Patrick Armbruster

Dich zu beschreiben

Der Abend weint. Im Radio läuft melancholische Popmusik, und ich sitze traurig vor einem neuen Blatt Papier. Du bist nicht wie Andere, mit denen ich einen Dialog angehe. Du bist ein mir selbst nur halb bekanntes Monster. Ich weiss, was Du tun wirst. Ich kenne Deine künftigen Verbrechen. Ich kenne Deine Gedanken und Motive. Ich kenne Deine Opfer. Deine Taten kann ich minuziös beschreiben.

Wie aber wirst Du Dich ausdrücken, wenn Du endlich die Bühne meiner Geschichte betrittst? Was sagt die Mörderin, wenn sie vor das Opfer tritt, das Messer in der linken Hand?

Ich kann Dich beschreiben. Deine glatte, kalte Haut mit feinen Schweissperlen bedeckt. Die Nervosität, welche sich Deiner bemächtigt, während das Opfer noch verwirrt einen einzelnen Schritt rückwärts macht. Die Vorfreude, die Du fühlst, während Du spielerisch das Messer zwischen Deinen Fingern drehst. Schritt um Schritt. Das feine Lächeln, welches Deine Lippen sanft umspielt. Näher auf das Opfer zu. Das Opfer, welches Dein Gesicht erkennt - es gibt keinen Laut von sich. Und die Klinge spiegelt das Licht.

Verzweifelt schliesse ich die Augen. Ich stelle mir Dich noch einmal vor. Die langen Haare. Den kalten Blick. Die warmen Augen. Das Kleid. Vergiss das Messer nicht!

Du hebst das Messer. Noch einen Schritt. Und noch einen. Das Opfer erstarrt. Ein einzelner Hieb - und das Messer steckt tief in der Brust des sterbenden Körpers. Und während das Opfer Blut hustet, sagst Du freundlich: "Ich habe es gerne getan."

Es ist geschafft! Ich weiss nun, wie Du sprichst! Ich kenne Dich! Doch was für ein Kampf das war... Schreiben tut weh.

Rezension I Buchbestellung 0I03 © LYRIKwelt