Der amerikanische Traum von Ernst Augustin, 2006, Beck

Ernst Augustin

Der amerikanische Traum
(Leseprobe aus: Der amerikanische Traum, Roman, Seite 114-125, 2006, Beck)

4

Das Überlebensmesser, survival knife, war zum Stechen, Schneiden, Hacken und Sägen (mit dem gezahnten Rücken) gleichermaßen geeignet. Im Griff war eine Nylonschnur mit Fischhaken untergebracht, im Schraubverschluß ein Kompaß. Die Hängematte ließ sich auf die Größe einer Zigarettenschachtel zusammenpressen, und mit dem Hut konnte man Wasser schöpfen. Außerdem – auf die Gefahr hin, mich lächerlich zu machen – trug ich schlangenbißsichere Gamaschen. Auf einer Karte von Costa Rica hatte ich meine Reiseroute eingetragen, die aber, falls sie in falsche Hände geraten sollte, nicht allein falsch war, sondern die ganze Karte war falsch; zu meinem Erstaunen mußte ich später feststellen, daß sie in keiner Weise stimmte, die Flüsse liefen alle in die falsche Richtung, und die Ortschaften lagen einfach irgendwo, außerdem gab es die meisten gar nicht. Diese Karte hätte einige Verwirrung stiften können.
Was sonst noch zum Überleben im Busch?
Eine Büchse Dr. Prem’s gegen Moskitos, Pilzkrankheiten, Stechwurmbefall etc., die dunkle Paste eignete sich auch zur Gesichtstarnung, und wenn mich nicht alles täuschte, konnte man damit sogar Haare entfernen.
Was sonst?
Meine 357er Smith & Wesson und die 45er Loyola Automatik mit reichlich Munition, die hatte ich glücklich durch den Zoll gebracht. Und das Gewehr – das allerdings war erstaunlich –, das hatte ich mir einfach umgehängt, und den Hut, mit dem man Wasser schöpfen konnte, hatte ich aufgesetzt. Ziel der Reise: das Innerste der Dschungel Zentralamerikas, und der Zweck: unter unglaublichen Strapazen das begehrte Edelholz Coïmbra aufzuspüren.

