnen davon,
dass ich nur mit meinen beiden Söhnen in den Öræfi -Bezirk übersiedelte,
wo ich bei einer guten Frau unterkam und wieder gesund
wurde. Dreizehn Jahre lang hatte ich dort gelebt, bis schließlich der
Krieg ausbrach. Die beiden schwiegen und sperrten wegen eines derartigen
Schicksals Mund und Nase auf, doch dann wollten sie noch
mehr über die Liebe wissen und fragten nach Sigmar. Er sei doch so
schön gewesen, was war aus ihm geworden? Ich erzählte ihnen, dass
er etwa um die Zeit, als ich in den Südosten Islands ging, nach Italien
gesegelt und erst dreizehn Jahre später zurückgekehrt war. »Und was
hat er die ganze Zeit gemacht?«, fragten sie äußerst gespannt. Ich gab
vor, nichts darüber zu wissen, ich hätte ihn nie danach gefragt und
hätte auch nicht vor, das zu tun. Aber wir lebten getrennt, auch wenn
wir nicht geschieden seien. »Und warum habt ihr euch nicht scheiden
lassen, wo ihr doch schon all die Jahre nicht zusammenlebt?«, fragten
sie verwundert.
Das wollte ich ihnen nicht sagen.
»Hast du denn kein Foto von ihm?«, fragten sie, denn diesen schönen
Mann wollten sie unbedingt sehen. Aber da ich kein Foto von
ihm besaß, zeigte ich ihnen stattdessen ein Bild von unseren beiden
Söhnen Jón und Sumarliði, die jetzt auf der höheren Schule in Akureyri
waren, und sie fanden, dass die beiden sehr gut aussahen. Das
Foto von meiner Tochter Halldóra, das ich in einem Anhänger um
den Hals trug, wollte ich ihnen nicht zeigen, denn dann hätte ich noch
mehr von meiner Schwester Bjarghildur erzählen müssen, und das
hätte mir die Laune verdorben. Was ungünstig ist, wenn man malen
muss. Auf diese Weise wurde ich in der Nacht mit den Kulissen fertig,
und seitdem habe ich jedes Jahr bei diesem Aufstand wegen der Bühnendekoration
mitmachen müssen. Sie zogen weitere Erkundigungen
über meine Familie ein, das kam mir zu Ohren, und sie fanden heraus,
dass alle es zu etwas gebracht hatten. Sigmar gehörte zu den reichsten
Reedern des Landes, mein Bruder Ólafur war Rechtsanwalt, mein
kleiner Bruder Páll war Lehrer, und meine Schwester Bjarghildur war
mit einem Abgeordneten verheiratet und außerdem Vorsitzende des
Frauenvereins im Norden. Also brachten sie mir einigen Respekt entgegen,
obwohl sie es seltsam fanden, dass ich nicht bei meiner Familie
in Nordisland lebte. Aber sie gaben mir zu verstehen, dass es gut
war, mich in Eyrarbakki zu haben. Vor allem vor den Weihnachtsaufführungen,
fügte ich hinzu. Und wieder einmal musste ich mich mit
isländischer Landschaft herumquälen, obwohl ich nichts langweiliger
fand.
Sie waren in der Küche und beugten sich mit ihren Kaffeetassen
in der Hand in der Durchreiche vor. Von der ganzen Frauenschar,
die sich abends für die Aufführung abgerackert hatte, waren sie als
einzige übriggeblieben. Unten im Saal war alles klar, die Bühne war
geschrubbt, die Kostüme waren fertig, und die Requisiten standen
an ihrem Platz, es fehlten nur noch die Kulissen. »Ob sie wohl bis
morgen trocken sein werden?«, fragten die Frauen besorgt. Ich antwortete
nicht, ich hatte aus dem Fenster geschaut, und es kam mir so
vor, als hätte ich weit draußen auf dem Meer ein Licht in der Finsternis
gesehen. »Ist das da ein Licht?«, fragte ich und ließ die Pinsel
fallen. Sie streckten die Köpfe vor und starrten in die Finsternis hinaus:
»Das ist das Licht von einem Schiff, das in voller Fahrt auf den
Hafen zuhält.«
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