|
|
Die verschlossene
Tür
(aus:
Die verschlossene Tür,
Erzählungen, 2003, Zsolnay,
aus dem Serbokroatischen von Elemer Schag)
»Wer jemanden von den S?andanovic´ heiratet,
hat viele Verwandte.«
Dies dachte der Ingenieur Milan S?eparevic´ auf dem Bahnhof von Stalac´, während
er darauf wartete, daß ihm der Schaffner ein Abteil zweiter Klasse aufschloß.
Er stand auf dem Gang am Ende des Eisenbahnwagens. Der Wagen nebenan war ein
Waggon dritter Klasse, und zwar alten Typs mit offener Plattform am Ende. Durch
die Fensterscheibe in der Tür seines Wagens konnte er sehen und, wenn die
Stimmen lauter wurden, auch hören, was auf dieser Plattform vorging, auf der
sieben, acht Reisende dicht gedrängt standen oder auf ihren Koffern saßen, die
man freilich nicht sah. Aus der bunten Gruppe, die sich auf der Plattform des überfüllten
Waggons zusammengefunden hatte, war – wie häufig in unseren Eisenbahnzügen
– eine kleine Gesellschaft geworden; man bot einander zu essen und zu trinken
an, spaßte, neckte und diskutierte über alles mögliche so ungezwungen, wie in
anderen Ländern nur unter nahen Bekannten.
In der Mitte dieser Gruppe sah der Ingenieur den Rücken eines jungen Mannes in
engem, kurzem und zerdrücktem Mantel mit einem ebenso kleinen wie lächerlich
runden Hut auf dem Kopf. Er konnte ihn nicht genau erkennen, aber ihm schien, daß
es Predrag war, ein Verwandter seiner Frau. Der junge Mann diskutierte und
scherzte mit einem älteren Mitreisenden, der in einer Ecke auf seinem Koffer saß
und von dem man nur den tief in den Kopf gezogenen Hut, einen Teil seiner großen
Nase und das Ende des großen Schnurrbarts sah.
Einzelnen Worten und abgerissenen, im Geratter der Räder sich verlierenden Sätzen
war zu entnehmen, daß sich der Alte über die »schlechten Zeiten« beklagte,
was der aufgeschossene junge Mann und zwei Mädchen mit frischer Gesichtsfarbe
ins Scherzhafte wandten. Von Zeit zu Zeit wurde das Stimmengewirr lauter und das
Gelächter übertönte den Lärm der Räder.
Der Ingenieur beobachtete nachdenklich dieses Volk, das die Kraft zum Spaßen
und zum Lachen selbst in dieser düsteren Atmosphäre von Angst, Sorgen und Bedrückung
fand, die in diesen Augusttagen des Jahres 1941 herrschte.
Der Schaffner kam und schloß die Tür des Abteils auf, doch der Ingenieur blieb
noch eine Weile stehen und beobachtete die Menschen auf der Plattform. In einer
Kurve ging ein Regen von Funken und Ruß aus der Lokomotive über der
Gesellschaft nieder. Der Alte begann zu husten, die Mädchen schrien auf, der
hagere junge Mann aber nahm für einen Augenblick die dunkle Brille ab, wandte
sich zur Seite und rieb sich die Augen. Erst da erkannte der Ingenieur in ihm
den Verwandten seiner Frau, Predrag, und zog sich rasch in das Abteil zurück.
Er saß mit geschlossenen Augen da und dachte nach. Nein, er hatte sich nicht
getäuscht. Das war Predrag, der Stiefsohn seiner Schwägerin Jelena. Diese hübsche
und intelligente ältere Schwester seiner Frau hatte vor ungefähr zehn Jahren
einen Witwer geheiratet, einen reichen, aber einfachen und schon etwas älteren
Menschen. Er war Kaufmann und hatte aus erster Ehe einen bereits erwachsenen
Sohn, einen intelligenten Jungen, der das Gymnasium besuchte und mit dem sich
der Ingenieur gern unterhielt. Er hieß Predrag. Später, an der Universität,
nahm er aktiv an der Bewegung fortschrittlicher Jugend teil. Einmal wurde er
deswegen verhaftet. Er machte das juristische Examen unmittelbar vor
Kriegsausbruch, traf sich aber in dieser Zeit nur selten mit den Verwandten und
sprach noch seltener mit ihnen. Im April 1941 wurde er eingezogen und kehrte
nicht nach Hause zurück. Jelena sagte, sie habe gehört, daß er in
Gefangenschaft geraten sei …
Der junge Mann sah sehr verändert aus. Er hatte sich einen Schnurrbart wachsen
lassen, trug eine dunkle Brille und stak in einem engen, fremdartigen Anzug. »Doch
nein, es gibt keinen Zweifel, das ist er«, dachte der Ingenieur. »Wohin fährt
er? Mit welchem Ziel? Und was sucht er in der gemischten Gesellschaft auf der
Plattform jenes Wagens dritter Klasse? Ich müßte mich melden. Ja, aber
vielleicht ist die Polizei hinter ihm her, und es wäre ihm wahrscheinlich
selber nicht recht, wenn ihn jemand hier anspräche. Es ist besser so«, überlegte
der Ingenieur, aber irgendwo tief in seinem Inneren spürte er, daß es nicht
besser war, daß es, im Gegenteil, weder gut noch schön war.
