Lothar Atzert

Gaby und Edith

Die Edith hatte Geburtstag gestern. Ist Neunundfünfzig geworden. Gestern war Mittwoch, der fünfte September. Die Edith ist demnach Sternzeichen Jungfrau.
Wie kann man die Edith beschreiben? Damals, in der Schulzeit, sie ging in meine Klasse, fiel sie kaum auf. Sie wußte mehr, als andere, war rege im Geist, aber ansonsten das, was Kinder so grausam, wie wahr, als "langweilig" bezeichnen. Das heißt, sie war evangelisch, dünn, trug Kniestrümpfe, vorne den Pony und am Hinterkopf einen Pferdeschwanz. Es ging nicht viel von ihr aus, nicht die Unruhe, die Knaben an ihre schlafenden Triebe heran hätte führen können - wonach die zuhause Unterdrückten ab einem bestimmten Lebensalter insgeheim lechzen. Und fast jeder wurde unterdrückt! Die Wahl, um zu lechzen, um den Speichel- und andere Flüsse  anzuregen, fiel dann zwangsläufig auf Gaby, denn die hatte so sinnliche Lippen, ihr Gang, der wiegende Hüftschwung ließ das Atmen vergessen, was mit der Zeit gefährlich werden konnte und unter ihrer Bluse regte sich etwas Unheimliches - und das erregte uns Buben und verstörte zugleich. Das heißt, wir machten, um abzulenken von der eigenen Hilflosigkeit, blöde Witze darüber. Insbesondere als sie den ersten Büstenhalter trug. Und Nylons - Netzstrümpfe, aber vielleicht spielt mir da doch die Fantasie heute einen Streich. Es war jedenfalls unerhört: einer aus unserer Mitte wuchs, nach was unser noch junges Geschlecht schrie. Und das ohne Vorwarnung.
Doch zurück zur Edith. Die hatte solche Erregungsmerkmale nicht, nicht mal in Spurenelementen. Heute frage ich nach dem Warum: warum hat sie ein Mädchen und das andere hat sie nicht? Ist das nicht entscheidend für den weiteren Lebenslauf? Wie kann das Schicksal für beide so unterschiedlich sein? Der Einen öffneten sich fortan Tür und Tor und ganze Konzerte wurden ihr bald nachgepfiffen, indem sie ihr kleines Törchen nur einen Spalt weit öffnete, einen klitzekleinen erregenden Spalt weit - und die andere wußte alles vom Lehrer verlangte Wissen vorwärts wie rückwärts, auch das Ungefragte wußte sie besser und war doch allen gleichgültig, - allen Buben zumindest. Wie's unter den Mädels war, und verweichlichte Jungs waren auch Mädels, wir nannten sie "Memmen" - konnten wir "Männer" damals freilich nicht wissen.
Jahrzehnte haben wir uns nicht gesehen, die Edith und ich - und keinen Moment lang hatte ich jemals an sie gedacht. Nur dann, wenn jemand anderes gerade die Sprache auf sie brachte.
An Gaby - nunja, also hin und wieder, vielleicht etwas öfters, dachte ich an ihre Knospen. Genaugenommen jeden Frühling gedachte ich ihrer Hügel und dem Tal und wie sie Teil eines ewigen, fruchtbaren Frühlingsempfindens im Geist geworden waren.
Ja die Gaby - vor kurzem sah ich sie dann wieder. Der Frühling ist nun schon dem Herbst gewichen, dem Spätherbst, kurz vor Einbruch der ersten Minusgrade. Und es fällt mir schwer, das Bild, das ich von ihr all die Jahre bewahrte, am Leben zu erhalten. Was war nur aus ihrer Vitalität geworden, jener stolzen Körperspannung? Sie hatte noch immer diesen wunderschönen Busen wie früher und die gutproportionierte Figur. Nur das Feuer, das ihn und uns einst erhitzte bis zum Wahnsinn des ersten feuchten Traumes, dieses Feuer in den Augen und in jeder begehrlichen Faser des Körpers - es war erloschen.
Als ich zurückzog vor einigen Jahren, zurück ins Elternhaus, mußte ich feststellen, daß die Edith in unmittelbarer Nachbarschaft eingezogen war. Auch sie war anders geworden - aber wie anders? Wie war sie denn früher? "Unauffällig" sagt ja nicht aus, wie sie war, sondern behält es gerade für sich. Wie kann ich dann sagen, sie sei anders, als früher?
