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Das Leben des François Rousseau, von ihm
selbst erzählt
(Leseprobe aus: Das Leben des Francois
Rousseau, von ihm selbst erzählt, Roman, 2007, SchirmerGraf
- Übertragung Elsbeth Ranke).
Zweiter Teil
Paris
Als ich im Spätsommer 1730 die Umgebung von
Paris erreichte, hatte ich keine genauen Pläne, sondern nur eine vage Hoffnung:
daß diese Stadt von Genf möglichst verschieden sein möge. Ich wurde nicht
enttäuscht. Für meine Ankunft in der Hauptstadt hatte ich mich herausgeputzt.
Eine halbe Wegstunde vor Paris fand ich einen Bach, in dem ich mich wusch, ein Wäldchen,
in dem ich mich umzog. Ich schlüpfte in meinen schönsten Rock; der übrigens
der einzige war, den ich überhaupt besaß, denn für gewöhnlich wanderte ich
in Hemd und Mantel. Ich meinte, dieser Rock entspräche dem guten Geschmack und
wäre der letzte Schrei, was in bestimmtem Sinne auch der Fall war: Er ging nach
der Mode von Dijon, wo ich ihn hatte schneidern lassen, allerdings hinkte man
dort der Hauptstadt um fünf Jahre hinterher. Ein Fuhrmann riet mir, die Stadt
von Süden her zu betreten: Das sei der bequemste Weg in den Stadtteil
Saint-Germain, wo Madame Paris lebte. Als ich am Schlagbaum von Enfer stand, bürstete
ich meine Kleider ab. Ich trug Strümpfe und Schuhe, Hosen und Hemd und war mit
mir selbst in höchstem Maß zufrieden. Ich war im Besitz eines Passes mit dem
Siegel der Dijoner Handwerkerinnung. Den Wachposten allerdings kümmerte das
wenig: Er würdigte ihn fast keines Blickes, und schon war ich in Paris. Der
Abend nahte. Ein leichter Wind kam auf und blies mir den mächtigen Atem
der Stadt mitten ins Gesicht. Schon bald erfuhr ich, daß der Pariser
Gestank sprichwörtlich war; mir aber, der ich schon immer für betörende Gerüche
geschwärmt hatte, stieg dieser schwere, übelriechende Dunst zu Kopf: Am
Stadttor von Enfer blieb ich doch tatsächlich stehen, um mich von diesem
Gestank berauschen zu lassen. Aber ach, das Abendlüftchen war nicht ohne
Begleitung gekommen: Ein Schauer gesellte sich schon bald dazu. Immer weiter
drang ich, vorbei an herrlichen Gärten, in die Stadt vor. Der Regen wurde immer
stärker. Im Nu verwandelte sich die Straße in einen unergründlichen Morast,
der in der Mitte von einem anschwellenden Sturzbach geteilt wurde, der allerlei
Unrat mit sich führte. Um mich unterzustellen, wollte ich diese reißende Gosse
durchqueren, doch ich unter schätzte ihre Tiefe. Ich versank bis an die Knie,
ich fiel. Ein Gutes hatte das Ganze: Um mein Äußeres brauchte ich mich jetzt
nicht mehr zu sorgen; außer mir gab es nur einzelne Passanten, die der Regen überrascht
hatte, gewiß Fremde wie ich. Zu meiner Rechten hatten sich einige Männer in
savoyardischer Tracht in einer Toreinfahrt untergestellt. Sie hatten sonderbare
Holzbögen geschultert, deren Zweck mir unbekannt war; es waren diese kleinen Brücken,
die die Pariser Standespersonen mieten, wenn sie von einem Niederschlag überrascht
werden und trockenen Fußes die Sturzbäche zwischen den Pflastersteinen überwinden
wollen. Zu meiner Linken hatten ein paar Frauen unter einem Baum Schutz gesucht
und machten sich unverhohlen über mich lustig. Es läßt sich leicht ausmalen,
wie verdrossen ich war, gleich von den ersten feinen Damen, denen ich begegnete,
derart verlacht zu werden! Tatsächlich allerdings waren diese feinen Damen die
frechsten und am geschmacklosesten herausgeputzten Dirnen der ganzen Stadt;
ich aber erkannte das noch nicht. Beharrlich stapfte ich weiter die Rue
d’Enfer entlang, während die vorübersprengenden Droschken mich von oben bis
unten mit Kot bespritzten.
