Flieh.Und nimm die Dame mit von Marçal Aquino, 2009, Büchergilde Gutenberg

Marçal Aquino

Flieh.Und nimm die Dame mit
(Leseprobe aus: Flieh.Und nimm die Dame mit, S. 3-7, 2009, Büchergilde Gutenberg - Übertragung Kurt Scharf).

Es war in Changs Laden. Während ich darauf wartete, dass er die Filme einwickelte, die ich gekauft hatte, fiel mein Blick auf die Fotos im Schaufenster. Das Gesicht einer Frau in einem Bilderrahmen erregte meine Aufmerksamkeit. Sie war noch sehr jung und auffallend hübsch. Sie hatte große, dunkle Augen und lächelte, als ob sie hinter dem Fotografen etwas unendlich Beglückendes sähe. Ich habe Frauen nur so lächeln sehen, wenn sie Katzen oder Kindern anschauten. Was für ein wunderbares Gesicht, sagte ich. Ich hörte eine Stimme hinter mir: Vielen Dank. Ich drehte mich um und stand unvermittelt vor ihr, der Frau aus dem Bilderrahmen. Ihre Haare waren länger, und sie lächelte ganz anders als auf dem Foto. Ein Gesicht mit einem außerordentlichen Leuchten. Ein Augenpaar mit der Farbe von Bauxiterde. Ich verlor die Fassung. Entschuldigung, sagte ich. Sie wiegte den Kopf und blickte mir dabei unverwandt in die Augen. Schade. Endlich bekomme ich mal ein Kompliment, und derjenige, der es mir macht, bittet gleich um Entschuldigung. Ich fühlte einen elektrischen Schlag unterhalb der Gürtellinie. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass Chang mich beobachtete. Na, dann bestehe ich auf meinem Kompliment, sagte ich. Wie schön, das freut mich sehr. Und in dieser freudigen Stimmung blieb sie, während sie sich über den Tresen beugte und Chang einen Abschnitt gab, um ihre entwickelten Filme abzuholen. Sie trug ein T-Shirt, das ihre Schultern freiließ, sodass ein halbes Dutzend Sommersprossen und die Träger eines schwarzen Büstenhalters zu sehen waren. Professor Benjamim Schianberg hat in seinem Buch Was wir in der Welt sehen über die Versuchungen geschrieben. Er behauptet, einige Männer sublimierten ihre Wünsche, indem sie diese auf eine rein geistige Ebene projizierten, und das genüge, um sie zu befriedigen. Andere gäben, so sagt Schianberg, nach anfänglichem Widerstand in unterschiedlicher Stärke schließlich den Versuchungen nach. Das sind in seinen Worten „heißblütige Männer“. Sie öffnete den Umschlag und breitete die Fotos auf dem Glas des Tresens aus: ein Regenbogen; eine Nummer aus verrostetem Metall an der Fassade eines alten Hauses; Baumwurzeln, die an ein Paar mit vielen Armen und Beinen beim Liebesakt erinnerten; der Schornstein einer Töpferei; ein umgestürztes Fahrrad im Regen. Weder ein Mensch noch ein Tier. Aber dennoch gute Fotos, mit Blick und Feingefühl aufgenommen. Sie bemerkte mein Interesse. Gefallen sie Ihnen? Das hier ist besonders gut. Ich zeigte auf eines der Fotos: Sonnenstrahlen, die durch die Ritzen im Dach eines verfallenen Hauses eindrangen. Poesie und Präzision. Das sagte ich, vielleicht klappte es ja. Sie schaute mich neugierig an. Dann lachte sie. Du bist Fotograf? Das war ich mal, antwortete ich. Heute fotografiere ich nur noch für mich selbst. Und was nimmst du auf? Alles Mögliche. Wie ich. Ich nahm das Foto und schaute es mir näher an. Aber du fotografierst keine Menschen. Das mag ich nicht. Donnerwetter, die Aufnahme, die ich in Händen hielt, war nicht nur gut, sie war toll. Einer der Sonnenstrahlen fiel im Hintergrund auf eine Stoffpuppe, die man auf einen Haufen Müll geworfen hatte. Es sah aus wie eine von einem Scheinwerfer beleuchtete, auf der Bühne gestürzte Ballerina. Die Puppe lag schon da? Klar. Chang schob mir das Päckchen mit den Filmen herüber. Und sie steckte ihre Fotos schon wieder in den Umschlag, als ich sagte: Ich hätte sehr gerne einen Abzug. Sie hielt beim Einpacken der Fotos inne, drehte mir das Gesicht zu und schaute mich prüfend an, als überlegte sie, ob ich das wert sei, worum ich gebeten hatte. Jenem dunklen Blick standzuhalten war nicht leicht. Ich kam mir ganz hilflos vor. Ich hatte den Eindruck, dass ich zum ersten Mal im Leben richtig angesehen wurde. Und gleichzeitig, dass ich etwas erblickte, was das Leben mir bis dahin vorenthalten hatte. Laut Professor Schianberg (a. a. O.) kann der Moment, in dem sich jemand verliebt, nicht exakt bestimmt werden. Könnte man das, so versichert er, wäre ein Thermometer ausreichend, um die Richtigkeit seiner Theorie zu beweisen, dass die Körpertemperatur in diesem Augenblick um mehrere Grad ansteigt. Ein Fieberanfall, das Einzige, was uns vom Himmel geblieben ist. Schianberg fährt fort: Wenn ein „heißblütiger Mann“ sich verliebt, fühlt er sich schutzlos, verwundbar. Er ist nicht Jäger, sondern Gejagter. Der Gedanke kam mir, als sie lächelte. Lächelte, als hätte ich die Prüfung bestanden, der sie mich unterzogen hatte, und das Foto herausnahm, um es mir zu schenken. Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, setzte ich ihn in die Tat um. Heißblütig. Das ist nicht das Foto, das ich möchte, sagte ich.
