Nichts geht mehr von Max AubMax Aub

Viver de las Aguas
(aus: Nichts geht mehr, Roman, 2001, Piper).

1. Viver de las Aguas

Auf einen Schlag verlöschen die Lichter. Zehn Uhr, der Mond fällt fahl auf die gekalkten Wände; die Tünche teilt sich, halb weiß, halb grau. Wie ein kalter Schauer läuft das Schweigen durch die Straßen des Dorfes, vom Kopf bis zu den Füßen, von der Plaza bis zum Quintanar Alto oben auf dem Berg. Anfang September, und über den Rücken des Ragudo weht es kalt herunter; oben über den Bergen die Sterne, Reißnägel des Windes.
Die Plaza, für acht Tage eine richtige Arena. Stufen und Bretterwände sind vor die frisch gekalkten Fassaden gezimmert, Palisaden schlucken das letzte Licht aus dem Kasino, und in der Mitte der kleine Barockbrunnen mit seinen vier Überläufen, dessen Becken dieser Tage wieder als Tränke genutzt wird: Mit dem letzten Schlag des Zehn-Uhr-Läutens ist die Plaza der Nabel der Welt. Tausendfünfhundert Seelen eng gedrängt und Kind und Kegel aus der Raya de Aragon. Unten, hinter Jérica und Segorbe liegen zum Meer hin die Dörfer der Provinz Valencia: bergauf Richtuna Sarrion der nackte steinige Weg nach Teruel.
Die Kirchturmuhr schaut in den Mond. Über allem ein Bangen, ein Gefühl zwischen Angst und Erwartung, die Ungewißheit, was hinter dem Rücken lauert; kaum Luft zum Atmen. Fünf nach zehn: Ein Raunen geht durch die Menge, die Mutigen recken die Köpfe aus den Öffnungen der Palisadenwand. Vor den benachbarten Häusern des Notars und des Arztes flanieren und promenieren die beifallheischenden Gecken und schielen nach den Töchtern im heiratsfähigen Alter, die auf den Balkonen der Honoratioren beisammenstehen, vor sich ihre Mitgift und hinter sich den Künftigen, die Lanze gereckt, unsichtbare Hände frönen den Freuden der Nacht. Vor den Wänden die Schatten der sonnengegerbten Alten in ihren schwarzen Bauernhemden, die sich trotz ihrer Jahre noch immer nicht geschlagen geben wollen. Plötzlich erstirbt der lärmende Trubel, ein Murmeln hat ihn erstickt.
So weit Rafael López Serrador auch zurückdenkt, in seiner Erinnerung findet er kein älteres Bild. Aus seiner Kindheit ist dies der ursprünglichste Eindruck: Dieser Augenblick, bevor bei der September-Fiesta der Feuerstier losgelassen wird. Dies und das Plätschern des fließenden Wassers über die Erde: Brunnen, Quellen, Bewässerungsgräben.
Der Feuerstier hat noch jedesmal fünf oder sechs Männer getötet; ein wildes und gewaltiges Tier, mit noch mächtigeren Hörnern als ’Favila’, der '89 in Rubielos de Mora acht Mann tötete. Sein Besitzer, in den Augen der Kinder ein reicher und geheimnisumwitterter Mann, führt den Basilisken von Fiesta zu Fiesta. Irgendwann, wenn es vom Pech fast erblindet ist, setzen sie das Ungetüm einigen jungen Toreros vor, damit sie ihm den Garaus machen. Selbst das schaffen sie nur mit Mühe und Not, seine Hörner sind höllisch gefährlich, denn das Vieh hat es faustdick hinter den Ohren. Der Züchter trinkt seinen Kaffee im Kreis der Mauristen. In sicherer Entfernung sind die Buben immer um ihn herum: »Das ist er, das ist er.«
Die Jungstiere rennen durch die Straßen, angetrieben und aufgestachelt von den Burschen. Die Leute, Männer und Frauen, kommen heraus und gehen ihnen auf der Landstraße entgegen, sie suchen den Schrecken (oh wie schrecklich! ) und die Furcht (oh wie fürchterlich! ), wollen vor den Hieben der Hörner herlaufen und an Fenstergittern hochklettern, möglichst an einem vorab und mit Bedacht ausgesuchten Haus von Freunden, oder sich hinter Einfriedungen, auf Wällen und Steinmauern am Wegesrand in Sicherheit bringen. Die Männer haben Stöcke dabei und tragen ihre schwarze Tracht, die Sommerfrischler Hemden mit kurzen Ärmeln. Einige versuchen, die Stiere zu reizen, hinterher haben sie einen zerrissenen Hosenboden, werden verhöhnt und verspottet. Staub, Bier, Bänderwettläufe, und dazu spielt die Kapelle einen Pasodoble nach dem anderen.
Der Feuerstier aber kommt erst in der Nacht und steht allein am Ufer des Flusses, keiner wagt sich an ihn heran. Seit den frühen Morgenstunden kommen alt und jung über Trampelpfade oder an den Bewässerungsgräben entlang, um die Jungstiere einem prüfenden Blick zu unterziehen. Halb verdeckt von Schilfrohr weiden die Tiere in einem trockenen und steinigen Bachbett am Rande des Wildwassers. Man sucht Deckung hinter Oliven- und Feigenbäumen. Das aufgeregte Jiepern der Mädchen schürt die Stimmung. Die Pärchen schlagen sich nach rechts und links in die Büsche, »um besser sehen zu können«, wie sie versichern, und so geschützt, schürzen sie ihre Kleider. Hier und dort packt jemand sein Essen aus. Etwas weiter unten gehen drei Feldarbeiter vorbei, die Hacke geschultert, sie sind auf dem Heimweg ins Dorf und haben kein Auge für die weidenden Jungstiere, die Kippe schräg im Mund spucken sie schnalzend aus:
