Die erste Geige spielt der Tod von Reinhardt Badegruber, 2009, echomedia

Reinhardt Badegruber

Die erste Geige spielt der Tod
(Leseprobe: Die erste Geige spielt der Tod, Roman, 2009, Echomedia-Verlag).

„Wenn Sie einen Geiger brauchen, suchen Sie ihn in der Hölle!“, sagte der Richard Beerenleitner zum Mann hinter der Glasscheibe.

Beerenleitner, ein emeritierter Chefredakteur der Boulevardzeitung „Großes Blatt“, versuchte gerade die Passkontrolle

auf dem Flughafen Schwechat hinter sich zu bringen. Er hatte vor, mit seiner Ehefrau Anneliese nach Miami zu fliegen. Er

brauchte Erholung – und noch dringender: Abstand zu den Ereignissen der vergangenen Tage. Die hatten sein Gehirn durch

den Mixer gejagt.

Gott sei Dank war die Grenzpolizistin, die mit dem Feschak, der gerade Beerenleitners Pass durchblätterte, gemeinsamen

Dienst versah, Abonnentin des „Großen Blattes“ und erkannte Beerenleitner sofort wieder. Die Fratze war einprägsam wie

ein Fahndungsfoto. Sie war heute Früh auf der Titelseite des „Großen Blattes“ gewesen. „Ignorieren!“ Die Beamtin stieß den Kollegen mit dem Ellenbogen

in die Nieren. „Das ist ein berühmter Redakteur“, flüsterte sie.

Der junge Beamte runzelte kurz die Stirn. Von mir aus!, dachte er sich. Journalisten war ja schließlich jeder Wahnsinn

zuzutrauen. Dann zeigte er mit dem Daumen hinter sich. Das hieß: „Weitergehen!“

„Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass Musiker menschenlieb sind“, belehrte Beerenleitner den Grenzbeamten noch und begann

zu rennen.

„Mir ist schlecht“, raunte Beerenleitner dabei seiner Frau zu und verschwand in der Toilette.

„He, he!!! Da stimmt doch was nicht!“, schrie der junge Polizist und hebelte schon seinen Kontrollverschlag auf.

„Lass ihn!“, befahl ihm seine Kollegin. „Ich mach das schon.“

Langsam schlenderte die Beamtin auf Frau Beerenleitner zu und legte besorgt ihren Arm um deren Schultern: „Was hat er

denn? Nimmt er Rauschgift?“

„Schlimmer noch“, antwortete die Ehefrau. Sie wollte der Polizistin gerade „Mein Mann hat Flugangst!“ ins Gesicht lügen,

als ihr einfiel, das „Kontrollorgan“ könnte den Auftrag bekommen haben, Risikopassagiere schon im Vorfeld auszusortieren.

Deshalb erzählte sie der Uniformierten die halbe Wahrheit:

„Mein Mann hat gestern Schreckliches erlebt. Ihm ist, als wäre er bei voller Fahrt aus dem Waggon einer Geisterbahn

gefallen. Er steht unter Schock.“

Die Beamtin fiepte. Ihre Ohren begannen zu glühen. Aus ihrer Nase wich das Blut. Blöd brauchte ihr diese Upperclass-Tussi

nicht zu kommen. Sie pumpte ihre Lungen voll und schickte sich an, „andere Seiten aufzuziehen“, als ihr der Aufmacher

des „Großen Blattes“ wieder einfiel. „Beerenleitner zerschlägt Spaß-Mafia!“, stand da in büroklammerhohen

Lettern. Ein Titel über vier Spalten. Und das dreizeilig. Darunter leuchtete ein blutrotes Foto: Beerenleitner

hob darauf den Arm an. „Bedroht er den halbnackten Affen unter sich?“, fragte sich jeder Leser. „Oder ist der Gefesselte

auf dem Boden ein Perverser aus der Lederszene?“ Und schon wurden die Leser in die Geschichte hineingesogen. Von „seelischen

Abgründen“,

„Löchern im Boden“ und „Musikanten des Teufels“ war da die Rede. Der Autor des Knüllers, ein gewisser

Mag. Kleiner, ernannte Richard Beerenleitner zum „Rotlicht-Wallraff Wiens“.

„Wohin fliegen Sie denn?“, fragte nun die Beamtin besorgt.

„Nach Florida.“

(...)

Rezension I Buchbestellung I home 0I11 LYRIKwelt © Echo Media Verlag