Leichten Herzens von Barbara Aschenwald, 2010, Skarabäeus

Barbara Aschenwald

Leichten Herzens
(Leseprobe aus: Leichten Herzens, Erzählungen, 2010, Skarabæus).

Ein Bett aus Erde mit einer Decke aus Gras und einem Kopf aus Stein ist ein Grab und kein Bett.
Es gibt Streit über den Menschen und die Kinder.
Man darf sie nicht im Bauch der Mutter umbringen. Man muss sie auf die Welt kommen lassen, weil sie Würde haben, ein Leben und das von Anfang an, weil ihr Herz nach ein paar Wochen schlägt, weil sie ab dem ersten Moment im Bauch der Mutter da sind, lebendige, menschliche Wesen, und nicht nur eine Handvoll Zellen. Das ist wahr, aber darüber streitet man sich.
Ab wann gilt der Mensch. Und was. Was kommt dann. Sie kommen auf die Welt, die Menschen, die Kinder. Was kann man ihnen, was will man ihnen geben, was interessiert einen daran, dass sie auf der Welt sind.
Es gibt Menschen. Wir sind da. Haben wir Würde?

Es gibt zu essen. Viel. Ein großer Tisch mit Brot, Fisch, Fleisch, Eiern, Butter, Käse, Milch, es gibt so viel, dass es nichts mehr gibt.
Niemand hat Hunger, nur Appetit. Der Appetit wurde wegen des Nicht-Hungers erfunden. Was gäbe ich für Durst. Was ist das Ende? Es gibt eines.
Es ist das Gegenteil vom Anfang. Was ist ein Tisch, wenn ein Bett ein Grab ist? Wird aus den Menschen ein Teig, aus dem man kein Brot backen kann? Wo sind die Helden? Wird jemals etwas aus uns, wenn wir auf die Welt gekommen sind?
Nicht, dass wir auf die Welt gekommen sind, fragen wir uns, sonst wären wir ja nicht da. So viele Menschen sind auf der Straße. Es gibt Filme für sie, Telefone, das Netz, den idealen Partner, Lösungen, Strategien, Genüsse, Angebote, Vorschläge, Geld, Häuser, Kinder, Konten, Autos, Außenbeleuchtung, Raumdüfte, Wohlfühloasen, florale Momente, keine Blumen, Tempel für Geld anstatt für Götter, turmhohe Leuchtbuchstaben für Restaurants, und Liebe, ja, und viel davon und viel von allem und alles, alles alles!

Und keine Dunkelheit. Und keine Zeit. Und keine Geschlechter.
Sondern alles. Und das immer.
Und kein Unterschied. Vom Alles gibt es keinen Unterschied mehr.
Frauen, Männer, Kinder, Leben, Tod, was denn?
Wir wollten doch etwas für uns. Und für die Kinder auch. Und wollen es noch.

Das Gesicht der Stadt ist eine Meinung. Muss es eine Meinung geben, damit es eine Wahrheit gibt? Eine Meinung meint etwas und gehört mir. Auf dem Bett blühen die Steine.
Es ist hell und es ist laut. Weil es Musik gibt, und überall. Und weil es Licht gibt, und überall. Und immer. Wo ist es dunkel.

Wir sind traurig. Weil nichts da ist. Vom zu vielen Essen haben wir Hunger. Vom zu lauten Reden wollen wir reden. Vom Zuviel haben wir genug. Vom Zuwenig haben wir zu wenig. Aber genug von allem.

Man muss die Wahrheit nicht verstehen, damit sie wahr sein kann. So wichtig ist man auch wieder nicht. „Für Sie“, „Wegen Ihnen“, „Weil Sie es sich wert sind“. Und immer alles.
Das Gesicht, das die Kinder machen, ist wichtig, weil es jetzt ist. Und weil die Kinder die Eltern überleben.
Auf dem Bett blüht das Gras.
Und der Polster ist ein Stein.

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