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Grabinschrift für eine alte
Jungfer
(Leseprobe aus:
Das Lachen Haitis,
Ein Mosaik aus 90 lodyans, 2008,
litradukt - Übertragung
Peter Trier).
Als ich sie kennenlernte, kam sie mir, dem
fünfjährigen Erstklässler, bereits alt vor, und ich hatte zu Hause mitbekommen,
wie die Erwachsenen über ihre bevorstehende Pensionierung sprachen. Dies
bedeutete, so hatte man mir erklärt, dass Mademoiselle nächstes Jahr nicht mehr
unterrichten und dass ein neues und ganz junges Fräulein sie ersetzen würde.
Früher hatte sie einen Vornamen, damals im Oktober 1900, als sie zusammen mit
dem neuen Jahrhundert als zwanzigjähriges Mädchen nach Quina kam, um Lehrerin an
der Gemeindeschule zu werden. Aber mit der Zeit war der Vorname verloren
gegangen, und es war nur das Mademoiselle übrig geblieben. Jeder nannte sie so.
Meine Großmutter erzählte mir eines Tages, während sie mich zur Schule brachte,
dass sie vor langer Zeit in dieselbe Klasse gegangen waren, dass man bis zur
Heirat eine Mademoiselle blieb, dass sie einen sehr schönen Vornamen habe,
nämlich Vélianne, zusammengesetzt aus den Namen ihres Vaters Véli und ihrer
Mutter Anne, und dass sie aus dem Landbezirk Brodequin stammte.
Ich erinnere mich noch deutlich an Mademoiselles zigste und letzte Klasse, eine
gemischte Klasse, in der die Mädchen Haarschleifen in allen Farben trugen, so
wie das stets lachende Mädchen mit den großen, hellen Augen, dem ich so gern die
Hand gab, wenn wir uns am Freitagnachmittag in Zweierreihen aufstellten, um zur
Kirche zu gehen. Ihr Großvater, der Apotheker der Stadt, war seit seiner
Studienzeit in der Provence ein glühender Verehrer Mistrals und nannte sie „Merveille“,
Wunder, anstatt Mireille.
Die Erwachsenen sprachen nur mit gedämpfter Stimme von Mademoiselle, vor allem
wenn meine Tante Thiotte, welche immer an meiner Nase knabberte, zu Besuch kam.
Mein älterer Cousin, der älteste Sohn meiner Tante, der schon die
Elementarschule abgeschlossen hatte, kannte alle Geheimnisse der Erwachsenen. Er
kränkte mich mit der Bemerkung, meine guten Noten kämen daher, dass Mademoiselle
in ihrer Jugend in unseren Großonkel, Großvaters Bruder, verliebt gewesen sei,
dessen Vornamen ich trug. Er war eines Tages auf einem Schiff, das in Quina eine
Ladung Blauholz an Bord nahm, nach Europa aufgebrochen, um die Rechte zu
studieren. Mein Cousin wusste alles.
Sie hatte lange auf ihn gewartet und dabei Jahr für Jahr unermüdlich
unterrichtet, bis er eines schönen Tages mit einer Französin als Ehefrau
zurückkehrte. Sie hatten drei Töchter, die älteste hieß Vélianne. Das Gerücht
verbreitete sich aus hundert Mündern. Ganz Quina tuschelte. Von diesem Tag an
verließ sie ihr Haus nur noch, um in die Kirche zu gehen und Schule zu halten,
weigerte sich rundheraus, irgendwen zu empfangen, und grüßte Großonkel Georges
bis zu seinem Tod nicht mehr. Sie blieb der Trauerfeier fern und sprach nicht
einmal ihr Beileid aus. Mademoiselle besaß Charakter und hatte den treulosen
Großonkel schon längst von der Liste der menschlichen Wesen gestrichen.
Die Familie hatte sich in dieser Angelegenheit immer schuldig gefühlt, denn
Onkel Georges hatte sie durchaus kompromittiert – „aber wie weit soll das noch
gehen?“, sagte Tante Thiotte pikiert – , sie sorgte dafür, dass ein
extravagantes Abschiedsfest für Mademoiselle veranstaltet wurde, ähnlich den
drei oder vier rauschenden Nächten auf dem Hauptplatz, die Quina sich pro Jahr
gönnte. Als sie erfuhr, wem sie diese Aufmerksamkeit verdankte, schützte sie
eine furchtbare Migräne vor und ließ sich auf dem Fest nicht einmal kurz sehen.
