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Der amerikanische
Traum
(Leseprobe aus: Der amerikanische Traum, Roman, Seite
114-125, 2006, Beck)
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Das Überlebensmesser, survival knife, war zum
Stechen, Schneiden, Hacken und Sägen (mit dem gezahnten Rücken) gleichermaßen
geeignet. Im Griff war eine Nylonschnur mit Fischhaken untergebracht, im
Schraubverschluß ein Kompaß. Die Hängematte ließ sich auf die Größe einer
Zigarettenschachtel zusammenpressen, und mit dem Hut konnte man Wasser schöpfen.
Außerdem – auf die Gefahr hin, mich lächerlich zu machen – trug ich
schlangenbißsichere Gamaschen. Auf einer Karte von Costa Rica hatte ich meine
Reiseroute eingetragen, die aber, falls sie in falsche Hände geraten sollte,
nicht allein falsch war, sondern die ganze Karte war falsch; zu meinem Erstaunen
mußte ich später feststellen, daß sie in keiner Weise stimmte, die Flüsse
liefen alle in die falsche Richtung, und die Ortschaften lagen einfach irgendwo,
außerdem gab es die meisten gar nicht. Diese Karte hätte einige Verwirrung
stiften können.
Was sonst noch zum Überleben im Busch?
Eine Büchse Dr. Prem’s gegen Moskitos, Pilzkrankheiten, Stechwurmbefall etc.,
die dunkle Paste eignete sich auch zur Gesichtstarnung, und wenn mich nicht
alles täuschte, konnte man damit sogar Haare entfernen.
Was sonst?
Meine 357er Smith & Wesson und die 45er Loyola Automatik mit reichlich
Munition, die hatte ich glücklich durch den Zoll gebracht. Und das Gewehr –
das allerdings war erstaunlich –, das hatte ich mir einfach umgehängt, und
den Hut, mit dem man Wasser schöpfen konnte, hatte ich aufgesetzt. Ziel der
Reise: das Innerste der Dschungel Zentralamerikas, und der Zweck: unter
unglaublichen Strapazen das begehrte Edelholz Coïmbra aufzuspüren.
Der Taxifahrer hatte da aber offenbar seine
eigenen Vorstellungen. Denn nach einer halbstündigen Fahrt durch vollgepackte
Marktplätze, schachtartige Straßen, durch eine hämmernde Musik, die alle
zwanzig Schritt aus einem anderen Café Central herausfeuerte, fuhr er mich plötzlich
einen noblen stillen Hügel hinauf. Ich denke noch, was will er denn hier, das
ist doch sicherlich ganz privat. Geradezu kaiserlich privat, allein die Auffahrt
stellte nach meiner Schätzung den Gegenwert von glatt einer Million dar;
steingrün glasiert, gerahmt von mindestens zwanzig verschiedenen Palmenarten
– eine aristokratischer als die andere –, nie gesehene Schuppen und Wedel,
die sich hier in das Blau eines privaten Himmels breiteten.
«Das Hotel Irazú!»
Es war vollkommen klar, daß ich mir das nicht leisten konnte. Aber die Vorhalle
war schön, sie war total lichtblau verspiegelt, und selbst hier im Inneren
wuchs eine üppige Vegetation nie gesehener Schuppen- und Wedelpalmen durch Öffnungen
in der Decke, die sich auch noch lichtblau spiegelten, und das alles für drei Gäste
im Sessel. Anfangs hatte ich es nicht genau ausmachen können, ein irgendwie
atmosphärisches Raunen, eine Art aus den Wänden säuselndes Klima – bis es
sich dann als unerhört leise und ausgesuchte Lufthafenmusik erwies. Probeweise
setzte ich mich dann als vierter Gast in eines der übergroßen weißen Polstermöbel
und bekam ein langes grünes Getränk in die Hand. Das war hier natürlich nicht
zu machen. Die Nacht würde sicherlich soviel wie eine Zahnarztrechnung kosten,
und Costa Rica hatte ich mir auch anders vorgestellt. –
Nach einer Woche saß ich immer noch in dem Sessel, immer noch mit dem langen grünen
Getränk. Ich nannte den Barmann beim Vornamen, Freddy, ich wechselte dreimal am
Tage den hoteleigenen Bademantel, weiß und kokosbraun, ließ mir spätabends
noch einen Perifia bringen, fuhr Go-Kart, nahm Kohlensäurebäder, fiel dem
Oberkellner auf die Nerven, weil ich gebackene Kartoffeln wollte, und tanzte
Chico-Chico im hoteleigenen Flamingo-Club. Das gute Leben hatte mich im Griff,
es war entsetzlich. Abends, wenn die Sonne unterging, gab ich mir noch einen Tag
und dann noch einen, es war eine beschämende Erfahrung, ich hatte mir auch noch
ein halbes Dutzend Designerhemden im hoteleigenen Men’s Shop gekauft. Vierzehn
Tage, dann war das Geld alle, oder – das fiel nun gerade zusammen – bis
Stinker Schulzky erschien, da war es zu Ende mit der Pracht.
