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Auf der blauen
Spielwiese
(Leseprobe aus: Glücksmarie, Roman, Transit-Verlag)
Den Löffel in der Zuckerdose, den leckt man nicht ab, mit dem holt man den
Zucker nur und tunkt ihn nicht in die Tasse mit dem Kakao und rührt nicht um
mit ihm und leckt ihn nicht ab, da kriegt man eine gescheuert von Onkel Herbert.
Und das wiederholt sich, weil ich es nicht begreife. Schau mal, Onkel Herbert,
wie gut ich das kann! Und plumps, landet der Löffel in der Tasse bei der
Aufregung und Angst, will es doch diesmal richtig machen und nur nicht wieder
eine gescheuert kriegen.
Onkel Herbert bleibt, auch wenn er nicht schlägt, ein Schläger. Ein Schläger
im Winterschlaf. Es ist in der Luft.
Wir sind vor drei Monaten, seit ich zur Schule gehe, in ein Eckhaus gezogen, in
der Nähe der Mauer, mit vielen Fenstern und viel Licht, in eine Wohnung im
zweiten Stock. Ein Haus an der Ecke der Uppsalastraße. Uppsala, ein
geheimnisvolles Wort, ein geheimnisvoller Ort. Ein Schrecken sitzt darin, mit
dem macht man einen Satz nach vorn, upps, um gleich davon zu springen, ala,
allen Übermut hänge ich an dieses Wort und hüpfe mit ihm fort und über die
Meere. Auf der Erde soll es noch andere Meere als die Ostsee geben, heißt es,
tiefere, dunklere, wildere, mit Wellen wie Hochhäuser so hoch, höher noch.
Sprachlose Wesen darin, das ist gut. Wesen ohne böse Sätze, die stummen Fische
und die singenden Nixen und Meeresfeen und Undine. Ein Summen und Rauschen, ein
Rufen und Sehnen, aber keine Worte, nur Gesang.
Mein Zimmer liegt neben der Eingangstür, zur Straße hin, dort fährt die Straßenbahn
um die Ecke. Hinter dem Kinderzimmer liegen zwei Wohnzimmer, in der Mitte vom
ersten die blaue Spielwiese, daneben die Schallplattenanlage, der Fernseher
kommt später. Das Wohnzimmer an der Ecke hat einen Wintergarten mit Gummibäumen,
ein Bücherregal, dazwischen steht der Eßtisch. Sonntags frühstücken Tante
Carola und Onkel Herbert nicht vor Zwölf; ich habe viel Zeit, den Tisch zu
decken. Das Schlafzimmer befindet sich über dem HO-Laden in der Uppsalastraße,
zum Hof hin eine Kammer, in die nicht mehr als eine Liege paßt, daneben das Bad
und gegenüber von meinem Zimmer die Küche. Dort wird die ganze Wohnung geheizt
mit einem kleinen Ofen, der frißt eimerweise Kohlen und spuckt noch mehr Asche
aus. Wir haben jetzt schon ein Telefon im Flur.
Die Uppsalastraße führt zur Mauer, hinter der Mauer liegt der Wedding, der
Westen. Bis zum Mauerbau frage ich manchmal noch Tante Carola: «Fahren wir
wieder in das Land, wo es Bananen gibt?» Irgendwann ist Schluß mit den
Bananen.
Tante Carola färbt Augenbrauen und Wimpern, zupft mit der Pinzette störende Härchen
über den Augen und um die Brustwarzen, feilt die Nägel ihrer schmalen Hände
rund, schiebt die Haut über dem Nagelbett zurück, bis die Halbmonde schön zum
Vorschein kommen; sie steckt die dunkel gefärbten Haare hoch übers Haarteil,
sammelt Haarnadeln, Lippenstifte und Schuhe mit Bleistiftabsätzen, legt sich
unter die Höhensonne, trinkt zum Abführen Karlsbader Salz und fährt auf dem Rücken
liegend mit den Beinen Rad.
