Totsein verjährt nicht von Friedrich Ani, 2009, ZsolnayFriedrich Ani

Totsein verjährt nicht
(Leseprobe aus: Totsein verjährt nicht, Roman, 2009, Zsolnay).

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»Auf dem Schulweg und im richtigen Leben«

Sehr geehrter Herr Fischer,

bestimmt wissen Sie nicht mehr, wer ich bin, das macht

nichts. Ich heiße Marcel Thalheim, bin sechzehn Jahre alt

und gehe in die Wilhelm-Röntgen-Realschule.Vor über sechs

Jahren haben Sie mal kurz mit mir gesprochen, und dann

habe ich noch bei einem Ihrer Kollegen eine Aussage gemacht,

ich glaube, sein Name war Schell, aber sicher bin ich

mir nicht. Er hat das, was ich gesagt habe, in seinen Computer

geschrieben und ausgedruckt, und ich habe alles unterschrieben.

Es ging um Scarlett Peters, die verschwunden war,

und niemand wusste,wohin und was überhaupt passiert war.

Das war sehr schlimm.

Ich war mit Scarlett gut befreundet. Wir sind fast jeden

Tag zusammen in die Grundschule gegangen, wir wohnten in

derselben Straße (Lukasstraße). Manchmal hat sie mir von

ihrer Mama erzählt, die in einem Krankenhaus arbeitet. Ihren

Vater hat sie fast nicht gekannt,weil der ihre Mama bald

schon verlassen hat.Wenn ich Scarlett was gefragt habe, hat

sie nicht gern geantwortet, sie war immer sehr still. Aber das

hat mir nichts ausgemacht, ich bin gern mit ihr zur Schule gegangen.

Oft sind wir auch gemeinsam von der Schule nach

Hause gegangen.

Wenn irgendwo ein Ball rumgelegen ist, hat sie ihn durch

die Gegend geschossen. Fußball spielen fand sie super. Ich

habe noch nie ein Mädchen gesehen, das lieber Fußball

spielt, als irgendwas anderes zu tun. So war die Scarlett.

Und dann war sie verschwunden, und wir haben alle in

der Schule beim Suchen geholfen. Sie ist nicht wiedergekommen.

Ich habe sie sehr vermisst. Das Vermissen hat gar nicht

mehr aufgehört. Sie sind der erste Mensch, dem ich das sage.

Ich habe alle Zeitungsartikel über Scarlett ausgeschnitten

und in einer Schachtel gesammelt. Das weiß niemand. Das

Vertrauen in die Mordkommission habe ich eigentlich verloren,

in Sie aber noch nicht, Herr Fischer. Sie glauben mir,

das weiß ich, und Sie werden jetzt,wenn Sie lesen,was ich erlebt

habe, handeln und sich von Ihren Kollegen und Vorgesetzten

nicht einschüchtern lassen. Das hoffe ich jedenfalls.

Ich habe Scarlett Peters erkannt …

Zum vierten Mal las er den Brief, den er von zu Hause mitgebracht

hatte, und wieder verschwammen die Zeilen vor seinen

Augen. Wieder trank er erst einen Schluck Wasser, bevor

er über das nachdachte, was da stand und was er längst

wusste. Er hatte begriffen, dass er, wenn er immer wieder

über die Sätze des Schülers nachdachte, eine Weile von allem

anderen verschont wurde, das ihn seit Tagen um den Verstand

brachte.

Nie hatte Polonius Fischer so sehr an seinem Verstand gezweifelt

wie seit dem Moment, als ein Streifenpolizist ihm die

Nachricht von Ann-Kristins Auffindung überbracht hatte.

Wir haben sie aufgefunden, sagte der Kollege. In dieser Sekunde

glaubte Fischer zu ersticken.

Wie damals in der Zelle. Als er nach endlosem Schreien

keine Luft mehr bekam und ohnmächtig wurde.

Geschrien hatte er noch nicht. Auch hatte er nicht das Bewusstsein

verloren. Vielmehr hatte er einen Grad von Wachheit

erreicht, der ihn umso mehr quälte, je länger er andauerte.

Ann-Kristins Auffindung.

Am selben Abend, gestern, hatte er seine schwarze Reise-

tasche gepackt und war von seiner Wohnung in der Sonnenstraße

in östlicher Richtung gegangen, durch die Fraunhoferstraße

den Nockherberg hinauf, mit ausladenden Schritten,

in seinem dunkelblauen Wollmantel, den Stetson tief in die

Stirn gezogen. Er brauchte nur eine halbe Stunde. Das Zimmer

kostete fünfundsiebzig Euro. Den Namen der Pension

hatte Ann-Kristin vor Kurzem erwähnt, sie hatte nachts einen

Gast dort abgesetzt und ein paar Worte mit der Wirtin

gewechselt. Tatsächlich hatte Fischer dieses Gespräch erwähnt,

als er im Hotel Brecherspitze anrief.

Warum er das getan hatte, wusste er nicht. Ein Sonderpreis,

sagte Anita Berggruen. Vermutlich hätte er auch jeden

anderen Preis bezahlt. Das Zimmer ging auf die St.-Martinstraße

und die Mauer des Ostfriedhofs, es roch nach Farbe

und Politur. Möbel aus hellem Holz, das Bad weiß gefliest,

die Wände waren neu gestrichen worden, genau wie unten in

der Gaststube.

Von seinem Platz bei der Eingangstür schaute Fischer zu

einem langen Tisch, in dessen Mitte fünf Kerzen auf einem

pyramidenförmigen Ständer brannten. Die sechzehn Gäste

trugen dunkle Kleidung. An Fischers Nebentisch unterhielten

sich zwei ältere Frauen über die Krankheiten ihrer Männer,

sie lachten viel hinter vorgehaltenen Händen. Auch über

Fischer tuschelten sie, und er tat, als bemerke er es nicht.

Er sah auf die Uhr. Eine halbe Stunde war vergangen, und

er dachte, wie gern er noch länger warten würde. So hätte

er eine Aufgabe. Er strich über das karierte Blatt Papier, lauter

krumme, aber gut lesbare Buchstaben, geschrieben mit

schwarzem Kugelschreiber.

Sein Wasserglas war leer. Wie für ein offizielles Gespräch

hatte er eine Krawatte umgebunden, sorgfältig, vor dem

Spiegel, oben in Zimmer 105. Als müsse er gleich ins Dezernat

zu einer Vernehmung aufbrechen.

(...)

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