Zeit der Habichte von Ursel Bäumer, 2011, Dörlemann

Ursel Bäumer

Zeit der Habichte
(Leseprobe aus: Zeit der Habichte, Roman, 2011, Dörlemann Verlag).

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Es ist heiß hier und still. Man hört einfach alles.
Man hört den heißen Wind, das Zittern der Desert Oaks. Die schnellen Propellerbewegungen der Fliegen.
Man hört, dass niemand kommt.
Dabei habe ich die ganze Zeit das Gefühl, dass ich beobachtet werde, als wüsste jemand, dass ich hier bin. Als sähe er es am Zittern der Bäume, an den Zeichen im roten Sand, am Flüstern des Windes. Wahrscheinlich ist er nicht weit. Ich könnte seinen Atem hören. Aber er scheint nicht zu atmen, wie ich. Er braucht nicht zu atmen. Es ist zu heiß. Er weiß, die Luft verbrennt alles.
Ich hab überall am Straßenrand seine Zeichen gesehen. Hängende Autoreifen an den weißen Zweigen der Eukalyptusbäume, Steine zu Türmen aufgeschichtet. Steinspuren. Irgendwo in der roten Erde horcht er auf meine Schritte. Er weiß, dass ich nicht mehr lange durchhalten kann, wenn niemand über diese Straße kommt und mich mitnimmt. Er hat Zeit und die Gabe, Erinnerungen aufzuspüren. Er kann sie riechen. Er kann sie hören. Er spürt ihre Schwingungen. Er hört die Schwingungen meiner Fußabdrücke.

Als ich hierher fuhr, dachte ich nur an Henry, ich ahnte nichts von diesem unbekannten Spurenleser. Merkwürdig, dass ich trotzdem ruhig bin, seltsam ruhig, als schaute ich mir selber zu. So wie der Mann, der in der Wüste sein Fotostativ aufbaut und mit einem Selbstauslöser alles festhält, was er tut: wie er sich ans Auto lehnt, das bis über die Reifen im Sand feststeckt; wie er sich hinkniet, um unter das Blech zu greifen, als könne er das Auto einfach aus dem Sand heraustragen; seine Feldflasche, die er mit der Öffnung nach unten in die Kamera hält; sein Gesicht so nah, dass man nur Hautkrater um die Augen erkennen kann.

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