Ich bringe Tante Carolas Nylonstrümpfe mit den Laufmaschen zur Reparatur und
hole sie wieder ab. Ich putze ihre Schuhe und würge wie sie das bittere
Karlsbader Salz hinunter, zehn Gläser am Tag. Schlank sein. Wir scheißen uns
die Seele aus dem Leib. Zum Karlsbader Salz kommt nun noch Cognac, denn Tante
Carola entdeckt eines Tages, wenn sie Cognac am Abend trinkt, hat sie am nächsten
Morgen abgenommen. Den Cognac probiere ich heimlich. Tante Carola sagt, ich sei
fett, faul und gefräßig.
Das Paket mit der Bettwäsche, das ich einmal im Monat von der Reinigung hole,
wiegt schwerer als der Sack, über die Schulter geworfen, mit der schmutzigen Wäsche,
den ich ein paar Tage vorher hingebracht habe. Die Arme zittern vom Tragen. Zehn
Pfund Kartoffeln und auch noch zehn Club-Cola-Flaschen. Jeden Morgen liegt ein
Zettel auf dem Küchentisch mit einer Liste von Aufträgen, die ich nach der
Schule zu erledigen habe, bis Tante Carola aus der Klinik kommt. Staubwischen,
Asche ’runterbringen, Kohlen holen, sechs Eimer, abwaschen, Teppichfransen kämmen,
alle Klinken und das Messing polieren, Glastisch und Spiegel putzen, den Müll
’runterbringen, Pflanzen gießen, Blumen, die Onkel Herbert Tante Carola
geschenkt hat und nun verwelkt sind, werfe ich in den Müll. Tante Carola
bekommt einen Tobsuchtsanfall: «Du hast meine Blumen, meine schönen Blumen
weggeworfen!» Und verhaut mich.
Onkel Herbert wartet schon an der Wohnungstür, als Tante Carola spät in der
Nacht von einem Faschingsfest in der Klinik nach Haus kommt. Er empfängt sie
mit Tritten. Sie liegt am Boden. Er schließt die Tür, dann tritt er weiter.
Zerrt sie an den Haaren hoch. Knallt sie mit dem Kopf an die Wand, faßt ihr in
die Haare, nimmt ihren Kopf und knallt ihn an die Wand. Sie hat kreisrunde,
schwarze Ringe um die Augen, die heißen Brillenhämatom, da kennt sie sich aus.
Und kommen, sagt sie, vom Schädelbasisbruch. Sie ruft in der Nacht nach ihrem
Vater, am Tag nach mir. Tante Carola liegt auf der blauen Spielwiese im
Wohnzimmer, auf der sie nachts auch vögeln; ich kann es hören, in meinem
Zimmer nebenan. Jetzt vögeln sie nicht. Er kommt nicht nach Hause. Ich pflege
Tante Carola. «Sag, ich sei die Treppe ’runtergefallen, Marie!» – «Natürlich,
Mutti!» Sie hat mich immer wieder gebeten, sie Mutti zu nennen. Ich tue es nur
selten. Tante Carola ist nicht meine Mutter. Ich kenne meine Mutter nicht. Sie
ist schon gleich nach meiner Geburt verunglückt.
Der Gasgeruch ist immer da, er ist beim Kochen da und auf der Straße. Hat sich
wieder wer umgebracht. Man muß nur den Gashahn aufdrehen und nicht den Feueranzünder
an das ausströmende Gas halten. Das Gas zischt heraus, ich höre es strömen,
ein Schleichen, Pfeifen, ein leiser Tod. Ich halte nicht durch, wieder nicht,
reiße das Küchenfenster auf.
Man kann auch verbrennen. Tante Carola schläft unter der Höhensonne ein und
erwacht krebsrot. Aber stirbt man, wenn man noch länger unter der Höhensonne
liegt?