Ich muß gestehen, ich hatte die Leute total vergessen. Nicht im Traum wäre ich
auf die Idee gekommen, daß mich hier jemand finden könnte. Doch da geht eines
schönen Tages die Tür auf (die große Kristalltür), und herein kommt dieses
Rattengesicht, ich denke, den kennst du doch, wittert da gleich in die Ecken,
den hast du doch schon einmal gesehen. Weißer Hut mit schwarzgemustertem Band.
Von der Art, wie ihn Sydney Webster in «Across Hundred-fifth Street» hatte,
also, ganz sicher war ich meiner Sache nicht. Ich machte mich dann etwas klein
in meinem Sessel, nicht, daß er mich gesehen hätte, dafür gab es kein
Anzeichen, und ich verschmolz hier auch mit meinem langen grünen Drink mit der
Umgebung, mein Designerhemd hatte ich auch an.
Zunächst blieb ich möglichst in meinem Zimmer, das einen absurden, dreieckigen
Spiegel an der Längswand hatte. Oder aber, wenn ich in die Halle oder zur Bar
ging, sondierte ich das Terrain sehr sorgfältig, machte mich praktisch
unsichtbar, während ich meinerseits den Kerl beobachtete. Er brachte die
unglaublichsten Weibsbilder an, die er mit Drinks traktierte und mit denen er
Chico-Chico tanzte – Gesichter wie Schrammen und Hintern wie Expreßzüge,
wahrscheinlich war es das, wofür er hergekommen war. Jetzt trug er einen weißen
Anzug mit dünnen schwarzen Streifen, und das war gut so; immer wenn ich im
Augenwinkel etwas Gestreiftes sah, konnte ich mich verdrücken – einmal war es
dann eine Geburtstagstorte, die nach oben zu einer Party gebracht wurde, eine
mit Borkenschokolade.
Und dann kam der Augenblick, da ich ihn ohne weißen Anzug und ohne weißen Hut
sah. Ich verhandelte unten gerade wegen einer Abrechnung, die sie mir zum
vierten Male präsentieren wollten (nein, nicht die Zahnarztrechnung, die sollte
erst kommen), als plötzlich direkt neben mir jemand auftauchte, unrasiert und
ungewaschen, mit total verquollenen Augen.
Ich hatte ihn nicht kommen sehen, aber er war sowieso nicht voll präsent, hatte
es offensichtlich übertrieben mit seinen Weibsbildern, die er aus der Stadt
mitbrachte, hoteleigen erschienen sie mir nicht. Und wie er sich nun über den
Tisch lehnte, so richtig mies und krumm, und sein Maul öffnete, so daß ich zurückfuhr
– ich weiß nicht, was er wollte, wahrscheinlich Aspirin –, da erkannte ich
ihn auf einmal: Genauso mies und krumm hatte er sich über die Frühstückstheke
gelehnt, genauso unrasiert. Die Zähne hatte er sich auch nicht geputzt. Und wie
es der Teufel will, muß er mich im selben Augenblick auch erkannt haben, eine
lichte Sekunde in seinem Hirn. Glotzte mich aus seinen rotgeränderten Augen an:
Dich kenn ich doch…
Aber vielleicht auch nicht.
«Du bist doch…»
«Und du bist Stinker Schulzky», sagte ich, «das läßt sich kaum verleugnen.»
Normalerweise bringe ich es den Leuten ja schonender bei, aber in diesem Fall
war mir der Mann einfach zu nah dran, zu dicht auf dem Leib. Ich rückte ab, und
was soll ich sagen, der rückte nach.
«Niemand nennt mich Stinker!»
«Also, das ist interessant», wunderte ich mich, «ich dachte, das sei dein
Name, aber man kann sich ja auch mal irren.» Es war nicht zu sehen, wo er sein
Ding hatte, seine Hand zuckte jedenfalls nach hinten – neuerdings stecken sie
es sich ja ganz hinten in den Gürtel –, aber dann grinste er plötzlich. Oh,
da glomm wohl ein listiges Licht auf, ich konnte förmlich sehen, wie es
aufglomm. Er grinste und wandte sich ganz gemütlich zum Gehen, zeigte dabei die
Beule hinten in der Hose – wahrscheinlich trug er es zwischen die Arschbacken
geklemmt.
