Kjell Askildsen

Totentrunk
(Kurzgeschichte aus dem Debütband "Heretter følger jeg deg helt hjem. Oslo, 1953" - Übertragung Marion Kohler)

Viele legten Kränze nieder. Alle sagten, dass sie ein guter und wertvoller Mensch gewesen war. Ich weinte nicht. Zum Schluss legte Georg seinen Kranz ab. Er sagte, wie schlimm ihr Tod ist. Er sagte, dass er es nicht versteht, warum sie nicht mehr lebt, weil es doch jemanden gibt, der sie braucht. Ich weinte auch dann nicht, denn ich hatte mich vorher schon ausgeweint. Dann wurde ein Psalm gesungen, und dann trugen sie den Sarg hinaus. Er war ganz mit frischen Blumen bedeckt. Als der Sarg hinuntergelassen wurde, legte Georg seine Hand auf meine Schulter. Er meinte es sicher gut, aber er hätte es nicht tun sollen, denn dadurch wurde es nur schlimmer. "Von Erde bist du genommen, zur Erde sollst du werden, Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub". Dann, als alles vorüber war, kam der Pastor zu mir und gab mir die Hand. Er sagte, dass ich immer daran denken soll, dass Gott mit allem etwas bezweckt, und ich drehte mich weg. Es kamen viele andere, um mir die Hand zu geben, und ich fragte Georg, ob wir nicht versuchen sollten, von hier weg zu kommen. Als wir den Friedhof verließen, begann es zu regnen. Georg klopfte mir auf die Schulter.
- Wir gehen in den Kjelleren und trinken einen Kaffee, sagte er. Wir gingen eine Treppe runter, und es war voller Menschen, und dicker Qualm hing unter der Decke. Wir fanden einen freien Tisch. Durchs Fenster konnte ich bis in Kniehöhe die Beine der Leute sehen, die auf dem Bürgersteig draußen vorbeigingen. Georg winkte den Kellner heran und ich sagte, dass ich einen doppelten Kognak und ein Selters haben wollte. Georg schaute mich an. Der Kellner wartete. Für mich auch, sagte Georg.
- Man soll sich nicht dazu zwingen zu vergessen, sagte er.
- Ich hab nicht vor, es zu vergessen.
Der Kellner kam mit den Gläsern und dem Wasser. Eine ganze Weile sagte keiner von uns was. Wir hoben nur die Gläser, nickten uns zu und tranken. Georg bot mir eine Zigarette an.
- Es bringt nichts, nicht darüber zu reden, sagte ich.
- Oft hilft es, wenn man darüber redet, sagte Georg.
- Es ist einfach dumm, sich stärker zu machen als man eigentlich ist.
- Du warst tapfer.
- Es tut mir nur so furchtbar leid um sie.
- Dazu gibt es ja jetzt keinen Grund mehr. Jetzt, wo alles vorbei ist.
- Im Sommer wollten wir nach Paris fahren. Sie hat sich schon so darauf gefreut. In den letzten Tagen hat sie über nichts anderes mehr geredet.
Georg anwortete nicht, und ich nahm einen Schluck aus meinem Glas. Georg trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte. Ich trank mein Glas aus und winkte dem Kellner. Ich bestellte mehr Kognak, und plötzlich kam laute Musik aus den Lautsprechern unter der Decke. Die Musik wurde runtergedreht, und ich sagte, dass wir schon zweimal vorgehabt hatten, nach Paris zu fahren, aber es wurde nichts daraus. Georg sagte, dass es keinen Zweck hat, über verschüttete Milch zu weinen. Du hast ja recht, sagte ich, aber du vergisst, dass sie tot ist. Wir tranken, und ich saß da und schaute auf die Beine vor dem Fenster.
- Du hast so viele schöne Erinnerungen, sagte Georg.
- Ja. Ich wäre übrigens froh, wenn ich sie nicht hätte. Sie sind nicht mehr schön. Jetzt, wo sie tot ist, sind sie nicht mehr schön.
