Laura B.

Rätselhafte Melodie

Es war ein heißer Sommertag. Lara stand vor einer Operation. Und sie hatte einen Brief vom Steuerbüro erhalten. Sie hatte Angst, dass sie ihr etwas anhaben konnten. Sie fuhr zum Steuerbüro. Sie saß mit einer Kollegin in der Metro. Sie erzählte ihr von der Mail, die sie von einem Inder bekommen hatte. Sie hatte ihm geantwortet. Die Operation schien nicht so schlimm. Man brachte ihr einen Ventilator und sie konnte zu Hause bleiben, bis zu den Ferien. Am Wochenende bekam sie die Antwort, die eine lang nicht gekannte Harmonie verbreitete. Sie schrieb ihm über das Fernsehprogramm, das sie über Indien gesehen hatte. Die Fußballmeisterschaft lief in Deutschland und auch er verfolgte sie im fernen Indien. Sie hatte sich lange nicht mehr für Deutschland interessiert, aber der Fußball konnte die Leute auf Deutschland richten. Er hatte auch einen kleinen Sohn. Doch er schrieb nicht viel über seine Familie. Sie hatten andere Themen, für die sich beide interessierten. Lara las in der Hitze des Sommers in der Frische der Bücher. Indien hielt sie gefangen. Als die Bibliothek für den Sommer schloss, kam sie auf die Idee mit den Antiquariaten. Auch wenn es veraltete Informationen waren, sie hatte viel aufzuholen. Ein ganzer Subkontinent drang in ihr Bewusstsein. Und sie hatte schon immer dunkelhaarige Typen gemocht. Sie stellte sich ihn vor. Er konnte so aussehen wie die Inder den Programmen über das Land. Aber wie welcher? Er schickte ihr Bilder von Burgen. Sie ließ die Diareihe laufen. Er war Computerprogrammierer. Er erzählte ihr von seinem Traum. Er wäre lieber Reisender geworden. Er mochte es, sich mit den Menschen zu unterhalten. Lara mochte das nicht. Seine Mails sehnte sie immer schon herbei. Aber es hatte keine Eile. Die Freiheit des Sommers war unendlich. Er hatte eine Ausbildung in klassischer indischer Musik. Sie hatte nicht viel Ahnung, aber sie war bereit ihn über die Musik kennen zu lernen. Und er sprach davon, dass es gut wäre, wenn sie sich eines Tages treffen würden. Sie erzählte ihm von den Dingen, die sie in diesem Sommer erlebte. Sie ging in die Burg zu einem Fest und berichtete ihm davon. Das Fest der Inder war ein paar Tage vorher gewesen. Sie war jedoch nicht hingegangen. Sie schrieb ihm lieber darüber, was sie in den Büchern gelesen hatte. Er musste sich über ihr Leben wundern. Er hatte Familie. Und er arbeitete den ganzen Sommer. Er schien überhaupt nie Urlaub zu machen. Manchmal schrieb er, dass er krank sei. Der Sommer näherte sich seinem Ende. Die Programme über das Land liefen noch. Und sie hatte über den Ethnologen gelesen, der im Subkontinent gewesen war. Sie ging mit ihrer Freundin ins Kino. Sie meinte, sie solle eine Reise machen. Aber sie reiste nach Indien in ihren exotischen Träumen.

Die Schule begann. Sie versuchte den Traum zu übertragen. In die Klassenräume. Sie ließ die Kinder über ihr Lieblingsland Verbindung mit ihrem Traumland herstellen. Die Verbindung war ein Traum. Der zerbrach, als sie sich für den Klub hatte einschreiben lassen. Die Mails hatten ein Nachsehen.

Sie interessierte sich jetzt für andere Dinge. Die deutsche Literatur hatte es ihr angetan. Sie ging wieder in die Bibliothek. Es wurden lange Tage. Immer, wenn sie nicht so lange Unterricht hatte, ging sie in die Burg. Die Nationalbibliothek hatte immer einen Platz für ihre Gelüste. Sie musste viel nachholen. Sie hatte nur in einem Teil des Landes gewohnt. Sie war jetzt interessiert an dem anderen. Die Geschichte des Landes war ihr fremd. Sie kannte auch nur die Literatur, die sie hatten lesen dürfen. Die andere Literatur war damals nicht bedeutend. Doch dann wollte sie selbst etwas aufschreiben, das schreiben, was ihre Geschichte war. Es verfremden, lernen zu schreiben, eine neue Welt. Und es gab keine starren Vorgaben, die Verspieltheit dieses Phantasierens.