Nach einigem Nachdenken - und es war an ihrem Geburtstag, von dem ich erfuhr, weil andere Nachbarn, wie unsere Frau Knüttel, von ihrer Geburtstagsfeier mit Kaffe und Kuchen erzählten - wurde es mir klar: Ja, die Edith hatte gelernt, auf ihre spezielle Art auffällig zu werden, sich zu nehmen, was ihr zustand - im Sinne ihres Zeichens Jungfrau. Die Edith war, oh Wunder, nämlich eine große Nummer in der "Nachbarschaftshilfe e.V." geworden. Wo immer Not am Manne war, war die Edith mit ihrem Ehemännchen zur Stelle, packte mit an, noch bevor man sie rief. Auch in unserer Familie hat sie Vater, Mutter und Tante Käthel schon früh zutode gepflegt. Und so etwas nötigt allgemein Respekt ab. Es nötigt, jaja, die Sprache lügt nicht. Man habe einem Helfenden Respekt zu zollen, so denken die Moralisten - man weiß nie, wie's einen mal treffen kann!
Als ich also noch Anstalten traf, hier zu wohnen und schon am Eisenhut schrieb, und zwar jenen Teil, wo es um die neun Musen ging, die antiken Inspirationsgottheiten und Töchter der Erinnerung, ohne deren Hilfe kein Künstler je etwas zustande brachte, da nun geschah es, daß Edith, wohl von Tantchen beauftragt, Kleidungsstücke zu holen - Katharina lag durch einen Treppensturz verursacht im Krankenhaus - da hörte ich sie im Treppenhaus, wie sie plötzlich stehen blieb und völlig hysterisch ausrief: "Das ist ja lebensgefährlich!"
Anscheinend hatte sie jene Stelle des Treppengeländers entdeckt, wo sich Tante Käthel, bereits im freien Fall befindlich, vergeblich festzuhalten versuchte, wobei sich zwei Schrauben gelockert hatten und so das Geländer an der Wand wackelte. Die lebensgefährliche Fallhöhe - oder heißt es Falltiefe? - betrug etwa 40 Zentimeter und endete vor meiner Tür.
In diesem Moment erinnerte ich mich - oder um in der antikischen Ausdrucksweise zu bleiben: da küsste mich eine der Musen und sprach: "Entsinne dich des Spruches auf dem Kalenderblatt." - irgendwann einmal in der Kindheit hatten wir einen Abreißkalender zuhause, wo auf der Rückseite jedes Blattes für jeden Tag ein Spruch stand. Und just an meinem Geburtstag, dem 14. Januar, riß ich das Blatt ab, auf welchem die Worte standen: "Die Zunge ist weich und ohne Knochen - und hat doch schon manchem das Rückgrad gebrochen." - O wunderbares Erinnern, hab' Dank, ich liebe diese Worte, welche die Macht der Sprache ins Bewußtsein rücken.. "Kein Feuer, keine Flamme kann brennen so heiß, als heimliche Liebe, von der niemand nichts weiß.!"
Wohl weil ich kalkuliertes Helfen durchschaue, (das Sehen schwebt ja als verräterische Aura um einen herum) war ich auch nicht zu ihrem Geburtstag eingeladen. So lange einer nicht in öffentlich zur Schau gestellte Not geriete, sich quasi für die Notschlachtung anbot, würde er ausgeschlossen bleiben - einem solchen Elefanten auf dem Friedhof zu helfen bringt keinen Respekt, keinen Dank, es lohnt sich nicht. So regeln sich die meisten Dinge von selbst, schließlich würde ich mit all meiner ertragenen Not auch dort gar nicht hin gehören, wo man geistige Wachstumsförderer in völliger Unkenntnis als Übel denunzierte.. Lebensgefährlich - wie kann, wer das lebendige Schicksal am Geschehen hindert, von Gefahr reden?
Ertragene Not läßt wachsen, klärt, bringt weit Entferntes näher: Not, nicht das Vergnügen, hat mich zu einem demütigeren Menschen zurecht gescholzen, als ich es vorher war und mein eigener Beitrag war nur das Ertragen von etwas Schmerz gewesen, dh. das Nichtjammern gegenüber der scheinbaren Ungerechtigkeit. Das hat den Hochmut partiell abgeschliffen. Dazu ist die Not ja da - um sie zu wenden, Gefahr in Erfahrung zu wandeln und erst das läßt reifen. Der Erfahrene, der den Weg erfahren hat - einige sprechen vom "Helden", andere vom Krieger, doch der Name ist nur ein Gast der Wirklichkeit. Und Schmerz, zugegebenermaßen manchmal ein harter Lehrer, führt jeden, der sein Schicksal annimmt, an der Hand und brennt das Gemüt zum geklärten und geläuterten Charakter. "Den Willigen führt das Schicksal" sagte der weise Seneca "den Nichtwilligen reißt es mit sich fort. Auch das einst ein Kalenderblatt!