Man kann sich auch in der Badewanne ertränken, so wie beinahe der Opa, der beim
Baden eingeschlafen ist und schon ganz blau war. Aber auch das schaffe ich
nicht. Gehe lieber spazieren, würde am liebsten abhauen, stromere, scharwenzle,
komme zu spät in den Hort oder spare ihn mir ganz. Nach der Schule brauche ich
zwei Stunden für den Weg, den ich morgens in fünf Minuten schaffe, stehe an
jeder Baustelle, gucke über Bauzäune und niemanden stört es, niemand stört
mich. Komme in den Bummelstunden um die ganze Welt und zu mir. Onkel Herbert und
Tante Carola werden erst spät am Abend zu Hause sein. Muß mich eben sputen
beim Teppichfransenkämmen mit dem extra dafür vorgesehenen Fransenkamm, seid
bereit! das hole ich schon auf!
Lade schnell noch zwei Freundinnen zum Taxifahren ein, dem Fahrer sage ich, wir
müßten zur Frankfurter Allee und wieder zurück, unterwegs zähle ich
erschrocken das Geld, 2,84 Mark der DDR, hoffentlich reicht das. Der Fahrer
setzt uns wieder an der Uppsalastraße ab und will genau 2,84 Mark. Was für ein
Glück in der Welt!
Wieder liegt Tante Carola tagelang auf der blauen Liege. Warum sie nur
Spielwiese heißt? Nie spielen wir dort. Eine Wiese, die blau ist, taugt nicht
zum Spielen. Sie ist das Lager für Tante Carola nach jeder Abtreibung, bis zur
Antibabypille. Ein Dutzend kommt über die Jahre zusammen. Schließlich ist
Onkel Herbert Gynäkologe und sorgt dafür, dagegen. Da wird nicht viel
Federlesens gemacht. Tante Carola will kein Kind. Ich bin froh, wenn ich dich
groß kriege. Aber geklagt und Vorwürfe gemacht und gesagt, was für ein
Schwein! das hat sie schon. Er hat mich vergewaltigt, da wußte ich schon, es
ist wieder passiert. Manchmal sagt sie Fehlgeburt.
Sie erzählt mir alles, denn ich bin ihre beste Freundin. Von der ersten
Abtreibung an, auf dem Küchentisch in Köpenick, in der Studentenbude, die hat
er noch selbst gemacht, erzählt mir ’s im Detail, mir wird ganz bang. Tante
Carola retten! Und dann muß ich wieder die Beine breit machen.
Ich weiß nicht, ob alles stimmt, was sie mir erzählt hat. Es macht keinen
Unterschied. Ich laufe innen Amok. Das wird so bleiben. Ich hätte gern eine
Schwester, noch lieber einen Bruder. Aber Tante Carola läßt alle meine
Geschwister abtreiben, sie verschwinden, eine ganze Fußballmannschaft mit
Ersatzbank. Was ich mit der alles hätte anfangen können! Im Eimer. Onkel
Herbert hat erzählt, daß die Frühchen in den Eimer kommen. Manchmal nennt er
sie Frühchen, manchmal Föten, im Mülleimer, meine Halbbrüder, ich darf nicht
vergessen, den Müll ’runterzubringen. Meine toten Halbbrüder werden zu
Raben, die fliegen davon und leben auf Bäumen, irgendwann werden sie kommen und
mich mitnehmen.
Mit elf Jahren entschied Marie, daß sie schreiben wird, mit dem Wissen, daß
sie viele Sätze nicht schreiben darf. Das prägte ihren Stil. Das Malen beim
Schreiben vermeiden. Kein Wort zu viel, keine Beliebigkeiten. Und das Warten
darauf, daß Carola und Herbert irgendwann sterben würden. Vorher würde sie
nicht beginnen können. Wen würdest du retten, wenn du, am Ufer stehend, ihn
ersaufen sähest? Und wer würde dich retten? Würde dich deine Tante retten?
Aber du sie. Dein Onkel würde dich vielleicht retten. Und du ihn?
«Es ist schade», sagt Tante Carola, «um jeden Satz, den du nicht schreibst.»
