Mahmud der Bastard von Ernst Augustin, 2003, Beck

Ernst Augustin

Mahmud der Bastard
(Leseprobe aus: Mahmud der Bastard, Roman, 2003, Beck)

I

Mahmud trat rund und braun heraus. Seine Mutter gebar ihn im Stehen und zu einem Zeitpunkt, den nicht sie, sondern der herausdrängende Mahmud bestimmte; vielleicht, daß sie sich einmal kurz hinhockte. Die Erde unter ihr war von der Sonne zu hellem Safran gebrannt, als Mahmud dort hineinfiel und die Schnur zerriß, die ihn mit seiner Mutter verband. Wäre das Gelb dunkel gewesen und das Blut schwarz, so hätte es Regen bedeutet, und das wäre der Monat Sigh, so aber war es hellrotes Blut, Zeichen für Glück und Stärke: Mahmud trat auf der starken, der gekurvten Seite des Schwertes ein, auf seiner Stirn stand der Bogen des Schriftzeichens „Dha“. Geboren aus einer braunen runden Mutter, die gar nicht berechtigt war, ihn zu gebären, einer Gekauften, Unbedeutenden, von irgendwo Herstammenden, als Zugabe, als unbedeutende Draufzahlung im Alter von sechs Jahren dem Haus zugefallen; so sieht man sie am Rande des Bildes hocken, das schwarze Tuch vor dem Gesicht, an der Lehmmauer zu einem Hügel Fleisch gebeugt, und das sollte ihre ganze Funktion gewesen sein, hier verliert sie sich gleich wieder.

Denn im Zentrum sitzt der Herr, der Fürst, der Mann mit dem schwarzsilbernen Bart - der war bedeutend anzusehen. Auf einer sechsfüßigen Bank aus Schwemmholz, wie sie sonst niemand hatte, saß er da unter dem aufgeklappten Dach und ließ sich vorzeigen, was ihm an diesem wie auch an den anderen heiligen Tagen zugewachsen war, die sechs Zicklein in einem Korb mit Deckel, den Beutel Pistazienkerne, die vier Kupferstücke für den Handel mit dem   eingeschlagenen Auge des Tamir oder Temir oder wie der Esel hieß - er hätte ihn zehn zahlen lassen sollen, dann hätte er vielleicht weniger geschrien. Und den Mahmud, den brachte man auch vor ihn, den braunen Kloß. Dazu aber war die Mutter nicht berechtigt, also wurde Mahmud von einer alten knochigen Köchin vorgezeigt, die im Range höher stand, und sie hielt ihn wie ein Hähnchen in der Hand, ich will nicht sagen grob, aber doch alt und knochig, und der Mahmud erhielt seine erste Lektion unter ihrem Griff.

Was ihn nicht hinderte, fröhlich in den dicken Bart hineinzukrähen, der sich da majestätisch über ihm ausbreitete, sein allererster Himmel war das, die krause duftende Matte seines Vaters, des Fürsten und Herrn Habibullah. Da hielt er sich fest, da riß er an den silbernen Strängen, fröhlich und gefährlich, hoho haha, rechter Sohn des mächtigen Mannes. Denn wie hätte wohl ein unrechter Sohn solche Kraft zeigen können, und den Finger - nicht den kleinen, sondern den dicken Zeigefinger - hatte er ihm mit seinen Wolfszähnen auch gleich abgebissen, symbolisch, versteht sich. Ein anderer hätte wohl gegreint und „Dullalla“ gemacht, allenfalls mit dem Leckerchen ein wenig auf die Hand gesabbert und wäre von der Köchin gleich wieder hinter die Mauer getragen worden, wo ihm seine Mutter eine unbedeutende, aber sicherlich angenehmere Zukunft bereitet hätte. So aber stieg er die erste Stufe empor, wurde von seinem Vater, dem gewaltigen, strengblitzenden König Habibullah, dem Beherrscher der Welt, des Viehs und der Pistazienkerne, erkannt und hochgehoben.

Wobei sich der Beherrscher in acht nahm, denn solch kleine Tiere unterschätzte er durchaus nicht. Einmal hatte man ihm ein gefangenes Frettchen gebracht, ein längliches Tier, das kurz zuvor im Stall zwanzig Hühner gemordet hatte, hatte es am starren Draht vorgeführt, so daß es auf Entfernung gehalten werden konnte (so daß er auf diese Weise seinen Finger behielt), dennoch war ihm das Tier mit einem dreieckigen Schrei entgegengesprungen.

Was er jetzt sah, war ein Rundkopf mit knopfgroßen, sich unbändig nach allen Seiten drehenden Augen, für einen Moment den großen Mann, Vater der Könige, fast erschreckend. Um so mehr, als er zwischen den Augen das kleine säbelförmige Mal entdeckte, geformt wie der nach oben gebogene Buchstabe „Dha“. Weshalb er sich wunderte und den Mantel schüttelte, der von seinen Frauen mit blauen Leoparden bestickt war. Also befahl er, Fürst dieses ausgetrockneten Flußtales von Ghazni, das bis zu den fernen Schotterbergen reichte - es gab andere Flußtäler mit Namen Hilmend, Kala Bis, Katschaki, doch das waren andere Welten mit anderen Fürsten -, dieser Fürst aber, von dieser Welt, in seinem nachtblauen, mit Leoparden bestickten Mantel befahl folgendes: daß man den Knaben Mahmud zu den Prinzen in die Wiege tun solle, man solle was? In den an vier roten Stricken von der Decke herabhängenden Krippenkasten, aus dem sich vom Ende des Palastes ein dauerhaftes Gebrüll erhob. Dort solle man ihn hineintun, unverzüglich - und genaugenommen unrechtmäßig.

So beginnt die Geschichte Mahmuds des Bösen, Eroberer und Zerstörer Indiens, die aufzuschreiben ich unternehme, beginnend mit der Geburt und endend mit dem Unausweichlichen, welches ich kenne, den Lebensfaden als Schlangenknäuel in der Hand haltend. Am Anfang genügte ein Wink, das Heben einer Augenbraue, um das Schicksal in Bewegung zu setzen. Eine zufällig gute Morgenlaune: Hätte Vater Habibullah eine schlechte gehabt, Indien wäre nicht zerstört worden.

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