Helenea oder Das Meer des Sommers von Julian Ayesta, 2004, Beck

Julián Ayesta

Nachmittag und Abenddämmerung
(Leseprobe aus: Helena oder Das Meer des Sommers, S. 89-92, Roman, 1952/2004, Beck - Übertragung Dagmar Ploetz)

Vor dem kalten Kamin tranken die Erwachsenen schwarzen Kaffee und goldenen Likör. Der Kamin roch noch nach den Holzscheiten des Winters, aber es war nun Sommer, und wegen der Hitze lag das Eßzimmer im Dämmerlicht. Die Fensterläden waren angelehnt und nur ein paar Sonnenstrahlen drangen ein, durchwachsen mit leuchtenden Punkten, die auf und ab flirrten. Das Gespräch klang fern und freundlich, sehr leise, wie bei Mönchen, die im Chorgestühl beten und die man vom Schiff einer leeren Kathedrale aus hört. Da kam ein neuer Sonnenstrahl, noch heller, und funkelte in der lila Perlenkette von Tante Honorina und den Brillengläsern eines Gastes. Es war heiß, eine Hitze wie Musik, die nach gelber Kerze roch. Die Dienstmädchen kamen herein um abzudecken. Das Besteck klapperte im Zigarrenrauch der Männer wie die Glocken einer Ziegenherde, die bedächtig im Mittagsdunst grast. Es war die Siestastunde, weich und lau, die sich schläfrig im Schatten der Bäume eines blauen Waldes streckte, in einem sehr tiefen Land, vor Christi Geburt. Das Eßzimmer lag im Dämmerlicht, und aus dem Dunkeln hörte man die Zikaden und die Grillen in der Sonne singen und das Schnurren der Sonne auf den grüngelben Wiesen und das frische Rauschen der Eichen, wenn ein blauer, salziger Windstoß vom Meer her eindrang.
Da hielt ich es nicht länger aus und entwischte in mein Zimmer; ich zog mich aus, die Badehose an und rannte durch die Küchentür davon. Ich rannte bergab, den Wind im Mund, und an der Gartentür wartete Helena auf mich, in ihrem Badeanzug aus roten und goldgelben Blumen und mit dem breitkrempigen Hut aus fahlgelben Stroh, sie war fröhlich, voller Liebe und Leben, ihr blondes Haar durchsonnt, und bei einem Fuß guckte ihre große Zehe durch ein Loch im Stoffschuh und bewegte sich wie ein Mäuschen, das mich necken wollte, und man hätte hineinbeißen und das ganze Leben daran herumknabbern mögen.
„Hallo!“
„Hallo!“
Und wir marschierten gemeinsam, von Liebe erfüllt, zu den weiten Ländern des Nachmittags. Die Sonne – die Sonne! – schnarchte auf den Apfelbäumen, und die Wiesen waren voller Lichtflecken. Und es gab auch schwarzblaue Eukalyptuswälder. Und es überkam uns ein leichter Schauder vor diesen Bäumen, es waren die Bäume der verrückten Männer, die in weißem Hemd und mit bleichem Gesicht herumliefen, ein blutiges Messer in der Hand. Und es waren auch die Bäume der schwindsüchtigen Frauen, die mit eingefallener Brust Blut spuckten, in ihren Augen glänzte Haß, und abends, wenn der Himmel rot war, heulten sie traurig wie hungrige Wölfe. Und sie schlichen sich fort, den Mund voller Schaum und in der Hand eine große schwarzglänzende Nadel, um die Leute mit ihrem tödlichen Gift zu stechen. Unter diesen Bäumen saß auch immer ein armer Mann, der zahnlos ein Stück Brot mümmelte.
Das Nachmittagslicht war zähflüssig, golden und blau und schwarz. Ein geheimnisvoll schreckliches Licht, das von einem riesigen, einsamen Himmel herunterfiel. Auf den Wiesen lag Schläfrigkeit, ein heißer Dunst aus Zikaden und Grillen, und oben, sehr hoch, segelte ein Milan.
Helena und ich liefen schweigend nebeneinander her. Ab und zu blieb Helena stehen, pflückte ein paar Brombeeren und gab mir die Hälfte davon ab. Die Beeren, die in der Sonne gehangen hatten, waren warm und matt; die anderen, die aus dem Schatten, waren kalt und glänzten. Dann wieder pflückte ich sie und gab Helena ab, und wir sahen uns in die Augen, während wir aßen, das Gesicht vom Saft blaurot befleckt. Dann blieb meine Liebe – das war Helena, so schön, die Haut so braun und das Haar blond und die Augen blau und so frei und mutig – mal wieder stehen, um Brombeeren zu pflücken, und stach sich an den Dornen. Sie streckte mir ihren blutenden Finger hin und ich saugte das Blut, das so rot war, so salzig, so wundervoll, wenn es in der Sonne funkelte. Danach küßte sie mich und wischte mit ihren Lippen das Blut weg, das auf den meinen geblieben war. Und nachdem wir das getan hatten, überkam uns eine seltsame Angst, denn das war ein geheimes Ritual, ganz geheim, fast eine Art Sünde; keiner wußte warum. Helena schmiegte sich an mich, wie eine mysteriöse Katze, und flüsterte, die Augen voller Tränen: „Ich hab Angst.“

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