Die perfekte Lüge von Julianna Baggott, 2001, Nagel&KimcheJulianna Baggott

Die perfekte Lüge
(aus: Die perfekte Lüge, Roman, 2001, Nagel & Kimche)

Einen Monat vor dem Tod meines Vaters im Herbst 1998 tauchte Church Fiske an meiner Tür auf. Ich hatte ihn nicht mehr zu Gesicht bekommen seit dem Sommer, als mein Vater sich mit einer rothaarigen Bankangestellten aus Walpole aus dem Staub machte, jenem Sommer - ich war fünfzehn -, als meine Mutter beschloss, mir die Kunst der Auslassung beizubringen, wie man die perfekte Lüge erzählt, oder genauer, wie man die Wahrheit - mit ein wenig Mühe und Konzentration - aus dem Sortiment von Wahrheiten auswählt, die das Leben im Angebot hat. Damit ich jedoch ihre Kunst wahrhaft schätzen lernte, das wusste meine Mutter, musste sie mir erst die reine, die nackte Wahrheit offenbaren, um mir zu zeigen, welche Änderungen sie vorgenommen hatte. Wie ein Gangster, der seinem Kind beibringen muss, dass er keineswegs Violine spielt, sondern in dem Geigenkasten eine Halbautomatische spazieren trägt, verbrachte meine Mutter, Dotty Jablonski, diesen bewegten Sommer damit, Geigenkästen zu öffnen und mir ihre Kanonen zu zeigen.
Mit Church kehrte natürlich vieles von dem Sommer zurück. Zusammen hatten wir unbeholfen unsere Unschuld verloren, im Swimming-Pool eines Privatgartens in Bayonne, New Jersey. Diesen Sommer aber habe ich seither unaufhörlich dekonstruiert und rekonstruiert, zusammen mit all dem, was ich über meine Mutter erfahren hatte - von ihrem weinerlichen und ewig geduldigen Vater, ihrer dauerbetrunkenen, brandstiftenden Mutter, von ihrer ersten Liebe, Anthony Pantuliano, der in Bayonne in der Fabrik für Tierverwertung arbeitete, von der Klosterschule, in der sie um ein Haar aus Liebe zu einer Nonne mit Kinderlähmung ertrunken wäre, und weshalb sie meinen Vater geheiratet hatte, den gutmütigen Dummkopf. Und kürzlich erst, fast fünfzehn Jahre später, dämmerte mir, dass ich noch mehr wie meine Mutter bin als meine Mutter selbst, dass ich mein Leben lang darauf aus war, ihr schäbiges Leben nachzule-ben, wobei ich wechselweise in die diversen Hauptrollen schlüpfte.

Rezension I Buchbestellung III01 LYRIKwelt © Nagel & Kimche