Ein fest in seinen weiten Mantel gewickelter Wachtposten gab mir Auskunft: Nach
Saint-Germain war es zum Glück nicht weit. Brav folgte ich den Anweisungen
dieses Mentors.
Der Regen hörte auf, doch die Sonne konnte die Wolkendecke nicht mehr
durchbrechen, und so herrschte bald finstere Nacht. Vom Lichtschein angelockt,
landete ich in einer schmalen, überfüllten und von hohen Häusern begrenzten
Gasse, die von vielfältigen mir unbekannten Gerüchen erfüllt war und vom
vertrauten Hämmern der Werkzeuge, die Holz und Metall bearbeiteten, wider
hallte; über alldem hingen der Gesang der Handwerker und die Rufe der
Marktschreier; erst als ich das Ende der Gasse erreichte, merkte ich, daß ich
soeben auf einer Brücke die Seine überquert hatte. Durch die schwüle
Abendluft lief ich weiter. Plötzlich spürte ich einen kühlen Luftzug wie aus
einem Unterholz und suchte, woher er kommen mochte: Ich sah einen Garten und
wollte ihn betreten, um mich ein wenig auszuruhen. Ein auffallend
herausgeputzter Schweizer verwehrte mir mit seiner Lanze recht ungalant den
Eintritt. Ich fragte nach dem Grund für diese Abfuhr. Da plusterte sich der
junge Schönling in seiner Uniform auf und betete mir stolz sein Reglement
herunter: Der Eintritt in die Gärten des Palais-Royal sei verboten für
Soldaten, Livreebediente, Mägde, für Träger von Kappen oder Westen, für Schüler,
Gassenjungen, Habenichtse, für Hunde und Arbeiter. Nur mit Mühe schluckte ich
seine Unverfrorenheit und fragte nach dem Weg zur Rue de Bagneux. Mit einem
breiten Grinsen ließ er mich wissen, daß ich meinem Ziel gerade den Rücken
zuwandte. Just in dem Moment, in dem ich mir sagte, daß dieser Schweizer ein
paar gut plazierte Fußtritte verdient hätte, kam ein Franziskanerbruder vorüber,
erbarmte sich dieses schmutzigen, erschöpften Fremden und bot mir freundlich
an, mich an mein Ziel zu bringen, das auf seinem Weg lag.
Von meinem Führer erfuhr ich, daß in Paris die Nummern der Wohnhäuser
keineswegs alle sichtbar über den Eingängen angeschrieben sind, sondern in
absonderlicher Unstetigkeit von einem Ende der Straße zum anderen hüpfen: so
daß die Nummer 19 der Rue de Bagneux, zu der ich wollte, der Nummer 2 gegenüberlag.
Als ich den Namen Madame Paris nannte, musterte mich mein Franziskaner neugierig
und empfahl sich. Endlich stand ich also vor der Bleibe dieser Pariserin. Mochte
es in dieser Stadt wohl schicklich sein, nach acht Uhr an einer Tür zu läuten,
ohne angemeldet zu sein? Meiner Eitelkeit widerstrebte es, mich dreckig, wie ich
war, vorzustellen. Doch ich wußte nicht, wo ich schlafen sollte, und ich zählte
außerdem darauf, daß mein lächerlicher Aufzug mein Gegenüber für mich
einnehmen würde. Also läutete ich. Ein wohlwollend dreinblickender stämmiger
Pförtner öffnete, ich hielt ihm stumm den Brief der Witwe Tribu entgegen, den
ich durch die Sintflut gerettet hatte. Höflich forderte mich der Pförtner auf,
mich in der Toreinfahrt unterzustellen. Ich täuschte mich nicht: Man amüsierte
sich prächtig über meinen Aufzug, mehrere Dienstmädchen kamen sogar eigens
herbei, um mich zu bewundern, und lachten mich hinter vorgehaltener Hand aus.