- Ich verstehe. - Gerade die Erinnerungen sind es, die mich Nacht für Nacht wach halten und mich zum Weinen bringen.
- Das geht bald vorbei.
- Ja, du musst es ja wissen.
- Ich habe noch nie jemanden verloren, aber es ist ja nur natürlich, dass es vorbei geht.
- Du kennst dich ja verdammt gut damit aus.
Er antwortete nicht, und sofort sagte ich, dass er mich nicht so ernst nehmen darf. Ist schon o.k., sagte er. Wir prosteten uns zu und tranken. Der Branntwein begann zu wirken.
- Der verdammte Pastor sagte, dass alles einen tieferen Sinn hat, sagte ich.
- Ich habe es gehört.
- Daran glaube ich nicht.
- Ich auch nicht.
- Ich glaube nicht, dass irgendwas einen Sinn macht.
- Ja, genau das war es, was ich rüberzubringen versucht habe, als ich den Kranz hinlegte.
- Das war schön, was du gesagt hast.
- Findest du ?
- Keiner hat so schön wie du gesagt, dass sie unersetzlich ist.
- Ich bin froh, dass du das findest. Ich habe versucht, es so deutlich wie möglich zu sagen.
- Was eine Rede gut macht, ist, dass man das sagt, was man sagen will und nicht mehr. Du hast es prima hingekriegt. Prost.
Ich musste mal raus. Von der Toilette aus konnte ich den Regen hören. Ich wusch mir die Hände und ging zurück ins Restaurant. Ein Mädchen hatte sich zu Georg gesetzt. Sie hieß Astrid. Ich kannte sie vom Sehen. Sie sprach mir ihr Beileid aus, und ich begrüßte sie zum Totentrunk. Sie wusste nicht, ob sie lächeln sollte und machte ein etwas betretenes Gesicht. Georg sagte, dass es richtig gemütlich wäre, wenn Lilly hier wäre. Tut euch keinen Zwang an, sagte ich. Astrid wurde ein bisschen rot. So hab ich es nicht gemeint, sagte Georg.
- Man soll nicht trauern, wenn einem nicht danach ist, sagte ich.
- Außer dir haben nur wenige so große Stücke auf Lilly gehalten wie ich.
Der Kellner kam mit zwei Gläsern und einer Flasche Selters. Ich bestellte mehr Kognak. Astrid und Georg stießen an. Der Kellner kam mit meinem Kognak, und ich prostete den beiden zu. Georg lächelte mich an. Kümmer dich nicht darum, was ich sage, sagte ich. Georg kniff die Augen zusammen und grinste. Ich bin nicht mehr ich selbst, sagte ich. Ich bin noch nie verlassen worden. Prost, sagte Astrid. Prost, sagten wir.
- Lilly war einer der wertvollsten Menschen, die ich gekannt habe, sagte Georg.
- Sie war zu gut für diese Welt, sagte ich.
- Keiner ist zu gut für diese Welt, sagte Georg.
- Genau solche wie Lilly brauchen wir.
- Sie war durch und durch gut, sagte ich.
- Sie hatte nichts Böses in sich.
- Sie muss ja eine Heilige gewesen sein, sagte Astrid.
- Sie brauchen nicht spöttisch zu sein.
- Das wollte ich auch nicht.
- Sie spotten, weil Sie sie nicht gekannt haben. Stimmt doch, dass nichts Böses in ihr war, oder Georg ?
- Sie war auf jeden Fall einer der wertvollsten Menschen, die ich gekannt habe.