Es gab keinen Inder mehr, aber sie bekam eine Mail. Er akzeptierte es. Sie hatte viel über die indische Lebensart gelernt. Sie schienen klüger zu sein, als die eingeengten Leute des Kontinents. Es gab diese Leute, die auf andere wirkten. Fast magisch. Auch Indien hatte dieses Unbeschreibliche. Er schrieb von der Geige, die nicht mehr spielt und durch ihre wundersame Melodie verzaubert. Aber die Saiten bleiben. Diese Melodie, die immer wieder aufgetaucht war. Und das Instrument. Er hatte ihr zum Abschied eine Gitarre geschenkt. Eigentlich schon nach dem Abschied. Sie hatte ihn am Wochenende beim Tanzen kennen gelernt. Eigentlich kannte sie ihn ja schon. Sie hatte ihn und ihren Bruder gesehen. Er hatte sie gestört. Er war neben der Tanzfläche bei ihr gestanden ohne ein Wort zu sagen, und sie hatte auch keine Lust das zu ertragen. Als er auf eine Frage nichts zu sagen wusste, drehte sie sich weg und war verschwunden. Sie sah ihn erst wieder, als sie bereit war sein Schweigen aufzunehmen. Sie unterhielten sich lange und er erzählte von der See, auf der er jetzt Matrose war. Das Meer war weit, aber er hatte es gewollt. Er lud sie ein und sie fuhren durch den Hafen und am Abend war das Bordfest. Dann kam er auf Heimaturlaub und sie wurden ein Paar. Er redete nicht viel, aber er wusste über die Dinge zu sprechen, die sie bisher nicht interessiert hatten. Menschliche Beziehungen. Sie tauchte in diese Welt ein. Aber sie wurde mit der Zeit zu uninteressant. Probleme aus der Vergangenheit, wo bleibt die Zukunft? Gab es sie für sie? Er wollte zur Handelsmarine. Sie wollte Provinzlehrerin werden. Sie stellte sich den Kapitän vor, der nur ab und zu in die Provinz kam. Diesen Traum hätte sie leben können. Dann lernte sie den Sänger kennen. Sie sollte dolmetschen, bei einem Festival. Er kam aus der Ukraine und er sang von den Liebenden. Von dieser rätselhaften Melodie, die die Menschen verbindet, aber die auseinandergehen, noch ehe sie sich getroffen haben. Doch die Melodie lebt in ihnen. Sie beobachtete ihn auf der Bühne. Er stand da in seinem weißen Hemd mit seiner weißen Gitarre. Sie begleitete den Bus der russischen Künstler. Er schlief viel auf der letzten Bank, doch er war immer aufmerksam. Er reservierte ihr einen Platz neben sich in der Oper. Sie reservierte ihm einen Platz neben sich im Bus. Sie sprachen über die Musik, die im Radio lief. Er war bei der Marine gewesen. In Odessa. Ihm gefiel der Song über die Army. Der Buskonvoi wurde von Helikoptern und Polizeiwagen begleitet. Es war ein Leben wie auf einem anderen Stern. Sie fuhr nach Hause und sagte dem Matrosen Adieu. Er schenkte ihr die Gitarre, die er ihr hatte schenken wollen. Nun schenkte er sie trotzdem. Sie fuhr nach Russland. Sie besuchte den Sänger, doch er war nicht zu Hause. Sie verbrachte ein Jahr im Land, um die Sprache zu lernen. Sie versuchte noch einen Anruf, aber ließ es bleiben, noch bevor die Verbindung zustande kam. Die rätselhafte Melodie blieb. Sie und ihr Matrose wurden fast Freunde, doch sie wollte die Verbindung nicht belasten und ließ alles hinter sich. Sie fuhr über zwei Grenzen und fing ein neues Leben an. Da war einer, der in ihrem Land gewesen war und dem eine Melodie mit diesem Land verband. Er hatte sie in ihr gefunden. Er kam von weit her und sie verband auch, dass sie Zugvögel waren. Sie zog es in den Osten, er kam aus dem Fernen Osten. Sie reisten viel. Er machte eine Schauspielerin aus ihr. Sie sollte in seinem Video spielen, einem Sprachvideo. Sie entdeckte dann ihr Interesse für die Regisseure. In dem Land, in dem sie jetzt war, gab es diesen Boden, der die Kunst aufnahm. Der Regisseur erzählte von einer Höhle und der Höhlenmalerei. Graffiti war die Höhlenmalerei diesen Jahrzehnts. Sie dachte an die Höhle, an der sie bei ihren Wanderungen vorbeigekommen waren. Sie sollte zum Urbesiedlungsgebiet gehören. Sie wäre gerne hineingegangen, um zu sehen, ob es dort auch Zeichnungen gab. Sie spazierten über die Brücke, deren Bogen im Wasser einen Kreis bildete. Er fotografierte sie vor der Brücke, in Matrosenkleidung. Sie wollten heiraten, in der Ostseekapelle. Doch er fuhr zurück in sein fernes Land, und ihr blieb die Melodie des Ostens. Und nun hatte sie der Inder an diese Melodie erinnert. Sein Name, Sameer, hatte auch etwas von diesem Duft nach Weite und Wasser. Zwei Menschen, die sich verabschieden und wie Tränen über den Erdball laufen, doch deren rätselhafte Melodie im anderen lebt.
Sie fährt mit der Metro zur Autorenlesung. Sie möchte wissen, was er über das Leben in Deutschland schreibt. Und sie muss ihre Steuererklärung ausfüllen. In einem Land, in dem sie nicht zu Hause ist, das sie gewählt hat. Rätselhaft.

(2007)

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