Onkel Herbert und Tante Carola haben inzwischen die Hoffnung aufgegeben, daß
ich sie doch noch eines Tages Mutti und Vati nennen könnte. So bitten sie mich,
wenigstens dieses alberne Tante und Onkel zu lassen. Ich mag sie aber nicht
vertraulich mit ihren Vornamen ansprechen, also lasse ich ab sofort jede Anrede
weg.
Ich bin nicht nur Carolas beste Freundin, ich bin ihre einzige Freundin. Für
gemeinsame Freunde sorgt allein Herbert, Ehepaare, mit denen feiert und trinkt
man. Eigene Freundinnen hat er Carola verboten. Er verbrennt die Briefe und
Fotos aus ihrem früheren Leben. Dafür hat Herbert nun viele Freundinnen,
wechselnde. Und gute Freunde, so gute Freunde sind sie, daß sie sich
untereinander die Freundinnen weiterreichen. Carola muß nach der Abtreibung
wieder ins Krankenhaus wegen einer Eierstockentzündung. In der nächsten Zeit
spaziert fast jeden Tag eine andere hübsche Frau bei uns in der Wohnung herum.
Herbert stellt sie mir der Reihe nach vor. Sie sehen alle ein bißchen Carola ähnlich.
Die können ihr aber nicht das Wasser reichen, sagt eine Stimme in mir, Carolas
Stimme. Die Frauen sind jünger als sie, Studentinnen, Doktorandinnen, und
begeistert. Bevor Carola zurückkommt, verrate ich Herbert, welche mir am besten
gefallen hat. «Die, mit der wir den Ausflug gemacht haben.» – «Ach ja?» Er
überlegt und nickt. Jetzt bin ich zur Abwechslung auch seine Beraterin. Für
Carola beste Freundin, Kameradin, Komplizin im Leid und im Haß, für Herbert
Kumpel. Ich tue mein Bestes. Für seine grünen Augen, für ihre braunen. Damit
sie mich mal anschauen. Man soll seine Eltern achten und ehren, auch seine
Stiefeltern. Und wenn sie Hilfe brauchen und Beistand und Rat, dann können sie
sich auf mich verlassen. Es ist umsonst. Carola läßt sich nicht scheiden,
Herbert heiratet keine seiner Affären.
Der Amok in mir läuft weiter. Wir lernen bald Schießen in der Schule bei der
paramilitärischen Ausbildung. Ich bin gut im Schießen, kräftig genug, um das
Gewehr ruhig zu halten, ich mag das scharfe, genaue Zielen, den wilden Amok auf
einen Punkt bringen. Würde gern schreien. Um Hilfe, um Luft zu kriegen, um
einen Menschen herbeizurufen, die Polizei, die Kirche, das Jüngste Gericht,
einen Erwachsenen, der mich mal in den Arm nimmt. Habe alle Schreie verschluckt.
Ich schreie nicht, ich schreibe, manchmal singe ich. Pfeifen kann ich nicht.
Ich habe einen im Nacken, der schlägt, ich muß ihn im Auge behalten. Prügel für
eine Drei. Keine Reaktion bei einer Vier. Ich fälsche Carolas Unterschrift;
unter der Arbeit steht eine Zwei minus. Die Sache fliegt auf, weil ich radiert
habe. Herbert, großzügig bei Kleinigkeiten, sagt: «Warum hast du nicht alles
abgestritten? Wir hätten dann schon gesagt, daß ich unterschrieben habe.