Wie tranken mehr. Georg ließ Zigaretten rumgehen. Astrid saß da und schaute mich an. Ich war schon ganz schön angetrunken. Ich prostete den beiden zu. Das tut gut zu trinken, sagte Georg. Und ob, sagte ich. Ich geb' noch 'ne Runde aus, sagte ich. Wir tranken aus. Kellner! gröhlte ich, und alle an den Nachbartischen drehten sich zu mir um. Schsch, zischte Georg. Kellner! gröhlte ich nochmal. Der Kellner kam und sagte, dass er mich rausschmeißen würde, wenn ich nicht aufhören würde herumzuschreien. Ich wurde ganz ruhig und sagte, dass wir gerne noch was trinken würden. Sie warten bis Sie dran sind, sagte er und ging. Astrid schaute mich an und grinste. Ich grinste zurück. Machen wir's uns richtig gemütlich, sagte ich. Vergessen wir, warum wir hier sitzen.
- Man muss sich mit der Wirklichkeit abfinden, sagte Georg.
- Ja, sagte Astrid.
- Ihr habt recht, sagte ich.
- Man muss den Augenblick leben.
- Ja. Ich scheiß' auf Paris.
- Was meinen sie damit ?
- Ich wollte im Sommer nach Paris. Zusammen mit Lilly. Da wird jetzt nichts draus, wo sie tot ist, und ich scheiß' drauf.
- Das ist vernünftig.
- Das einzig Vernünftige ist, auf alles zu scheißen.
- Ja. Man soll sich nur über das freuen, was ist. Nicht über das, was gewesen ist und nicht über das, was nicht gewesen ist.
- Das sagt sich so einfach, sagte ich. Der Kellner kam zu unserem Tisch und fragte, was wir haben wollten. Ich wollte keinen Rabatz schlagen, sagte ich. Sie sollten einfach nicht so herumbrüllen, sagte er. Drei Kognak und ein Selters, sagte ich. Der Kellner ging.
- Ich werde euch was sagen, sagte ich.
- Während ich mit Lilly zusammen war, habe ich oft daran gedacht, dass es schön wäre, frei zu sein.
- Das geht jedem so, sagte Georg.
- Das ist ein ekelhaftes Gefühl, sagte ich.
- Ich werd nie wieder heiraten.
- Sei dir da nicht so sicher
- Doch verdammt nochmal. Es ist kein reines Vergnügen, verheiratet zu sein. Das ist wie ein Job, den man mag. Das meiste daran mag man. Aber wenn etwas passiert, was nicht in Ordnung ist, muss man dafür gerade stehen. Man sollte aber nicht gezwungen sein, für etwas gerade stehen zu müssen. Das Schlimmste am Verheiratetsein ist, dass man manchmal für etwas gerade stehen muss. Euch als meinen Freunden sage ich: Heiratet nicht, wenn es sich vermeiden lässt. Nicht dass ich etwas Schlechtes über Lilly sagen möchte, aber sie konnte es mir immer ansehen, wenn etwas nicht so war, wie es hätte sein sollen. Wenn ein Mann viele Frauen hat, dann ist es nicht so schlimm, aber wenn er sich nur an eine hängt, dann ist er verraten und verkauft. Ich weiß, wovon ich spreche.
Als ich das gesagt hatte, bekam ich Lust, noch mehr zu trinken. Ich konnte den Kellner nirgends sehen. Wo zum Teufel ist der Kellner abgeblieben, fragte ich. Er wird schon kommen, sagte Astrid. Ich konnte ihn nirgends entdecken. Kellner! brüllte ich. Das Pärchen am Nachbartisch begann zu lachen. Kellner! brüllte ich so laut ich konnte. Jetzt werden wir rausgeschmissen, sagte Georg. Der Kellner kam. Er war rot im Gesicht. Jetzt hauen sie ab, sagte er und packte mich am Revers. Fass' mich nicht an, sagte ich. Ich geh' ja schon, aber fass' mich nicht an. Alle im Restaurant schauten zu uns her. Einige lachten. Ich zog ein paar Scheine aus meiner Tasche und gab sie Georg. Er grinste. Astrid sah woanders hin. Ich ging. Daußen regnete es noch immer.

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