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Warum Manieren?
(Leseprobe aus: Manieren, 2004, Eichborn)
Mit dem Gedanken, eine Betrachtung über deutsche und europäische Manieren zu schreiben, gehe ich schon eine Weile umher. Ich hatte mir sogar schon einen Zettelkasten angeschafft, in dem ich nach dem Vorbild der berühmten japanischen Hofdame Sei Shonagon zum Beispiel zusammentrug: »Was häßlich ist.« Was war nach meinem Dafürhalten häßlich?
»Fremden Leuten ins Gesicht fassen.
Das Fernsehen laufen lassen, wenn Besucher den Raum betreten.
Rotweingläser zu voll schenken.
Über sein Gewicht sprechen.
In der Brusttasche ein Taschentuch aus demselben Stoff wie die Krawatte tragen.
Sich wundern.
Medizinische Ratschläge geben: Wußten Sie nicht, daß so viel Salz
gesundheitsschädlich ist?
Sich im Theater mit dem Rücken zu den Sitzenden durch die Stuhlreihe zwängen.
Mit nacktem Oberkörper am Eßtisch sitzen.
Fremde Leute beim Abendessen fragen: Glauben Sie an Gott?«
Es wurde mir sehr schnell klar, daß diese Liste,
so lange sie sich fortsetzen ließe, kein hilfreiches Konzept für ein Buch
über die Manieren, wie ich es plante, barg. Ich wollte mich ja nicht als arbiter
elegantiarum betätigen. Nichts wäre in der gegenwärtigen Verfassung der
deutschen Gesellschaft lächerlicher, nichts vergeblicher. Ich habe deshalb auch
keinen der vielen Ratgeber gelesen, die sich mit den Manieren befassen, obwohl
viele davon gewiß sehr lesenswert sind. Die Leute fühlen offenbar ein gewisses
Bedürfnis, sich über die Regeln der Verhaltensweisen in Gesellschaft zu
unterrichten.
Ist dieses Interesse nicht verblüffend?
DIE BEGRÜSSUNG
Einen besonderen Reiz besitzen für mich die
Bücher, die die Leute in ihre Gästezimmer stellen: alles ausrangierte Werke,
die sie in ihrer Bibliothek nicht haben wollen, die aber unerwartete Funde
ermöglichen.
Vor einer Weile schlief ich in einem Zimmer, in dem der alte Meyer in
sechsundzwanzig Bänden meinen Schlaf bewachen sollte. Zwischen »Begriff« und
»Bégeule - sich zierendes Frauenzimmer« stieß ich auf das Stichwort
»Begrüßungen«.
Ich lese gern, was man in Europa über Afrika zu
wissen meint, und war glücklich, gleich auch Äthiopien, hier natürlich noch
Abessinien benannt, erwähnt zu finden.
»Bei den meisten afrikanischen Völkern sind die Begrüßungsweisen durchaus
sklavisch«, las ich in diesem Artikel aus dem Jahre 1896, der sich auf das Werk
Soziologie von Herbert Spencer stützte. »Die Abessinier fallen auf das Knie
und küssen die Erde.« Richtig, der Kaiser wurde so begrüßt, und ich selbst
habe ihn viele Male so begrüßt, und es war stets unser äußerstes Vergnügen,
wenn ein neuer Botschafter aus einem modernen westlichen Land oder auch ein
Kommunist aus der Sowjetunion sein Beglaubigungsschreiben beim Kaiser
überreichen mußte und vom Palastminister und seinem Staatssekretär in die
Mitte genommen wurde, die der stets etwas widerspenstigen Exzellenz dabei
halfen, den Kopf ganz hinunter bis fast auf den Boden zu bringen und danach
wieder auf die Beine zu kommen.
So »sklavisch« ist es in Europa natürlich niemals zugegangen. Ein Wiener
Freund, der Sohn eines kaiserlichen Hofbeamten, erzählte mir, daß ein greiser
Kammerdiener einmal vor Kaiser Franz Joseph das Tablett mit dem Frühstück
fallen ließ. "Bitt um Vergebung, lege mich zu Füßen Ew. Majestät!"
sagte der bekümmerte alte Mann, es war die vorgeschriebene Anrede. "Bitte
nicht auch das noch", antwortete der Kaiser, "da liegt ja schon die
Leberknödelsuppe."
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