«Und ich weiß auch, wer dich schickt!»
Rief ich ihm nach.
Das hatte ich ja gründlich vermasselt. Er war
natürlich von niemandem geschickt worden, hatte einfach Ferien machen wollen,
in weißem Hut und weißem Anzug. Stinker Schulzky einmal im Jahr ganz groß.
Und nun war er hier auf pay dirt gestoßen, auf blanken zahlenden Dreck, er
konnte sowohl von mir als auch von einer gewissen anderen Partei kassieren,
besser hätte er es gar nicht treffen können. Im Grunde war ich schon tot –
und einen Augenblick lang durchzuckte mich der Gedanke, ihn hier einfach
umzulegen, hinter den Bambusstauden zum Beispiel, im Pool oder auf seinem Zimmer
im Bett, aber dann müßte ich auch noch das Zimmermädchen beseitigen, das
gerade dazukommen würde. Das war auch kein Plan. Ich hätte ihn höchstens mit
einem Leihwagen zusammenfahren können, auf einer seiner Exkursionen, und dann wäre
sicherlich – so wie ich das übersah – eine seiner Schrammen aufgetaucht.
Nein. Man sieht, moralische Bedenken hatte ich überhaupt keine, aber
praktische.
Wie er mir immer wieder über den Weg lief! Mir von der Treppe oder vom Tisch
her zuwinkte, den Telefonhörer bereits in der Hand! Das schien ihm große
Freude zu bereiten. Einmal stieß ich im Fahrstuhl auf ihn, als ich nach oben
fahren wollte – es war ein Scenic-Fahrstuhl, der uns durch die Wipfel in der
Halle hob –, da lehnte er gelassen an der Glaswandung, Zahnstocher in der
Schnauze, und blickte mich an. Und dann beim Aussteigen tat er etwas: nahm den
Zahnstocher langsam aus der Schnauze, ganz langsam, das hatte er wohl irgendwo
einmal gesehen, nahm den Zahnstocher und zeigte damit wie mit einem Zeigefinger
auf mich: die Todesanzeige.
Ich habe mich nicht lumpen lassen und ihm auch etwas gezeigt, die «Ragghia»,
den Todeskuß (das macht man mit zwei Fingern in den Mundwinkeln), aber das
konnte meine Stellung auch nicht verbessern. War wohl auch zu lahm ausgefallen,
denn er wurde nicht mal weiß. So sah man mich denn wieder einmal am frühen
Morgen mit zwei Koffern in der Hand die Treppe hinunterhasten, durch das
Spiegelblau und an den kostspieligen Palmenarten vorbei, draußen herrschte noch
halbe Nacht, und der Portier war auf seinem Stuhl eingeschlafen, aber fern am
Horizont, in einem schmalen rot beleuchteten Streifen, da hoben sich dampfend
– ich sah sie, wahrscheinlich waren es nur die Vorstädte, die da dampften,
aber ich konnte sie sehen – die Dschungel Mittelamerikas. Und ich hatte ja
auch noch eine Adresse.
Der Bus nach Limón. Jemand, der nicht darauf
vorbereitet ist, wird nach fünf Stunden Warten denken, er mache etwas falsch,
er macht aber gar nichts falsch. Ein elementares Erlebnis. Nach einem geheimen
Fahrplan kommen Busse, gehen Busse, hierhin, dorthin, unberechenbar, seltsam,
wunderbar. Es mag ein Muster geben, das man irgendwann zu erkennen glaubt. Und
dann doch wieder nicht. – Ja, ich versichere, nicht zu weit zu gehen, hier
eine Philosophie zu entwickeln, eine Limón-Bus-Lehre, man wird mich noch
verstehen.
Aber der Reihe nach: Als ich mit einem dieser flinken gelbgrünen Tico-Taxis auf
dem Busbahnhof in der Vía General Porfuez ankam, schien sich dort die halbe
Stadt versammelt zu haben, auf Leben und Tod. Es hupte, klingelte, pfiff,
feuerte Salsamusik auf die Straße, vor dem radiodurchschüttelten Tickethäuschen
stand eine lange Schlange, und die vier Abfahrrampen waren bereits mit
spekulativen Fahrgästen besetzt. Auskunft gab es keine. Nur soviel, daß der
Bus nach Limón an einer dieser vier Rampen halten würde, desgleichen aber auch
der Bus nach Guápiles, der nach Cartago, nach Chirripó und der nach Siquirres.