Allerdings hätte ich dir hinterher einen Arschtritt gegeben.» Es bricht aus
mir heraus. Ich werde auffällig. «Marie schlägt ihre Mitschüler.» Dabei
erziehe ich sie nur, sie machen so viel falsch, die Rotzgören. Carola und
Herbert nehmen den Eintrag im Klassenbuch gelassen zur Kenntnis, anerkennend: «Setz
dich nur durch!» Herbert sagt: «Kindern muß man früh zeigen, daß das Leben
hart ist, dann kommen sie durch.» Darum meint Carola wohl auch, mir ginge es zu
gut, wenn ich in der Ecke hocke und mit niemandem rede, noch nicht einmal mit
Carola, meiner besten Freundin, die sich doch nicht scheiden lassen will, obwohl
sie es mir versprochen hat und jetzt sagt: «Dir geht es zu gut.» Sie sagt das
nur, weil sie Angst hat, daß ich nicht durchkomme durchs Leben, ich weiß aber,
wie ich durchkomme: Ich werde niemals heiraten. Ich habe mir längst das
Schreien abgewöhnt, staple Steine in mir. Das Herz ist ein Eisklumpen, der Kopf
tut weh von Tränen, die ich nicht weine, hinter der Stirn stecken sie fest,
auch sie gefroren, die Stirn und die Tränen. Türmen sich auf, Eisberge, drükken
von oben, drücken auf Schultern und Hals. Ich spüre die Last bis in die
Finger, kann keine Faust machen, die Knöchel tun weh, ein Scherbenhaufen.
Zwischendurch mal ein Aufbäumen, ein kurzer Ausbruch, bevor ich wieder starr in
der Ecke sitze. Carola hat dafür zwei Sätze, ihre Lieblingssätze für meine
Ausbrüche. Reiß dich zusammen! Und: Du bist wie dein Onkel.
Stupor (stupere – starr sein); Zustand geistig-körperlicher Erstarrung bei
Aufhebung aller Willensleistungen, meist ist auch der Denkvorgang eingeschränkt.
Der Stupor ist eine Erscheinungsform verschiedener seelischer Grundstörungen
und kommt z.B. bei Schreck oder Angst vor. Häufig bei Schizophrenen, besonders
bei der Katatonie. Bei diesen Patienten ist die äußerliche sichtbare
Erstarrung oft nur scheinbar, da sie entweder in einer vielfältigen, von
Halluzinationen getragenen Traumwelt leben oder doch jedes Ereignis in ihrer
Umgebung – reaktionslos – wahrnehmen! Da die Kranken völlig hilflos sind
und zum Beispiel nicht essen, unter sich lassen usw., besteht eine absolute
Indikation zur Einweisung, auch gegen den Willen uneinsichtiger Angehöriger!
Carola nimmt mich einmal mit und geht mit mir in die Kirche in der Straße neben
der Klinik, in der sie arbeitet. Vom Gottesdienst hat sie nichts, schimpft nur
auf die Kollekte. Ich merke es mir. Einige Tage später findet der Pfarrer
Carola morgens auf den Stufen seiner Kirche, hört ihr zu, spricht dann auch mit
mir. Der Pfarrer sagt, er möchte Carola retten. Ich zucke nur mit den
Schultern, das war doch nur einer ihrer vielen Hilferufe, die zu gar nichts führen.
Er sagt mir nichts Neues, aber dann doch. Er nennt, als er aufgibt, Carola
stoisch. Sie füge sich in alles. In ihr Schicksal. Eine neue Sicht. Nicht
schlecht. Fatalistisch, dumpf, stoisch ist die Preußin ihrem starken König
ergeben. Herbert zwingt mich, dem Pfarrer ein Foto von uns drei schönen,
lachenden Menschen in den Briefkasten zu stecken. Und die Episode mit dem
Pfarrer ist beendet.
Carolas Kirchen sind die Läden. Aus den Fetzen raus! Die Schönhauser Allee auf
der einen Seite hoch und auf der anderen wieder ’runter. Nicht mehr in Lumpen
laufen müssen! Schals und Tücher, Röcke, Schuhe, Kosmetik, Mäntel. Wann
tauchte das Kettchen an ihrem Fußgelenk auf? Gürtel, Handschuhe, Taschentücher.
Half nichts. Blieb das ewige Aschenputtel, blieb benachteiligt, erniedrigt und
beleidigt. Bei den Einkäufen bin ich ihr liebes Mädchen.