Ich bemühte mich, gute Miene dazu zu machen, unddas kam gut an. Aus den
Gemächern der Hausherrin erging der Auftrag, mir wieder menschliches Aussehen
zu verleihen. Das erledigte der Pförtner: Michel hatte einst im Heer gedient,
ein rauhbeiniger Gascogner mit zahllosen Schmissen, ganz steif vom Rheuma und
offensichtlich nicht des Weines größter Feind. Er führte mich in den
Innenhof: Auf den Seiten zwei Flügel mit halbleeren Stallungen, vor uns eine
schlichte weiße Fassade, die von großen Fenstern durchbrochen wurde; durch
mehrere Salons hindurch erkannte ich die weißen Kieswege eines Gartens. Nie
hatte ich etwas Schöneres gesehen, doch ich getraute mich nicht, das zu sagen.
Michel ließ mich zwischen zwei Droschkengäulen in einen leeren Pferdestand
treten: Ich mußte mich ausziehen, er gab meinen Anzug einer Dienstmagd, die ihn
davontrug; er rieb mich mit trockenem Stroh ab wie ein Fohlen und hieß mich ein
Hemd überziehen, in das ich leicht zweimal gepaßt hätte. Eine Viertelstunde
später brachte mir die Haushälterin meinen Anzug wieder, der noch dampfte,
aber beinahe trocken und wie durch ein Wunder sauber war. Man ließ mich wissen,
daß es zu spät sei, um mich noch Madame Paris vorzustellen, daß sie meinen
Brief aber aufmerksam gelesen habe und mir für die Nacht ihre Gastfreundschaft
gewähre. Leicht zu erraten, daß ich sofort einwilligte! Ich wollte mich schon
auf dem Stroh des Pferdestalls für die Nacht einrichten, als eine ebenso hübsche
wie mürrische Kammerjungfer
mich über die große Treppe des Hauptgebäudes in das erste Stockwerk, dann
durch ein Gewirr von Fluren und über zwei recht enge Stiegen in ein geräumiges,
bezauberndes Zimmer mit rosa Wandbespannung führte, auf der hübsche
Hirtenknaben etlichen Flußnymphen schöntaten. Die Kammerjungfer zog sich zurück;
im Halbdunkel entkleidete ich mich hastig. Ein hohes Bett erwartete mich
mit offenen Armen. Einen Moment später schnarchte ich darin aus vollem Herzen.
Ganz offensichtlich hatte Michel, der Pförtner, einen Narren an mir gefressen.
Um fünf Uhr morgens stand er an meinem Bett und lud mich väterlich ein, in der
Küche eine Schokolade mit ihm zu teilen. Wir frühstückten riesige Scheiben
weißen Brotes mit trockenem, bröckelndem Schafskäse und tranken dazu
schwarzen, würzigen Wein. Ich ließ mir alles schmecken. Zwei Zofen, die Köchin
und Michel sahen mir schmunzelnd beim Essen zu. Sie erkundigten sich, was mich
herführte, ob ich irgendein besonderes Talent vorweisen konnte. Beim Stichwort
Uhrmacherei machte Michel mir Hoffnung, daß Madame Paris eine Stellung für
mich finden würde, und freute sich offensichtlich selbst darüber; es gab ihm
zufolge einfach nicht genügend Männer im Haus der Madame Paris. Ich wollte
wissen, ob sie denn hier nicht willkommen seien. Da lachten alle auf; und so
erfuhr ich, daß die Nummer 19 der Rue de Bagneux in ganz Europa bekannt war als
eines der wundervollsten Freudenhäuser der Hauptstadt.
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