Dennoch feierte die ganze Stadt ohne sie bis spät in die Nacht auf dem für den
Anlass hell erleuchteten Platz. Es gab ein Feuerwerk aus der Hauptstadt, und der
Gendarmerieleutnant gestattete den Gebrauch der Karnevalsböller, die der
Apotheker verkaufte. „Man sollte meinen, man ist auf dem Marsfeld“ (dem Marsfeld
von Port-au-Prince natürlich), wiederholte das Organisationskomitee die ganze
Nacht hindurch immer wieder. Mein Vater, der immer gegen das Projekt gewesen
war, machte sich noch lange über die Enttäuschung bei den Damen der Familie
lustig.
Es sprach sich indessen schnell herum, dass die Migräne nicht nur vorgetäuscht
war und dass Mademoiselle schwer erkrankt war. So krank, dass Pater Laznec, ein
dicker, rotgesichtiger Bretone, ihr nach der Messe die Kommunion nach Hause
bringen musste. Sie hatte unter strengster Geheimhaltung eine einzige Vorkehrung
für ihren Tod getroffen, nämlich die Vorbereitung ihres Grabsteins, den sie aus
Furcht vor Indiskretionen des örtlichen Steinmetzen in Les Cayes gravieren ließ.
Später erfuhr man, dass der des Lesens unkundige Maurer, der den Stein im
letzten Moment aufstellte, eine erkleckliche Geldsumme erhalten hatte, damit er
das Grab bewachte und niemand die mit einem violetten Musselintuch verhüllte
Inschrift sehen ließ. Die Damen der Familie zügelten ihre Rachegelüste. Gegen
die Meinung meines Vaters, der fand, dass man sich vor der Hartnäckigkeit von
Mademoiselles enttäuschter Liebe in Acht nehmen müsse, trafen sie kostspielige
Absprachen mit dem Pfarrer, dem dies angesichts des Tarifs für feierliche Messen
und Beerdigungen erster Klasse nur zu recht war! Endlich schien Mademoiselle den
anderen zu gestatten, sie zu ehren und ihr schlechtes Gewissen zu besänftigen.
Im Moment kam das niemand seltsam vor.
Ich trug wie alle anderen Jungen von Quina für den Anlass ein weißes Hemd und
eine schwarze Hose. Meine Mutter, eine gute Schneiderin, hatte die Sachen auf
der großen Singer mit Pedal genäht, die ihr meine Großmutter zur Hochzeit
geschenkt hatte. Aber die von zwei Metallspangen gehaltene schwarze Fliege, die
ich am Kragen trug, kam aus dem Ausland. Es war meine erste„rosette“, ich stand
dafür bei Mademoiselle in fröhlicher Schuld. Das kleine Mädchen, das von ihrem
Großvater, dem Apotheker der Stadt, Merveille anstatt Mireille genannt wurde,
war ganz in Weiß mit einer weißen Mantille auf dem Kopf. Ich hatte nur Augen für
sie zwei Reihen vor mir, denn an diesem Tag stand sie nicht neben mir, um meine
Hand zu halten. Aber sie hat sich während der Zeremonie dreimal umgedreht, das
schwöre ich. Zumindest habe ich es so in Erinnerung.
Es gab viele Reden, darunter die meines Vaters, der zu Hause lange im Wohnzimmer
vor dem Spiegel mit Adlerfüßen geprobt hatte. Dort feilte er immer an der Gestik
seiner Reden. Tèdè, Alterspräsident des Zivilgerichts, dessen Haar einer weißen
Pferdemähne ähnelte, kam es zu, den Grabstein zu enthüllen. Gemurmel und
Gedränge folgten. Damen gaben Ohnmachtsanfälle vor und glucksten unter heftigem
Fächerwedeln. Männer unternahmen lobenswerte Anstrengungen, nicht zu lachen.
Mein Vater in seinem schwarzen Gehrock und seinem ebenfalls schwarzen Zylinder
lachte ganz und gar nicht über Mademoiselles letzten Akt. Die Mütter schleiften
ihre Sprösslinge an der Hand vom Friedhof, bevor die des Lesens Mächtigen die
Inschrift entziffern konnten. Mein Cousin erklärte mir alles. Die alte Jungfer
mit ihren leichten Küssen und den fest zusammengepressten Knien, die niemals
ihre Galerie in Quina verlassen hatte, trotz des Windes, der jeden Tag
spitzbübisch vom Berg Maracoif herunterwehte, und seiner Komplizin, der
Dunkelheit unter dem gastlichen Laubwerk der Lorbeersträucher am Hauptplatz und
auf dem einladend heißen Sand der Strände, hatte neun Worte eingravieren lassen:
Mademoiselle Vélianne Brunet
Aus Quina, dennoch als Jungfrau gestorben
Ein letzter Linealhieb auf die Finger der ganzen Stadt, der Stadt, die durch
ihre Hände gegangen war und die wusste, wozu sie im Zorn fähig war.
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