Und zu diesem Verstehen gehört das Sehen der völlig verdrängten Einsamkeit Ediths. Ach, wie rührt mich das - aber durch einen solchen Panzer hindurch zum Herzen gelangt keine Rührung mehr. Das harte, nicht mehr Biegbare ist dem Tod immer nahe, während das Weiche, Verletzliche und Gefährdete voller Leben ist. Die Edith, so sagt es das Wissen von dem, was Jungfrau bedeutet, hilft, weil sie panische Angst hat, sie könnte einmal in eine Situation kommen und Hilfe brauchen und dann ist vielleicht keiner da. Diesen Gedanken, daß sie es nicht ganz selbstlos tut, sondern aus nichtertragener Angst hat sie verdrängt. So sehr, daß sie helfen, helfen, helfen muß - und doch von meiner Rührung unberührt bleibt.
Die Edith - wie mag der Tod ihr, da niemand ihr helfen kann, wenn die eigenen Verdrängungen, das ganze ungelebte Leben, sie überfallen, Angst bereiten? Nicht natürliche Furcht vor realer Gefahr, sondern Todesangst! Das ist lebensgefährlich! Sie möchte jeden vor dieser Angst fernhalten, weil sie selbst den Gedanken ans Ende nicht erträgt: in der Todesstunde so völlig allein mit sich selbst zu sein und in den gähnenden Abgrund zu blicken..
Würde sie, statt ungefragt zu helfen, sich einmal, ein einziges mal bis zu diesem Grunde hinab wagen, wie das in der Todesstunde unausweichlich wirklich ist, so würde sie aus sich selbst heraus erfahren, wie das Ende des Lebens zugleich Türen und Tor nach der anderen Welt öffnen kann. Viel umfassender, als bei Gaby, deren Tore im Dauerabonnement den Spalt für die Zellteilung in die vergängliche Welt öffneten.
Ob Mann oder Frau - wir sollten stolz und tapfer sein im Schmerz, der den Charakter festigt und das Herz für große Wesenszüge öffnet. Das Plausible gehört ja doch nur zur Oberfläche des Meinens, geboren zumeist aus familiären Übergriffen, was verdrängt wird, um überleben zu können. Das ist es, was mir das Bild von der Jungfrau Edith zutrug. So etwas zu erkennen macht mich glücklich, weil es den Geist um ein weiteres Staubkörnlein klärt - und zugleich traurig, da ich weiß, was mit der Edith geschieht, geschehen muß, im Moment ihres persönlichen Abgangs. Denn sie muß vom Irren befreit, wenn's sein muß herausgeschnitten, herausgekocht, herausgewaschen werden aus den eigenen Vorstellungsmuster, bevor sie nach Hause entlassen werden kann. Nach Hause - ins Wohnhaus des Wahrheitszustandes.
Edith und Gaby - auch die Verdeutlichung des Schicksals der Gaby hat mich etwas klarer sehen gemacht: daß der irdische Frühling schon fast vorüber ist, sobald wir seine Präsenz wahrnehmen. Und wenn man nicht aufpaßt, ist das Leben vorüber, bevor man es vergegenwärtigt. Jetzt fängt es an, gleich hört es auf! Das Sinnliche genießen, geschehen lassen, doch nicht daran haften - das klar zu sehen und zu beherzigen, wenigstens im Hinterkopf zu bewahren, dazu hat mir Gaby, die Stierfrau verholfen. Und erfährt es doch nie.
Jeder sieht, sofern er überhaupt zu sehen vermag, andere anders. Wie Gaby mich sah und  sieht, wie Edith mich sah, sieht, wie Gaby die Edith und diese wieder jene - all das wäre es einem wie mir, einem nach Bestimmung durch Wahrheit Hörenden wert, sie danach zu befragen, um es zu einem umfassenderen Bild zu fügen.
Aber es bleibt zu befürchten, die verstehen das hier Geäußerte nicht annähernd, aus Gründen der Verdrängung des Zusammengehörens von Leben und Tod, von Ein- und Ausatmung, sowie Mann und Frau - die Gedanken eines Herdenflüchters gehen den Zeitgenossen, wie es umgangssprachlich heißt, am Arsch vorbei. Da gleichen sich dann wieder Edith und Gaby mit dem Rest der Klasse von damals. und halten das Geäußerte, sofern sie es wahrnehmen, für Überheblichkeit.
Ach ja! Mir scheint, man muß die Dinge alleine klären. Und nicht zurückblicken..
 
(2007)

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