Bevor ich in die Schule komme, kauft mir Carola jeden Monat eine Kasperlepuppe,
später, als ich schon lesen kann, jeden Monat ein Buch. Carola liest die Bücher,
die sie mir schenkt, wir sprechen darüber, ein geheimnisvolles Band zwischen
uns, das bleibt. Mein erstes Buch ist Die kleine Meerjungfrau, das Märchen von
Hans Christian Andersen. Ich weine bittere Tränen, weil die kleine
Meerjungfrau, ihrer schönen Flosse beraubt, mit artfremden Menschenfüßen
unter Schmerzen wie auf Glasscherben laufen muß. Erst recht weine ich, weil
sie, von ihrem Liebsten verkannt, verstoßen und als Betrügerin eingesperrt, im
Kerker das fröhliche Hochzeitsfest des Mannes mitanhören muß, für den sie
alles aufgegeben hat. Freude und Leid, das weiß ich, liegen dicht
nebeneinander. Mit Beschimpfungen, auch Schlägen werde ich manchmal in mein
Kinderzimmer verbannt, während Carola und Herbert nebenan mit ihren Gästen
laut feiern.
Nachdem ich Tom Sawyer und Huckleberry Finn entdecke, beschließe ich wieder,
abzuhauen und bereite akribisch in den Nächten meine Flucht vor, treibe mich
auf dem Mississippi herum, bin abwechselnd Huck, der von seinem Vater verprügelt
wird, und Tom, der sich inbrünstig vorstellt, wie Tante Polly nach seinem
Selbstmord reumütig weinen würde.
Dann schenkt mir Carola zu Weihnachten Die schönsten Sagen des klassischen
Altertums und die Griechen halten Einkehr. Mit ihnen gerate ich aufs offene
Meer, bin abwechselnd Ares und Prometheus, Poseidon und Herakles. Segle als
Odysseus mit dem Schiff auf’s offene Meer, um die schöne Helena zu befreien,
und nun steht mir die Welt offen. Ich lande auf einsamen Inseln, steche in See,
um Amerika zu entdecken oder um wissenschaftliche Forschungen zu betreiben wie
Alexander von Humboldt. Ich bin jung oder alt, Mann oder Kind, ich bin Indianer,
Neger, Soldat. Die Exkursionen beginnen immer am Meer und immer in anderen Häfen
und an den unterschiedlichsten Stränden der Welt. Gestrandet bin ich manchmal
auch.
Ich fürchte mich nicht mehr. Sie sind von allen guten Geistern verlassen, aber
ich fürchte mich nicht mehr. Nur, wie soll ich das loswerden, daß ich bei
jeder schnellen Bewegung zusammenzucke, daß ich zusammenfahre, wenn einer die
Hand nur hebt? Was erschreckt dich? Atme tief durch! Ich darf nicht vergessen zu
atmen. Mein Ja und mein Nein verteidigen, der Kinder wegen, der Liebe zu einem
Mann wegen. Angst. Immer. Auch wenn ich Angst nicht zeige. Ich kämpfe.
Kontraphobisch. Kann ja nicht immerzu sagen, bitte, schlag mich nicht, wenn gar
keiner da ist, der mich schlagen will, aber es ist ja trotzdem da, aber nie
schlag mich, das nicht, bitte nicht schlagen. Bis Angst die Liebe umbringt. Oder
Liebe die Angst. Ich bin eine Zumutung, wenn ich nervös werde, weil er schweigt
oder müde ist oder nachdenklich. Warum guckst du so böse? Warum sagst du
nichts? Wie behandelst du mich denn? – Ich behandle dich doch gar nicht. Ich
bin kein Arzt! Es ist nicht zum Aushalten mit mir. Ich halte es mit niemandem
aus. Ich halte es mit mir nicht aus. Undine geht, ein Leben wie unter Wasser, wo
Wasser ist, kann man noch einmal leben, ich werde ja erst noch geboren.
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