Auch der nach Turrialba. Nur wer von ihnen wo, an welcher Rampe, wann und ob überhaupt
an diesem Tage, das schien hier absoluter Spekulation zu unterliegen. Nirgends
ein Hinweis. Keine Beschilderung.
Nun war es immer noch früher Morgen, und meine Kräfte waren noch frisch, also
überließ ich mich ganz meinem Gefühl und ging – also, ich ging zunächst
auf die erste – – – dann aber doch lieber auf die zweite Rampe zu, wo eine
Gruppe von zehn bis zwölf Leuten die Spitze hielt. Stellte mich in die Reihe
hinter einen kleinen Mann mit Strohhut.
Stand dort eine Weile und konzentrierte mich: Das war mein Platz.
«O.k.», sagte ich zu dem kleinen Mann vor mir, «welchen Bus werden wir hier
kriegen, Limón oder nicht Limón?»
Er hatte die Augen zu mir hochgedreht und war offensichtlich von genau derselben
Frage bewegt. Es war ein guter Morgen im Schatten des Quacuamolibaumes, die Luft
noch frisch und der Himmel über dem gegenüberliegenden Amtsgebäude (das eine
gußeiserne, von einem Deutschen entworfene Fassade hatte) tief blaugolden.
«O.k.», sagte ich, «Warten auf den Bus von Limón ist ja wohl wie Warten auf
Gott.» Sollte ein Spaß sein.
Der Mann hatte dunkle Eidotter als Augen, nicht von Hühnereiern, aber von
irgendwelchen dunklen Vögeln; jedenfalls sahen sie aus, als ob man sie essen könnte.
Es war jetzt sieben Uhr, und mit etwas Glück würde es einen Morgenbus nach Limón
geben. Vor meinem Freund stand eine Gruppe von Schwarzen, das war immer ein
gutes Zeichen, sie hatten auch zwei schwarze Babys. Und ganz vorne bildeten zwei
Indios, offensichtlich Bauern mit Säcken, die Speerspitze. Und die machten auch
einen kompetenten Eindruck.
«Ich will damit sagen», erklärte ich meinem Freund, «daß die Chancen nicht
so sehr günstig sind. Eins zu vier, wenn ich mich nicht irre.»
Wir hatten so viel Zeit, einen ganzen langen Tag, und ich hatte vor, unendlich
weit auszuholen. Inzwischen wurde die Menge größer, Gepäckstücke wurden
geworfen, kleine Kinder hochgehoben, ein Kranker aufgebahrt.
«Man sollte denken, es geht um Leben und Tod, wenn man das hier sieht – wer
kann sich retten, wer steht auf dem richtigen Bahnsteig», ich sah meinen Freund
an, «ein Spiel mit okkulten Chips. Instinkt? Nein, mein Lieber, fast Religion.»
Wobei ich wieder bei meiner Ausgangsthese angelangt war. Es war allerdings sehr
gut möglich, dass der Mann überhaupt kein Wort verstand.
«Nehmen wir zum Beispiel diese Gruppe», ich lenkte seine Aufmerksamkeit auf
die erste Rampe hin, wo sich mehrere besser gekleidete, nichtsdestoweniger etwas
billig aussehende Herren und Damen befanden, «dorthin würde ich mich auf
keinen Fall stellen, von allen Möglichkeiten wäre diese die schlechteste.
Schlechte Schwingungen.»
Billig war eigentlich nicht der richtige Ausdruck; die Herren sahen aus wie Zahnärzte,
aber solche, zu denen ich überhaupt kein Vertrauen hätte.
«Man muß das Spiel mit leichter Hand spielen», erklärte ich meinem Freund,
«man muß…»
Mein Freund war nicht mehr da.
Er war überhaupt nicht mehr da, er war zur Rampe drei gelaufen, wo in diesem
Augenblick der Bus nach Limón die Tür öffnete und wo sich aus dem Nichts plötzlich
ein ungeheurer Schwarm von Leuten drängte. Ich konnte meinen Freund, der das
Spiel offenbar mit weitaus leichterer Hand zu spielen verstand, ziemlich dicht
an der Tür erblicken. Brauche wohl nicht zu erwähnen, daß ich es nicht mehr
schaffte, nicht einmal halbwegs. Der Bus war schon längst voll, als ich noch
draußen gegen achtundzwanzig Bauern mit Säcken kämpfte. Konnte aber schließlich
am Fenster meinen Freund erblicken, der mit seinen beiden Eidottern verständnisvoll
auf mich herabsah, als der Bus abfuhr.
Ich stand dann wieder hinter meinen Schwarzen mit den Babys und beschloß, nie
wieder in meinem Leben zu reden. Der Mann hatte sogar einen Fensterplatz
bekommen.
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