Jochen Arlt

1892 - 1978

Mein Großvater hätte nach dem Willen seiner Eltern den hauseigenen Fleischerei-Betrieb weiterführen sollen.

Mein Großvater wurde Seemann. War Garagenmeister mit Tankstelle. War Kutscher. Und konnte eimerweise Kräuterschnaps saufen wie ein Pferd Wasser. Als bewährte Absacker habe er drei Henkelmänner Schultheiß weggemacht, ist glaubhaft überliefert.

Mein Großvater erlegte einen Dornhai im Pazifischen Ozean und überlebte Felsen, Stürme, Wogen vor Kap Hoorn. „What shall we do with the drunken sailor“ zunächst, anschließend stets „La Paloma“, seine Lieblingsshantys, sang ich als Knabe  mühelos im Duett mit ihm.

Mein Großvater flanierte entweder per Daimler oder in einem ARDIE-Gespann durch Breslau, die ewige Heimat, was er immerdar unterstrichen sehen wollte. Nach der Vertreibung in die Eifel, Zitat II, hielten mich die Eingeborenen für verrückt, weil ich fast täglich von Obermendig nach Andernach, Mayen oder gar Richtung Sinzig unterwegs war. Hamsterfahrten auf meinem zusammengeflickten Drahtesel. Die Familie wollte versorgt sein. Einstmals fanden ihn Kinder am Dorfausgang liegend. Vom Fahrrad gestürzt; Erinnerungen an Nachbar Mölder, der vorab mit zwei Liter Schwarzgebranntem zu Tisch gebeten hatte.

Mein Großvater arbeitete zeitweilig innerhalb des Klosterbetriebs Maria Laach. Als Stallbursche. Die Frau, der Enkel wollten versorgt sein. Einmal mußte er versorgt werden – von Pater Pius, der ihn im Delirium auf dem Kutscherbock sichtete und vorsorglich die Letzte Ölung gab. Hernach maliziöses Schweigen aller geistlichen plus weltlichen Mitwisser zu dem Abtei-internen Vorfall.

Mein Großvater schämte sich anhaltend ob einer Alkoholvergiftung während der frühen Nachkriegsjahre. Frau, Tochter und ihr uneheliches Baby wollten versorgt sein. Deshalb hatte er mitgebechert, von Tommies in der Britischen Besatzungszone dagelassenen Whisky. Ein Geflügel- und Schweinezüchter aus Vechta stellte nur trinkfesten Flüchtlingen Heuer wie Hütte in Aussicht. Nachdem der Whisky vernichtet war, so Opa fortan süffisant, gab‘s lediglich Malzkaffee oder Hagebuttentee. Bestenfalls zum Erntedankfest spendierte Bauer Rohland exakt abgezählte Bierflaschen den Heuerleuten.

Mein Großvater, nie der Leberzirrhose verdächtig, wußte prinzipiell bis zu seinem späten Abschied von dieser Welt: Lieber zu viel essen als zu wenig trinken.

Meine Großmutter, zu früh gestorben, weilte des Öfteren im Hospital. Dann durfte Enkel Joachim zwischen ihre Laken ins Ehebett schlüpfen. Opa erzählte fabelhaft aus dem Dschungel, von der hohen See, von Maria Laach oder Mariacron. Du sollst einschlafen, seine stete Rede, bevor ich eingeschlafen bin.

Walter Arlt bleibt versorgt auf unabsehbare Zeit. Nicht nur, weil seine Grabplatte längst mein ganz persönlicher Hausaltar ist auf dem Ginsterhügel unseres Eifelgartens.

Rezension I Buchbestellung I home IV08 LYRIKwelt © J.A.