Das zerbrechliche Leben von Robert Asbacka, 2010, Hanser

Robert Åsbacka

Das zerbrechliche Leben
(Leseprobe aus:
Das zerbrechliche Leben, Roman, 2010, Hanser - Übertragung Verena Reichel).

Er war ungefähr den halben Weg durch den Park gekommen,

als der erste Schrei ertönte. Ein böser, schriller Schrei,

und dann eine abrupte Stille. Er blieb stehen und horchte.

Es war nichts anderes zu hören als ein Auto, das oben auf

der Esplanade entlangfuhr, und das Wasser, das unter der

Kraftwerksbrücke hindurchrauschte. Aber dann kam er

wieder. Und jetzt hörte er, dass es gar kein Schrei war, sondern

ein Lachen, und dass auf dieses Lachen andere folgten.

Sie waren aufeinander abgestimmt wie die Bausteine eines

Chorwerks.

Die Geräusche kamen unten vom Fluss her. Vom Kiesweg

aus konnte er nichts sehen. Seit der Damm umgebaut

worden war, brauchte man sehr viel länger vom Park hin

unter zum Ufer. Früher, vor langer Zeit, führte eine Treppe

hinunter zu einer Brücke, wo die Frauen der Stadt ihre Teppiche

zu waschen pflegten. Die Waschbrettbrücke. Jetzt sind

Treppe wie Brücke verschwunden. Die Teppiche sollen angeblich

heute weiter unten am Meer gewaschen werden, wo

die Stadt, oder wer auch immer, zwischen den Wellenbrechern

und den Reihen großer Glasfaserboote eine neue

Brücke gebaut hat.

Er dachte, die Jungen wären vielleicht beim Baden, und

deshalb würden sie so lachen. Obwohl es spät im Jahr war,

und auf diesem Breitengrad wurde selten nach dem August

gebadet. Aber sie konnten ja sonst was tun, angeln oder ein

Ruderboot mit Steinen füllen. Es braucht nicht so viel, um

Jungen zum Lachen zu bringen.

Er setzte sich erneut in Bewegung, aber nachdem er nur

wenige Schritte getan hatte, hörte er es wieder. Und jetzt

war es ganz deutlich ein Schrei, und auf den Schrei folgte ein

Lachen. Er zögerte einen Augenblick. Er war zu alt. Er sollte

sich nicht einmischen. Trotzdem wusste er, dass er es nicht

lassen konnte. Um seiner Glückseligkeit willen. Er hatte

schon allzu viele Male weggesehen. Und wie man es auch

drehte und wendete, so war es doch wirklich wahr, was er

morgens zu Maja gesagt hatte. Bald würde es Zeit sein, Bilanz

zu ziehen. Keiner kennt den Tag und auch nicht die

Stunde. Oder wie es nun hieß. Siri hätte es wortwörtlich

gewusst.

Das erschreckte ihn nicht. Ihm kam eine Textzeile in den

Sinn, nicht aus einem Buch, sondern aus einem Musikstück.

Auch zu dieser Zeile hatte er unter Siris Anleitung gefunden.

Ich habe Lust abzuscheiden. Wie ich mich danach sehne,

aufzubrechen. Der Brief des Paulus an die Philipper, Vers 23.

In Thomassons Kopf erklangen die Worte in Buxtehudes

Version. Dietrich Orgelmeister. Der Größte vor Bach. So

heißt es allgemein. Aber für Thomasson war er der Größte

sowohl vor als auch nach Bach. Im Herbst 1705 war Bach

zu Fuß von Arnstadt nach Lübeck gewandert, um Buxtehude

spielen zu hören. Sechshundert Kilometer auf unsicheren

Wegen. Er hatte vorgehabt, etwa eine Woche zu bleiben,

daraus wurden Monate.

Ein Mythos, pflegte Siri zu sagen. Davon gibt es jede

Menge.

Dass aber Bach von Buxtehude gelernt hatte, das leugnete

sie nie. Er war gut, sagte sie, aber kein Genie, hat sich

nie richtig in die Riemen gelegt. Gut in allem, aber nicht der

Beste in etwas. Ein Mittelmäßiger unter den Giganten.

Dietrich Buxtehude weilte über dem Kampfgetümmel,

jenseits der großen Gesten. Das war, wie Thomasson es sah,

größer als alle Genialität der Welt.

Zwei Soprane und ein Bass.

Ich habe Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein.

Also wich er vom Kiesweg ab und begann sich langsam

den Hang hinunterzutasten, entlang der Treppe, die es nicht

mehr gab. Er ging vorsichtig, die Seite voran, und suchte mit

dem linken Fuß Halt, während er sich gleichzeitig an den

Büschen festhielt, die dort wuchsen, wo sich einmal das Geländer

befunden hatte. Das Lachen und die Stimmen waren

jetzt deutlicher zu hören. Unten am Wasser tauchte undeutlich

eine Schar von Jungen auf, aber er traute sich nicht,

genauer hinzusehen, aus Angst, einen Fehltritt zu tun und

das letzte Stück hinunterzufallen.