Der Taxifahrer hatte da aber offenbar seine eigenen Vorstellungen. Denn nach einer halbstündigen Fahrt durch vollgepackte Marktplätze, schachtartige Straßen, durch eine hämmernde Musik, die alle zwanzig Schritt aus einem anderen Café Central herausfeuerte, fuhr er mich plötzlich einen noblen stillen Hügel hinauf. Ich denke noch, was will er denn hier, das ist doch sicherlich ganz privat. Geradezu kaiserlich privat, allein die Auffahrt stellte nach meiner Schätzung den Gegenwert von glatt einer Million dar; steingrün glasiert, gerahmt von mindestens zwanzig verschiedenen Palmenarten – eine aristokratischer als die andere –, nie gesehene Schuppen und Wedel, die sich hier in das Blau eines privaten Himmels breiteten.
«Das Hotel Irazú!»
Es war vollkommen klar, daß ich mir das nicht leisten konnte. Aber die Vorhalle war schön, sie war total lichtblau verspiegelt, und selbst hier im Inneren wuchs eine üppige Vegetation nie gesehener Schuppen- und Wedelpalmen durch Öffnungen in der Decke, die sich auch noch lichtblau spiegelten, und das alles für drei Gäste im Sessel. Anfangs hatte ich es nicht genau ausmachen können, ein irgendwie atmosphärisches Raunen, eine Art aus den Wänden säuselndes Klima – bis es sich dann als unerhört leise und ausgesuchte Lufthafenmusik erwies. Probeweise setzte ich mich dann als vierter Gast in eines der übergroßen weißen Polstermöbel und bekam ein langes grünes Getränk in die Hand. Das war hier natürlich nicht zu machen. Die Nacht würde sicherlich soviel wie eine Zahnarztrechnung kosten, und Costa Rica hatte ich mir auch anders vorgestellt. –
Nach einer Woche saß ich immer noch in dem Sessel, immer noch mit dem langen grünen Getränk. Ich nannte den Barmann beim Vornamen, Freddy, ich wechselte dreimal am Tage den hoteleigenen Bademantel, weiß und kokosbraun, ließ mir spätabends noch einen Perifia bringen, fuhr Go-Kart, nahm Kohlensäurebäder, fiel dem Oberkellner auf die Nerven, weil ich gebackene Kartoffeln wollte, und tanzte Chico-Chico im hoteleigenen Flamingo-Club. Das gute Leben hatte mich im Griff, es war entsetzlich. Abends, wenn die Sonne unterging, gab ich mir noch einen Tag und dann noch einen, es war eine beschämende Erfahrung, ich hatte mir auch noch ein halbes Dutzend Designerhemden im hoteleigenen Men’s Shop gekauft. Vierzehn Tage, dann war das Geld alle, oder – das fiel nun gerade zusammen – bis Stinker Schulzky erschien, da war es zu Ende mit der Pracht.
Ich muß gestehen, ich hatte die Leute total vergessen. Nicht im Traum wäre ich auf die Idee gekommen, daß mich hier jemand finden könnte. Doch da geht eines schönen Tages die Tür auf (die große Kristalltür), und herein kommt dieses Rattengesicht, ich denke, den kennst du doch, wittert da gleich in die Ecken, den hast du doch schon einmal gesehen. Weißer Hut mit schwarzgemustertem Band. Von der Art, wie ihn Sydney Webster in «Across Hundred-fifth Street» hatte, also, ganz sicher war ich meiner Sache nicht. Ich machte mich dann etwas klein in meinem Sessel, nicht, daß er mich gesehen hätte, dafür gab es kein Anzeichen, und ich verschmolz hier auch mit meinem langen grünen Drink mit der Umgebung, mein Designerhemd hatte ich auch an.
Zunächst blieb ich möglichst in meinem Zimmer, das einen absurden, dreieckigen Spiegel an der Längswand hatte. Oder aber, wenn ich in die Halle oder zur Bar ging, sondierte ich das Terrain sehr sorgfältig, machte mich praktisch unsichtbar, während ich meinerseits den Kerl beobachtete. Er brachte die unglaublichsten Weibsbilder an, die er mit Drinks traktierte und mit denen er Chico-Chico tanzte – Gesichter wie Schrammen und Hintern wie Expreßzüge, wahrscheinlich war es das, wofür er hergekommen war. Jetzt trug er einen weißen Anzug mit dünnen schwarzen Streifen, und das war gut so; immer wenn ich im Augenwinkel etwas Gestreiftes sah, konnte ich mich verdrücken – einmal war es dann eine Geburtstagstorte, die nach oben zu einer Party gebracht wurde, eine mit Borkenschokolade.
Und dann kam der Augenblick, da ich ihn ohne weißen Anzug und ohne weißen Hut sah. Ich verhandelte unten gerade wegen einer Abrechnung, die sie mir zum vierten Male präsentieren wollten (nein, nicht die Zahnarztrechnung, die sollte erst kommen), als plötzlich direkt neben mir jemand auftauchte, unrasiert und ungewaschen, mit total verquollenen Augen.
Ich hatte ihn nicht kommen sehen, aber er war sowieso nicht voll präsent, hatte es offensichtlich übertrieben mit seinen Weibsbildern, die er aus der Stadt mitbrachte, hoteleigen erschienen sie mir nicht. Und wie er sich nun über den Tisch lehnte, so richtig mies und krumm, und sein Maul öffnete, so daß ich zurückfuhr – ich weiß nicht, was er wollte, wahrscheinlich Aspirin –, da erkannte ich ihn auf einmal: Genauso mies und krumm hatte er sich über die Frühstückstheke gelehnt, genauso unrasiert. Die Zähne hatte er sich auch nicht geputzt. Und wie es der Teufel will, muß er mich im selben Augenblick auch erkannt haben, eine lichte Sekunde in seinem Hirn. Glotzte mich aus seinen rotgeränderten Augen an: Dich kenn ich doch…
Aber vielleicht auch nicht.
«Du bist doch…»
«Und du bist Stinker Schulzky», sagte ich, «das läßt sich kaum verleugnen.» Normalerweise bringe ich es den Leuten ja schonender bei, aber in diesem Fall war mir der Mann einfach zu nah dran, zu dicht auf dem Leib. Ich rückte ab, und was soll ich sagen, der rückte nach.
«Niemand nennt mich Stinker!»
«Also, das ist interessant», wunderte ich mich, «ich dachte, das sei dein Name, aber man kann sich ja auch mal irren.» Es war nicht zu sehen, wo er sein Ding hatte, seine Hand zuckte jedenfalls nach hinten – neuerdings stecken sie es sich ja ganz hinten in den Gürtel –, aber dann grinste er plötzlich. Oh, da glomm wohl ein listiges Licht auf, ich konnte förmlich sehen, wie es aufglomm. Er grinste und wandte sich ganz gemütlich zum Gehen, zeigte dabei die Beule hinten in der Hose – wahrscheinlich trug er es zwischen die Arschbacken geklemmt.
«Und ich weiß auch, wer dich schickt!»
Rief ich ihm nach.

