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Das zerbrechliche Leben
(Leseprobe aus:
Das zerbrechliche Leben, Roman, 2010,
Hanser - Übertragung Verena
Reichel).
Er war ungefähr den halben Weg durch den Park gekommen,
als der erste Schrei ertönte. Ein böser, schriller Schrei,
und dann eine abrupte Stille. Er blieb stehen und horchte.
Es war nichts anderes zu hören als ein Auto, das oben auf
der Esplanade entlangfuhr, und das Wasser, das unter der
Kraftwerksbrücke hindurchrauschte. Aber dann kam er
wieder. Und jetzt hörte er, dass es gar kein Schrei war, sondern
ein Lachen, und dass auf dieses Lachen andere folgten.
Sie waren aufeinander abgestimmt wie die Bausteine eines
Chorwerks.
Die Geräusche kamen unten vom Fluss her. Vom Kiesweg
aus konnte er nichts sehen. Seit der Damm umgebaut
worden war, brauchte man sehr viel länger vom Park hin
unter zum Ufer. Früher, vor langer Zeit, führte eine Treppe
hinunter zu einer Brücke, wo die Frauen der Stadt ihre Teppiche
zu waschen pflegten. Die Waschbrettbrücke. Jetzt sind
Treppe wie Brücke verschwunden. Die Teppiche sollen angeblich
heute weiter unten am Meer gewaschen werden, wo
die Stadt, oder wer auch immer, zwischen den Wellenbrechern
und den Reihen großer Glasfaserboote eine neue
Brücke gebaut hat.
Er dachte, die Jungen wären vielleicht beim Baden, und
deshalb würden sie so lachen. Obwohl es spät im Jahr war,
und auf diesem Breitengrad wurde selten nach dem August
gebadet. Aber sie konnten ja sonst was tun, angeln oder ein
Ruderboot mit Steinen füllen. Es braucht nicht so viel, um
Jungen zum Lachen zu bringen.
Er setzte sich erneut in Bewegung, aber nachdem er nur
wenige Schritte getan hatte, hörte er es wieder. Und jetzt
war es ganz deutlich ein Schrei, und auf den Schrei folgte ein
Lachen. Er zögerte einen Augenblick. Er war zu alt. Er sollte
sich nicht einmischen. Trotzdem wusste er, dass er es nicht
lassen konnte. Um seiner Glückseligkeit willen. Er hatte
schon allzu viele Male weggesehen. Und wie man es auch
drehte und wendete, so war es doch wirklich wahr, was er
morgens zu Maja gesagt hatte. Bald würde es Zeit sein, Bilanz
zu ziehen. Keiner kennt den Tag und auch nicht die
Stunde. Oder wie es nun hieß. Siri hätte es wortwörtlich
gewusst.
Das erschreckte ihn nicht. Ihm kam eine Textzeile in den
Sinn, nicht aus einem Buch, sondern aus einem Musikstück.
Auch zu dieser Zeile hatte er unter Siris Anleitung gefunden.
Ich habe Lust abzuscheiden. Wie ich mich danach sehne,
aufzubrechen. Der Brief des Paulus an die Philipper, Vers 23.
In Thomassons Kopf erklangen die Worte in Buxtehudes
Version. Dietrich Orgelmeister. Der Größte vor Bach. So
heißt es allgemein. Aber für Thomasson war er der Größte
sowohl vor als auch nach Bach. Im Herbst
1705 war Bachzu Fuß von Arnstadt nach Lübeck gewandert, um Buxtehude
spielen zu hören. Sechshundert Kilometer auf unsicheren
Wegen. Er hatte vorgehabt, etwa eine Woche zu bleiben,
daraus wurden Monate.
Ein Mythos, pflegte Siri zu sagen. Davon gibt es jede
Menge.
Dass aber Bach von Buxtehude gelernt hatte, das leugnete
sie nie. Er war gut, sagte sie, aber kein Genie, hat sich
nie richtig in die Riemen gelegt. Gut in allem, aber nicht der
Beste in etwas. Ein Mittelmäßiger unter den Giganten.
Dietrich Buxtehude weilte über dem Kampfgetümmel,
jenseits der großen Gesten. Das war, wie Thomasson es sah,
größer als alle Genialität der Welt.
Zwei Soprane und ein Bass.
Ich habe Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein.
Also wich er vom Kiesweg ab und begann sich langsam
den Hang hinunterzutasten, entlang der Treppe, die es nicht
mehr gab. Er ging vorsichtig, die Seite voran, und suchte mit
dem linken Fuß Halt, während er sich gleichzeitig an den
Büschen festhielt, die dort wuchsen, wo sich einmal das Geländer
befunden hatte. Das Lachen und die Stimmen waren
jetzt deutlicher zu hören. Unten am Wasser tauchte undeutlich
eine Schar von Jungen auf, aber er traute sich nicht,
genauer hinzusehen, aus Angst, einen Fehltritt zu tun und
das letzte Stück hinunterzufallen.