Es gelang ihm, ohne Missgeschick hinunterzugelangen,

und als er schließlich unten ankam, waren die Jungen verstummt.

Sie standen da und schauten ihn an, wussten wohl

nicht, wer er war. Die Stadt ist klein, ein Ort, an dem jeder

jeden kennt, aber wie klein ein Ort auch ist, alte Männer

können doch mehr oder weniger unbemerkt kommen und

gehen, da der eine dem anderen so verwirrend ähnlich sieht.

Es ist nicht einmal sicher, ob die Eltern der Jungen oder ihre

Großeltern hätten sagen können, wer Thomasson war. Dabei

hatte er seit den fünfziger Jahren in der Stadt gewohnt.

Manch einer erinnerte sich vielleicht noch an ihn aus der

Zeit, als er einen Kaufladen in der Bankgatan hatte. Aber

die, welche sich erinnern, werden immer weniger. Nachdem

er erst alles verrammelt und auf den Fähren zu arbeiten begonnen

hatte, hatten sicher viele geglaubt, er sei weggezogen.

Aufgebrochen und für immer verschwunden. Es war,

als hätte er die Tür zur Stadt selbst zugemacht, als er den

Laden geschlossen hatte und weggegangen war. In seiner

Freizeit saß er meist zu Hause, schaute auf den Fluss hinaus,

machte seine Spaziergänge mit Siri, manchmal kam es

vor, dass er ins Restaurant in der Nachbarschaft ging, um

ein paar Biere zu trinken. Aber das kam selten vor, und später

hörte er ja ganz damit auf.

Es waren vier Jungen am Ufer. Ein fünfter stand draußen

im Wasser. Er trug einen kurzärmeligen Pullover und Jeans,

und das Wasser reichte ihm ein Stück weit die Oberschenkel

hinauf. Er stand da, die Arme vor der Brust gekreuzt. Er

fror. Sogar von der alten Treppe aus meinte Thomasson zu

sehen, wie die Gänsehaut sich entlang der streichholzdünnen

Arme bis hinauf zum Hals erstreckte, der langsam einen

dunkelblauen Ton annahm. Auch die Haare schienen nass

zu sein.

Was er sah, war ein Junge, der bis zu den Oberschenkeln

im Wasser stand und fror, während vier andere mit Stöcken

am trockenen Ufer standen. Wer so etwas sieht, weiß, worum

es geht. Trotzdem fragte er:

»Was geht hier vor?«

Eine Altmännerstimme, lange ungebraucht, eine Stimme,

die ihre Schärfe verloren hatte. Er konnte das Resultat sofort

an ihren Gesichtern ablesen. Respekt, oder wenn man

aussprechen soll, was wir uns eigentlich erhoffen, nämlich

Angst, war überhaupt nicht zu sehen. Nur Neugier, Verwunderung,

vielleicht Erwartung: Was will der Alte?

Thomasson tat einige vorsichtige Schritte zum Flussufer

hinunter. Kies und Steine rasselten unter seinen Füßen. Der

Junge da draußen blieb stehen, ohne sich zu rühren. Das

Wasser strömte an ihm vorbei, schlug in kleinen Wellen gegen

seine Schenkel und floss weiter zum Meer hinaus. In der

Luft lag ein Geruch von lebenden Fischen, wie man ihn an

den Händen bekommt, wenn man einen frisch gefangenen

Barsch ausgenommen hat. Es ist ein Geruch, der rasch verfliegt,

bei dem Fisch, der auf dem Markt verkauft wird, lässt

er sich nur erahnen. Thomasson schaute zwischen den Steinen

am Ufer nach, um zu sehen, ob dort ein Fisch lag. Aber

da war nichts, da waren nur die Steine und dann das beinahe

schwarze Wasser, das sich im Herbstwind kräuselte.

Das Herbstwasser an einem bewölkten Tag war tiefschwarz,

nicht kohlrabenschwarz. Wie unbearbeitetes Eisen.

Am Boden musste es rutschig sein. Mit Algen bedeckte

Steine. Aber der Junge schien sicher zu stehen.

»Komm hier heraus.«

Er fand, es hätte sich ein wenig Schärfe in seine Stimme

geschlichen, als hätte sie zu der Tonlage zurückgefunden,

die er oft hatte anwenden müssen, wenn er wollte, dass seine

Lagerburschen unverzüglich und ohne unnötige Proteste

die Arbeit ausführten, für deren Ausführung sie angestellt

waren.

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