Hundert Tage
(Leseprobe aus:
Hundert Tage,
Roman, 2008, Wallstein-Verlag).
Auf der Terrasse des Hotels des Grands Lacs
fand jeden Morgen die Versteigerung der Toten statt, die Zahlen wurden an die
drängelnden Presseleute verkauft, und die Vertreter der Hilfsorganisationen
benahmen sich wie Jahrmarktsschreier, bemüht, möglichst hohe Opferzahlen
präsentieren zu können, denn eine große Zahl in den Schlagzeilen bedeutete eine
große Zahl auf ihrem Spendenkonto ...
Ich habe in den Jahren danach versucht, jede Aufregung von meinem Leben
fernzuhalten, und nur manchmal, wenn ich all die klugen Leute höre und all die
schlauen Bücher lese, die seither über diese Zeit geschrieben wurde, dann suche
ich in den Stichwortregistern meinen Namen, auch den Namen des kleinen Paul, den
Eintrag unter Direktion für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe, und
wenn ich ausnahmsweise fündig werde, dann steht da höchstens, dass wir dort
gewesen sind, und vielleicht noch, dass wir von allen Nationen das meiste Geld
in dieses Land gesteckt haben. Unser Glück war immer, dass bei jedem Verbrechen,
an dem je ein Schweizer beteiligt war, ein noch größerer Schurke seine Finger im
Spiel hatte, der alle Aufmerksamkeit auf sich zog und hinter dem wir uns
verstecken konnten. Nein, wir gehören nicht zu denen, die Blutbäder anrichten.
Das tun andere. Wir schwimmen darin. Und wir wissen genau, wie man sich bewegen
muss, um obenauf zu bleiben und nicht in der roten Soße unterzugehen.
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