»Mein Gott, die ham' wohl noch nie'n Vieh gesehn!«
Ein Maultier stapft stumpfsinnig einen kreisförmigen Graben um eine steinalte Bewässerungspumpe und schlägt mit seinen Hufen dem lärmenden Vergnügen blind den Takt; spärlich rinnt das Wasser. Rafael Serrador steckt seinen rechten kleinen Finger zuerst ins rechte, dann ins linke Nasenloch, bückt sich nach einem Kieselstein und versucht, ihn bis zum Fluß zu werfen, aber er kommt nicht so weit. Andere, die ein klein wenig älter sind, schleudern ungestüm Steinbrocken auf die Rücken der Jungstiere. Nur ein paar heben den Kopf und glotzen ungerührt, andere tun allenfalls einen Schritt nach vorn, während sie mit hängendem Maul zwischen den vielen Wassergräben nach mageren Stengeln suchen.
Der Fluß durchzieht eine ocker- bis maulbeerfarbene Klamm, die sich von den Grüntönen des gegenüberliegenden Ufers abhebt. Hinter dem Röhricht kann man den Wasserlauf erahnen; am toten Ende des Einschnitts sind Wasserstrudel zu sehen. Der Himmel tiefblau, krächzend durchziehen ihn einige Raben. Schon kommen die Leute von der Messe, kümmern sich nicht um die Wege, nehmen die Abkürzung über die gefurchten und geharkten Beete, zertreten Luzernepflänzchen, gewundene Kürbistriebe, Zwiebeln. Sie stehlen Trauben und Melonen.
»Die machen mir noch alles kaputt, diese elenden Hurensöhne!« grummelt ein Tagelöhner, der gerade eines der Beete bestellt, das am Weg zur Schlucht im Schutz einer halbverfallenen Stützmauer liegt. Jedes Jahr muß er nach der Fiesta die Furchen aufs neue ziehen, die Hecken und Zaunpfähle erneuern. Zwischen dem Fußpfad und dem Gartenbeet läuft der Bewässerungsgraben, das kristallklare Wasser spült über schimmernde Algen auf Moospolstern, an den Kanalrändern wächst Frauenhaar. (Zwei Jahre ist es jetzt her, daß Rafael mit einer fiebrigen Erkältung im Bett lag und einen Aufguß aus Frauenhaar verabreicht bekam.)
Die Mutter ist ein bißchen vorwitzig und immer für einen Spaß zu haben. Bisweilen sieht jemand Rafael an und meint, er sähe seinem Vater ähnlich. Das macht ihm zu schaffen: Er findet das ganz normal, merkt aber, daß das nicht so ist. Was wollen die Leute damit sagen? Sein Vater ist klein und dunkel. Rafael ist froh, seiner Mutter ähnlich zu sehen, die größer ist. Sie trägt ein schwarzes Mieder, einen schwarzen Rock, und wenn sie aus dem Haus gehen muß, ein um den Hals geknotetes Tuch; besonders gefällt sie ihm, wenn sie hochgeschnürte Schuhe mit fingerhohem Absatz und schmaler Spitze anzieht.
Schon spielt die Musik auf und bringt dem September die Hitze, die ihm fehlt. Der Abgeordnete und seine Familie sind gekommen. Der Steueramtmann, der Apotheker und Don Blas gehen jeden Tag zum Kasino hinunter; es geht das Gerücht, daß man dieses Jahr einen Tag mehr für die Jungstiere haben wird. Der Vater verflucht Gott und die Welt, heute und für alle Tage, denn seit Montag verkehrt zwischen Valencia und dem Dorf ein zusätzlicher Zug, und mit seinem gelben Omnibus, den er stumpf wie ein Maultier hin- und herfährt, muß er vier zusätzliche Fahrten zwischen Dorf und Bahnhof unternehmen, egal ob es regnet oder ob die Sonne scheint. Der Wagenlenker ist Republikaner und gegen den Stierkampf, den er für ein primitives und rückständiges Schauspiel hält, aber verpaßt hat er noch keinen einzigen. Die Fliegen gebärden sich an jenen Tagen wie verrückt und machen einem mehr denn je zu schaffen; zur Siestastunde hört man, wie sie sirrend um herabhängende Klebestreifen und Essigflaschen summen, wo tückisch der Zucker lockt und sie verzweifelt versuchen, nicht wie die Fliegen zu krepieren.
Richtung Süden, hinter dem Einschnitt bei Jerica, öffnen sich blaue und grüne Weiten. Richtung Norden, wo es im Winter schneit, gibt es nichts als kleine Steineichen und Gestrüpp: da der Horizont, dort das Gebirge.
Aus der Küche des Kasinos kommen die noch warmen Fischpastetchen. Die goldgelbe Masse ist außen knusprig, innen saftig, und duftet köstlich nach Olivenöl, der übereinandergeschlagene Teig mit dem kroß gebackenen Rand umhüllt grünliche oder rötliche Streifen gegrillter Paprikaschoten, die sich köstlich vereinen mit dem Wangenrot des zerkleinerten Thunfisches, dem ins karmesinfarbene gehende Rot der gebrannten Tomaten, dem Gelbton der ganzen Pinienkerne. Safrangelbe Tropfen kullern über die Wangen der gut angezogenen Kinder und hinterlassen eine glänzende Spur.

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