Homero Aridjis

Porträt meines Vaters mit Scheren
(Leseprobe aus: Augen eines anderen Schauens/Ojos de otro mirar, Gedichte, 2sprachig, 2010, Edition Delta/Sonderseiten Lyrikedition Delta - Übertragung Tobias Burghardt).

Es regnet in Contepec, mein Vater steht im Laden,
und die Scheren in seiner Hand öffnen sich wie zwei Klingen.

Die Scheren trennen beim Schließen die Bahn, den Stoff der Armen,
als verkaufe sich das Leben nach Zentimetern.

Das Metermaß auf dem Ladentisch weiß nicht, was es misst,
oder misst sein Holz insgeheim die Traurigkeit meines Vaters?

Denn Verkäufer und Kunde werden scheinbar von derselben Schere geschnitten,
jener der grenzenlosen Traurigkeit ohne Grund.

Es regnet in Contepec, der steinige Nachmittag zieht durch die Straßen
zu dem Haus, in dem meine Mutter die Pfirsiche  einkocht.

Es ist ein grüner Nachmittag, der durch die Hügellandschaft wandelt
und die Tür zum Hausflur öffnet, die Tür aller Wunder.

(Zum Original)

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