Totsein verjährt nicht
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»Auf dem Schulweg und im richtigen Leben«
Sehr geehrter Herr Fischer,
bestimmt wissen Sie nicht mehr, wer ich bin, das macht
nichts. Ich heiße Marcel Thalheim, bin sechzehn Jahre alt
und gehe in die Wilhelm-Röntgen-Realschule.Vor über sechs
Jahren haben Sie mal kurz mit mir gesprochen, und dann
habe ich noch bei einem Ihrer Kollegen eine Aussage gemacht,
ich glaube, sein Name war Schell, aber sicher bin ich
mir nicht. Er hat das, was ich gesagt habe, in seinen Computer
geschrieben und ausgedruckt, und ich habe alles unterschrieben.
Es ging um Scarlett Peters, die verschwunden war,
und niemand wusste,wohin und was überhaupt passiert war.
Das war sehr schlimm.
Ich war mit Scarlett gut befreundet. Wir sind fast jeden
Tag zusammen in die Grundschule gegangen, wir wohnten in
derselben Straße (Lukasstraße). Manchmal hat sie mir von
ihrer Mama erzählt, die in einem Krankenhaus arbeitet. Ihren
Vater hat sie fast nicht gekannt,weil der ihre Mama bald
schon verlassen hat.Wenn ich Scarlett was gefragt habe, hat
sie nicht gern geantwortet, sie war immer sehr still. Aber das
hat mir nichts ausgemacht, ich bin gern mit ihr zur Schule gegangen.
Oft sind wir auch gemeinsam von der Schule nach
Hause gegangen.
Wenn irgendwo ein Ball rumgelegen ist, hat sie ihn durch
die Gegend geschossen. Fußball spielen fand sie super. Ich
habe noch nie ein Mädchen gesehen, das lieber Fußball
spielt, als irgendwas anderes zu tun. So war die Scarlett.
Und dann war sie verschwunden, und wir haben alle in
der Schule beim Suchen geholfen. Sie ist nicht wiedergekommen.
Ich habe sie sehr vermisst. Das Vermissen hat gar nicht
mehr aufgehört. Sie sind der erste Mensch, dem ich das sage.
Ich habe alle Zeitungsartikel über Scarlett ausgeschnitten
und in einer Schachtel gesammelt. Das weiß niemand. Das
Vertrauen in die Mordkommission habe ich eigentlich verloren,
in Sie aber noch nicht, Herr Fischer. Sie glauben mir,
das weiß ich, und Sie werden jetzt,wenn Sie lesen,was ich erlebt
habe, handeln und sich von Ihren Kollegen und Vorgesetzten
nicht einschüchtern lassen. Das hoffe ich jedenfalls.
Ich habe Scarlett Peters erkannt …
Zum vierten Mal las er den Brief, den er von zu Hause mitgebracht
hatte, und wieder verschwammen die Zeilen vor seinen
Augen. Wieder trank er erst einen Schluck Wasser, bevor
er über das nachdachte, was da stand und was er längst
wusste. Er hatte begriffen, dass er, wenn er immer wieder
über die Sätze des Schülers nachdachte, eine Weile von allem
anderen verschont wurde, das ihn seit Tagen um den Verstand
brachte.
Nie hatte Polonius Fischer so sehr an seinem Verstand gezweifelt
wie seit dem Moment, als ein Streifenpolizist ihm die
Nachricht von Ann-Kristins Auffindung überbracht hatte.
Wir haben sie aufgefunden, sagte der Kollege. In dieser Sekunde
glaubte Fischer zu ersticken.
Wie damals in der Zelle. Als er nach endlosem Schreien
keine Luft mehr bekam und ohnmächtig wurde.
Geschrien hatte er noch nicht. Auch hatte er nicht das Bewusstsein
verloren. Vielmehr hatte er einen Grad von Wachheit
erreicht, der ihn umso mehr quälte, je länger er andauerte.
Ann-Kristins Auffindung.
Am selben Abend, gestern, hatte er seine schwarze Reise-
tasche gepackt und war von seiner Wohnung in der Sonnenstraße
in östlicher Richtung gegangen, durch die Fraunhoferstraße
den Nockherberg hinauf, mit ausladenden Schritten,
in seinem dunkelblauen Wollmantel, den Stetson tief in die
Stirn gezogen. Er brauchte nur eine halbe Stunde. Das Zimmer
kostete fünfundsiebzig Euro. Den Namen der Pension
hatte Ann-Kristin vor Kurzem erwähnt, sie hatte nachts einen
Gast dort abgesetzt und ein paar Worte mit der Wirtin
gewechselt. Tatsächlich hatte Fischer dieses Gespräch erwähnt,
als er im Hotel Brecherspitze anrief.
Warum er das getan hatte, wusste er nicht. Ein Sonderpreis,
sagte Anita Berggruen. Vermutlich hätte er auch jeden
anderen Preis bezahlt. Das Zimmer ging auf die St.-Martinstraße
und die Mauer des Ostfriedhofs, es roch nach Farbe
und Politur. Möbel aus hellem Holz, das Bad weiß gefliest,
die Wände waren neu gestrichen worden, genau wie unten in
der Gaststube.
Von seinem Platz bei der Eingangstür schaute Fischer zu
einem langen Tisch, in dessen Mitte fünf Kerzen auf einem
pyramidenförmigen Ständer brannten. Die sechzehn Gäste
trugen dunkle Kleidung. An Fischers Nebentisch unterhielten
sich zwei ältere Frauen über die Krankheiten ihrer Männer,
sie lachten viel hinter vorgehaltenen Händen. Auch über
Fischer tuschelten sie, und er tat, als bemerke er es nicht.
Er sah auf die Uhr. Eine halbe Stunde war vergangen, und
er dachte, wie gern er noch länger warten würde. So hätte
er eine Aufgabe. Er strich über das karierte Blatt Papier, lauter
krumme, aber gut lesbare Buchstaben, geschrieben mit
schwarzem Kugelschreiber.
Sein Wasserglas war leer. Wie für ein offizielles Gespräch
hatte er eine Krawatte umgebunden, sorgfältig, vor dem
Spiegel, oben in Zimmer 105. Als müsse er gleich ins Dezernat
zu einer Vernehmung aufbrechen.
(...)
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