Das hatte ich ja gründlich vermasselt. Er war natürlich von niemandem geschickt worden, hatte einfach Ferien machen wollen, in weißem Hut und weißem Anzug. Stinker Schulzky einmal im Jahr ganz groß. Und nun war er hier auf pay dirt gestoßen, auf blanken zahlenden Dreck, er konnte sowohl von mir als auch von einer gewissen anderen Partei kassieren, besser hätte er es gar nicht treffen können. Im Grunde war ich schon tot – und einen Augenblick lang durchzuckte mich der Gedanke, ihn hier einfach umzulegen, hinter den Bambusstauden zum Beispiel, im Pool oder auf seinem Zimmer im Bett, aber dann müßte ich auch noch das Zimmermädchen beseitigen, das gerade dazukommen würde. Das war auch kein Plan. Ich hätte ihn höchstens mit einem Leihwagen zusammenfahren können, auf einer seiner Exkursionen, und dann wäre sicherlich – so wie ich das übersah – eine seiner Schrammen aufgetaucht. Nein. Man sieht, moralische Bedenken hatte ich überhaupt keine, aber praktische.
Wie er mir immer wieder über den Weg lief! Mir von der Treppe oder vom Tisch her zuwinkte, den Telefonhörer bereits in der Hand! Das schien ihm große Freude zu bereiten. Einmal stieß ich im Fahrstuhl auf ihn, als ich nach oben fahren wollte – es war ein Scenic-Fahrstuhl, der uns durch die Wipfel in der Halle hob –, da lehnte er gelassen an der Glaswandung, Zahnstocher in der Schnauze, und blickte mich an. Und dann beim Aussteigen tat er etwas: nahm den Zahnstocher langsam aus der Schnauze, ganz langsam, das hatte er wohl irgendwo einmal gesehen, nahm den Zahnstocher und zeigte damit wie mit einem Zeigefinger auf mich: die Todesanzeige.
Ich habe mich nicht lumpen lassen und ihm auch etwas gezeigt, die «Ragghia», den Todeskuß (das macht man mit zwei Fingern in den Mundwinkeln), aber das konnte meine Stellung auch nicht verbessern. War wohl auch zu lahm ausgefallen, denn er wurde nicht mal weiß. So sah man mich denn wieder einmal am frühen Morgen mit zwei Koffern in der Hand die Treppe hinunterhasten, durch das Spiegelblau und an den kostspieligen Palmenarten vorbei, draußen herrschte noch halbe Nacht, und der Portier war auf seinem Stuhl eingeschlafen, aber fern am Horizont, in einem schmalen rot beleuchteten Streifen, da hoben sich dampfend – ich sah sie, wahrscheinlich waren es nur die Vorstädte, die da dampften, aber ich konnte sie sehen – die Dschungel Mittelamerikas. Und ich hatte ja auch noch eine Adresse.