Stattdessen zeigte ich auf den Bilderrahmen im Schaufenster. Das entwaffnete sie. Ich hörte, wie ihr Atem anders ging. Chang öffnete den Mund, zeigte seine Mäusezähne und tat, was jeder gute Kaufmann gemacht hätte: Er zog die Schaufensterscheibe zurück und gab dem Kunden die Ware, damit er sie sich ansehen konnte: Das Gesicht war tatsächlich außergewöhnlich: eckig, seltsam. Die Augen wirkten alt und abgrundtief. Wir begehren das, was wir nicht haben können, sagt Professor Schianberg, der dunkelste der Philosophen der Liebe. Das ist normal und gesund. Was die Leute voneinander unterscheidet, fügt er hinzu, ist in welchem Maße ein jeder begehrt, was er nicht haben kann. Unseren Anteil am Staub der Sterne. Sie senkte den Kopf, drückte das Foto leicht an die Lippen und dachte anderthalb Sekunden lang nach. Dann hatte sie das Spiel begriffen und nahm es auf. Machen wir ein gerechteres Geschäft, sagte sie. Ich tausche dieses Bild gegen eins deiner Fotos, was sagst du dazu? Chang lachte. Sein Ohr ahnte bereits den Klang der Registrierkassenschublade. Ich rückte ein Feld weiter vor: Ich warne dich, dabei verlierst du, ich habe bisher nie etwas so Schönes fotografiert. Das außergewöhnliche Gesicht errötete ein bisschen. Nur wenig. Ich übersprang ein paar Felder und hielt ihr eine Visitenkarte hin. Komm irgendwann in meinem Studio vorbei. Sie las und stellte mir die Frage, die ich seit über vierzig Jahren höre: Cauby ? Wie der Sänger? Als ich jünger war, ärgerte mich das. Ich mochte diesen Sänger nicht. Mit der Zeit kam ich darüber hinweg. Ich wurde lockerer. Es war mir egal. Ich ging sogar einmal zu einem Auftritt meines Namensvetters in einer Bar in São Paulo. Und wenn jemand mir diese Frage stellte, antwortete ich bloß: Ja. Sie gab mir die Hand. Angenehm. Lavínia. Die Hand war groß und fest, der Händedruck sanft. Die großen, dunklen Augen schauten mich an – sie lächelten für sie. Ich würde sogar dafür bezahlen, dieses Gesicht fotografieren zu dürfen. Einmal hatte eine Frau auf dem Lande irgendwo in Spanien auf der Straße Geld dafür verlangt, sich fotografieren zu lassen. Ich bezahlte. Es lohnte sich. Sie gab Chang einen Schein und schwieg, während sie auf das Wechselgeld wartete. Da sie Sandalen trug, konnte ich ihre mageren, knochigen, fast männlichen Füße betrachten. Wenn mir auch die Größe nicht gefiel, fand ich doch, sie passten zu ihr. Der Gesamteindruck war harmonisch. Sie merkte, dass ich sie anschaute, aber das störte sie nicht. Ein Mensch, der mit sich selbst und der Welt zufrieden war.
Chang legte das Wechselgeld auf den Tresen, eine Banknote auf die andere. Sie steckte die Scheine ein, und dann blickte sie mich an. In der Ferne hörte ich eine Sirene. Ich komme irgendwann vorbei. Ich rufe vorher an. Wann immer du willst, sagte ich. Sie verabschiedete sich und ging hinaus in das Sonnenlicht des Nachmittags. Blendende Helligkeit. Ich lehnte mich an die Tür, um sie fortgehen zu sehen. Chang tauchte an meiner Seite auf. Du weißt, wer das ist? Nein, erwiderte ich. Möchtest du es wissen? Nein, wiederholte ich, ohne sie aus den Augen zu lassen. Chang legte die Hände zusammen und schnippte dann mit den Fingern. Wie du willst, meinte er. Ich möchte es schrittweise herausfinden, dachte ich. Das Geheimnis auskosten. Beim nächsten Häuserblock überquerte sie die Straße und verschwand inmitten der kleinen Figuren, die im Zentrum unterwegs waren. Ein Farbtupfer in all dem Grau, das rundherum vorherrschte. Ich schaute mir das Gesicht im Bilderrahmen an: Sie und nur sie hatte dieses besondere Leuchten und die Miene eines Menschen, der im Leben erreichen konnte, was immer er wollte.

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