Es gelang ihm, ohne Missgeschick hinunterzugelangen,
und als er schließlich unten ankam, waren die Jungen verstummt.
Sie standen da und schauten ihn an, wussten wohl
nicht, wer er war. Die Stadt ist klein, ein Ort, an dem jeder
jeden kennt, aber wie klein ein Ort auch ist, alte Männer
können doch mehr oder weniger unbemerkt kommen und
gehen, da der eine dem anderen so verwirrend ähnlich sieht.
Es ist nicht einmal sicher, ob die Eltern der Jungen oder ihre
Großeltern hätten sagen können, wer Thomasson war. Dabei
hatte er seit den fünfziger Jahren in der Stadt gewohnt.
Manch einer erinnerte sich vielleicht noch an ihn aus der
Zeit, als er einen Kaufladen in der Bankgatan hatte. Aber
die, welche sich erinnern, werden immer weniger. Nachdem
er erst alles verrammelt und auf den Fähren zu arbeiten begonnen
hatte, hatten sicher viele geglaubt, er sei weggezogen.
Aufgebrochen und für immer verschwunden. Es war,
als hätte er die Tür zur Stadt selbst zugemacht, als er den
Laden geschlossen hatte und weggegangen war. In seiner
Freizeit saß er meist zu Hause, schaute auf den Fluss hinaus,
machte seine Spaziergänge mit Siri, manchmal kam es
vor, dass er ins Restaurant in der Nachbarschaft ging, um
ein paar Biere zu trinken. Aber das kam selten vor, und später
hörte er ja ganz damit auf.
Es waren vier Jungen am Ufer. Ein fünfter stand draußen
im Wasser. Er trug einen kurzärmeligen Pullover und Jeans,
und das Wasser reichte ihm ein Stück weit die Oberschenkel
hinauf. Er stand da, die Arme vor der Brust gekreuzt. Er
fror. Sogar von der alten Treppe aus meinte Thomasson zu
sehen, wie die Gänsehaut sich entlang der streichholzdünnen
Arme bis hinauf zum Hals erstreckte, der langsam einen
dunkelblauen Ton annahm. Auch die Haare schienen nass
zu sein.
Was er sah, war ein Junge, der bis zu den Oberschenkeln
im Wasser stand und fror, während vier andere mit Stöcken
am trockenen Ufer standen. Wer so etwas sieht, weiß, worum
es geht. Trotzdem fragte er:
»Was geht hier vor?«
Eine Altmännerstimme, lange ungebraucht, eine Stimme,
die ihre Schärfe verloren hatte. Er konnte das Resultat sofort
an ihren Gesichtern ablesen. Respekt, oder wenn man
aussprechen soll, was wir uns eigentlich erhoffen, nämlich
Angst, war überhaupt nicht zu sehen. Nur Neugier, Verwunderung,
vielleicht Erwartung: Was will der Alte?
Thomasson tat einige vorsichtige Schritte zum Flussufer
hinunter. Kies und Steine rasselten unter seinen Füßen. Der
Junge da draußen blieb stehen, ohne sich zu rühren. Das
Wasser strömte an ihm vorbei, schlug in kleinen Wellen gegen
seine Schenkel und floss weiter zum Meer hinaus. In der
Luft lag ein Geruch von lebenden Fischen, wie man ihn an
den Händen bekommt, wenn man einen frisch gefangenen
Barsch ausgenommen hat. Es ist ein Geruch, der rasch verfliegt,
bei dem Fisch, der auf dem Markt verkauft wird, lässt
er sich nur erahnen. Thomasson schaute zwischen den Steinen
am Ufer nach, um zu sehen, ob dort ein Fisch lag. Aber
da war nichts, da waren nur die Steine und dann das beinahe
schwarze Wasser, das sich im Herbstwind kräuselte.
Das Herbstwasser an einem bewölkten Tag war tiefschwarz,
nicht kohlrabenschwarz. Wie unbearbeitetes Eisen.
Am Boden musste es rutschig sein. Mit Algen bedeckte
Steine. Aber der Junge schien sicher zu stehen.
»Komm hier heraus.«
Er fand, es hätte sich ein wenig Schärfe in seine Stimme
geschlichen, als hätte sie zu der Tonlage zurückgefunden,
die er oft hatte anwenden müssen, wenn er wollte, dass seine
Lagerburschen unverzüglich und ohne unnötige Proteste
die Arbeit ausführten, für deren Ausführung sie angestellt
waren.
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