Der Bus nach Limón. Jemand, der nicht darauf vorbereitet ist, wird nach fünf Stunden Warten denken, er mache etwas falsch, er macht aber gar nichts falsch. Ein elementares Erlebnis. Nach einem geheimen Fahrplan kommen Busse, gehen Busse, hierhin, dorthin, unberechenbar, seltsam, wunderbar. Es mag ein Muster geben, das man irgendwann zu erkennen glaubt. Und dann doch wieder nicht. – Ja, ich versichere, nicht zu weit zu gehen, hier eine Philosophie zu entwickeln, eine Limón-Bus-Lehre, man wird mich noch verstehen.
Aber der Reihe nach: Als ich mit einem dieser flinken gelbgrünen Tico-Taxis auf dem Busbahnhof in der Vía General Porfuez ankam, schien sich dort die halbe Stadt versammelt zu haben, auf Leben und Tod. Es hupte, klingelte, pfiff, feuerte Salsamusik auf die Straße, vor dem radiodurchschüttelten Tickethäuschen stand eine lange Schlange, und die vier Abfahrrampen waren bereits mit spekulativen Fahrgästen besetzt. Auskunft gab es keine. Nur soviel, daß der Bus nach Limón an einer dieser vier Rampen halten würde, desgleichen aber auch der Bus nach Guápiles, der nach Cartago, nach Chirripó und der nach Siquirres. Auch der nach Turrialba. Nur wer von ihnen wo, an welcher Rampe, wann und ob überhaupt an diesem Tage, das schien hier absoluter Spekulation zu unterliegen. Nirgends ein Hinweis. Keine Beschilderung.
Nun war es immer noch früher Morgen, und meine Kräfte waren noch frisch, also überließ ich mich ganz meinem Gefühl und ging – also, ich ging zunächst auf die erste – – – dann aber doch lieber auf die zweite Rampe zu, wo eine Gruppe von zehn bis zwölf Leuten die Spitze hielt. Stellte mich in die Reihe hinter einen kleinen Mann mit Strohhut.
Stand dort eine Weile und konzentrierte mich: Das war mein Platz.
«O.k.», sagte ich zu dem kleinen Mann vor mir, «welchen Bus werden wir hier kriegen, Limón oder nicht Limón?»
Er hatte die Augen zu mir hochgedreht und war offensichtlich von genau derselben Frage bewegt. Es war ein guter Morgen im Schatten des Quacuamolibaumes, die Luft noch frisch und der Himmel über dem gegenüberliegenden Amtsgebäude (das eine gußeiserne, von einem Deutschen entworfene Fassade hatte) tief blaugolden.
«O.k.», sagte ich, «Warten auf den Bus von Limón ist ja wohl wie Warten auf Gott.» Sollte ein Spaß sein.
Der Mann hatte dunkle Eidotter als Augen, nicht von Hühnereiern, aber von irgendwelchen dunklen Vögeln; jedenfalls sahen sie aus, als ob man sie essen könnte. Es war jetzt sieben Uhr, und mit etwas Glück würde es einen Morgenbus nach Limón geben. Vor meinem Freund stand eine Gruppe von Schwarzen, das war immer ein gutes Zeichen, sie hatten auch zwei schwarze Babys. Und ganz vorne bildeten zwei Indios, offensichtlich Bauern mit Säcken, die Speerspitze. Und die machten auch einen kompetenten Eindruck.
«Ich will damit sagen», erklärte ich meinem Freund, «daß die Chancen nicht so sehr günstig sind. Eins zu vier, wenn ich mich nicht irre.»
Wir hatten so viel Zeit, einen ganzen langen Tag, und ich hatte vor, unendlich weit auszuholen. Inzwischen wurde die Menge größer, Gepäckstücke wurden geworfen, kleine Kinder hochgehoben, ein Kranker aufgebahrt.
«Man sollte denken, es geht um Leben und Tod, wenn man das hier sieht – wer kann sich retten, wer steht auf dem richtigen Bahnsteig», ich sah meinen Freund an, «ein Spiel mit okkulten Chips. Instinkt? Nein, mein Lieber, fast Religion.»
Wobei ich wieder bei meiner Ausgangsthese angelangt war. Es war allerdings sehr gut möglich, dass der Mann überhaupt kein Wort verstand.
«Nehmen wir zum Beispiel diese Gruppe», ich lenkte seine Aufmerksamkeit auf die erste Rampe hin, wo sich mehrere besser gekleidete, nichtsdestoweniger etwas billig aussehende Herren und Damen befanden, «dorthin würde ich mich auf keinen Fall stellen, von allen Möglichkeiten wäre diese die schlechteste. Schlechte Schwingungen.»
Billig war eigentlich nicht der richtige Ausdruck; die Herren sahen aus wie Zahnärzte, aber solche, zu denen ich überhaupt kein Vertrauen hätte.
«Man muß das Spiel mit leichter Hand spielen», erklärte ich meinem Freund, «man muß…»
Mein Freund war nicht mehr da.
Er war überhaupt nicht mehr da, er war zur Rampe drei gelaufen, wo in diesem Augenblick der Bus nach Limón die Tür öffnete und wo sich aus dem Nichts plötzlich ein ungeheurer Schwarm von Leuten drängte. Ich konnte meinen Freund, der das Spiel offenbar mit weitaus leichterer Hand zu spielen verstand, ziemlich dicht an der Tür erblicken. Brauche wohl nicht zu erwähnen, daß ich es nicht mehr schaffte, nicht einmal halbwegs. Der Bus war schon längst voll, als ich noch draußen gegen achtundzwanzig Bauern mit Säcken kämpfte. Konnte aber schließlich am Fenster meinen Freund erblicken, der mit seinen beiden Eidottern verständnisvoll auf mich herabsah, als der Bus abfuhr.
Ich stand dann wieder hinter meinen Schwarzen mit den Babys und beschloß, nie wieder in meinem Leben zu reden. Der Mann hatte sogar einen Fensterplatz bekommen.

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