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Kindsängste
(Leseprobe aus: Im Spiegel oder Variationen,
2006, Engelsdorfer
Verlag)
Das Alter verringert die Ängste um das
Unbekannte, Krankheiten, Tod
eingeschlossen; bleiben die vor dem Unmittelbaren, Tod nicht ausgeschlossen.
Und doch wurzelt einiges Andere so tief, dass man als alter
Mensch selbst durch Einsicht in das Läppische, Einleuchtendes in mögliche
Ursachen, erschreckt, verwundert, verärgert, sich schlecht abfinden
will mit diesem offenbar nur scheinbar Banalen, etwa so wie jener Karl
Kassek, ein Rentner im 63. Lebensjahr, der sein gesamtes Arbeitsleben in
nicht mehr als vier Büros verbracht hatte, Jahre verwitwet, allein
zurechtkommen muss, jedenfalls im Alltag, wobei der Wechsel der
Arbeitsstätten und Wohnungen stets Zwängen unterworfen gewesen war.
Seine beiden Kinder, Tochter und Sohn, inzwischen länger stadtflüchtig
geworden, verließen ihren Vater, da die Stadt mehr und mehr zunehmend
hoffnungslos verkam, die ihrer Kindheit rundum Obhut gegeben
hatte, nun vor allem zum Aufenthaltsort geworden war für Rentner,
Pensionäre, Behinderte, Sozialhilfeempfänger jeder Couleur, und Arbeitslose,
die aus mancherlei, schon verdächtigen Gründen, die Stellung
hielten. Die Rede sei aber nicht von einem pfahlwurzelnden Respekt
Kassek, Karls vor jenen Menschen, die eine bevorzugte Stellung in der
Gesellschaft einnehmen, indem sie mindestens Aufmerksamkeit zu erregen
wussten oder auch bloß, dank beruflicher, behördlicher, gar politischer
Befugnisse, um einiges aus der Masse hervorragen. So sehr ihn die
Devotionen kränken, von denen Herr K.K. stets überfallen wird, die ihn
hemmen, als ob sich ein geworfenes Netz um ihn zusammenzöge, er um
die Ursache weiß, vorsichtiger gesagt, zu wissen glaubt, nämlich Erziehung
durch eine, den unbegabt Fleißigen zu Höherem anstachelnde, stets
hierarchisch denkende, zu beeindruckende Mutter, soll davon weniger
die Rede sein. Auch nicht von den Beklemmungen im freiwilligen oder
aufgenötigten Umgang mit Uniformträgern, die ihn lähmten oder Herrn
K.K. Gewalt und Kontrolle über sich verlieren, ihn schnell zum Stotterer
und Zitterer werden ließen, wobei die Vergangenheitsform Berechtigung
hat, da seit dem Ableben der beiden Diktaturen, denen K.K. sich zu
entziehen nicht imstande gewesen war, zuerst objektiv, später subjektiv
und schließlich wiederum weitgehend aus Gründen, die weniger in seiner
Macht standen, merkliche Besserung eingetreten war, verdächtigt allerdings
zuerst von ihm selbst, so sehr fühlte Karl Kassek sich dabei in seiner
Mentalität mit eines trockenen Alkoholikers verwandt.
Rezension I Buchbestellung I home II07 LYRIKwelt © Engeldorfer Verlag