Das steigerte noch mehr seine Unzufriedenheit mit sich selbst und mit allem um
ihn herum in diesem unseligen unterdrückten Land, doch sein Mißmut reichte
nicht aus, ihn zum Handeln zu bewegen.
»Vielleicht ist es mir nur so vorgekommen? Es ist seine Stimme, aber seine
ganze Haltung hat sich verändert. Vielleicht ist er es doch nicht«,
beschwichtigte er sich. »Vielleicht habe ich mich getäuscht. Ich werde meiner
Frau nichts davon sagen.« Und während er die Augen fest geschlossen hielt,
dachte er nur mehr an seine Frau, an ihre Familie und an seine Ehe.
»Ja, ich habe mich getäuscht!« Das bezog sich nicht mehr auf den jungen Mann
mit der dunklen Brille, sondern auf seine Ehe. Es war dies eine Ehe wie viele
andere. Er kam aus einer Familie, die sich schwer abgemüht und Schulden gemacht
hatte, um ihn studieren zu lassen. Ehrgeizig und erfüllt von Hunger nach dem
Leben und materiellen Gütern, die jenen, die sich leidenschaftlich nach ihnen
sehnen, immer ein bißchen größer vorkommen, als sie in Wirklichkeit sind, sah
er sich als armer und begabter Ingenieur mit siebenundzwanzig Jahren vor die
Entscheidung gestellt: entweder sein Leben mit eigenen Händen aufzubauen oder
»gut« zu heiraten, um so den Weg abzukürzen und die Mühe zu verringern. Das
Mädchen, das er in einem Ruderklub an der Save kennengelernt hatte, war ein
gesundes und intelligentes Wesen und studierte ohne inneren Drang und tieferes
Interesse an der philosophischen Fakultät. Ihr Vater war der Unternehmer und
Rentier S?andanovic´. Der kleine, schweigsame Mann und ehemalige Maurermeister
hatte es im Laufe von vierzig Jahren durch geschickten Kauf und Verkauf von Häusern
und Grundstücken zu großem Wohlstand gebracht; er zählte zu jenen bescheiden
und zurückgezogen lebenden Reichen, deren Vermögen als solide und wohlfundiert
galt. Seine beiden Söhne hatte er studieren lassen, drei Töchter aber, von
denen jede ein großes Haus und eine sichere Mitgift in bar »mitbrachte«, gut
verheiratet. Geblieben war nur noch die jüngste mit einer nicht geringeren
Mitgift und mit der Aussicht, sich einen Mann zu wählen, der ihr und ihrem Vermögen
entsprach. Sie wählte S?eparevic´ und erreichte es, daß auch er sie wählte.
Er hatte sich nicht leicht und nicht rasch zu dieser Heirat entschlossen. Zwei
seiner besten Freunde zog er zu Rate. Der eine, sein Kollege im
Verkehrsministerium, ein feinsinniger Schöngeist, sagte folgendes:
»Überlege keinen Augenblick. In dieser Stadt muß ein Mensch in deinen Jahren
und in deiner Lage seine Haut so teuer wie möglich verkaufen. Heirate das Mädchen.
Du wirst aus einer Position starten, in die du durch eigene Arbeit und eine
andere Heirat bestenfalls nach zehn, zwanzig Jahren gelangen würdest.«
Der andere Freund, Assistent an der technischen Hochschule, ein etwas seltsamer
Mensch, riet ihm das Gegenteil. S?eparevic´ hatte ihn eigens zu einem längeren
Spaziergang, bis hinaus auf den Kos?utnjak, eingeladen, um ihn nach seiner
Meinung zu fragen.
»Du wirst tun, was du zu tun beabsichtigst«, sagte der Freund nach kurzer Überlegung.
»Wo du mich aber schon fragst, will ich dir sagen, daß dies kein Weg für dich
ist. Er sieht nur leichter aus, bei Menschen deiner Art aber erweist er sich am
Ende als kostspieliger und schwerer. Du wirst dich für geringes Geld verkaufen
und dafür eintauschen, was nichts wert ist und was du nicht brauchst.«
Und während er mit der Hand auf die seltsam schöne, in bläulichem Dunst
daliegende Stadt deutete, fügte er hinzu:
»Wenn jene Art von Eheglück, wie es die S?andanovic´ zu bieten haben, tatsächlich
das hielte, was es vor der Ehe verspricht, so hieße das dort unten das
Paradies; aber es hält nicht, was es verspricht, und so ist dies auch weiterhin
bloß – Belgrad.«
Er hörte auf den ersten Freund, nach einem Jahr der Ehe aber begann er immer häufiger
an den zweiten zu denken.
In nicht ganz zwei Jahren kamen zwei Kinder zur Welt. Sie waren ihm eine große
Freude und eine große Sorge; die Frau aber und alles, was zu ihr gehörte –
eine Last, die man weder tragen noch abwerfen konnte. Er sprach mit niemandem über
diese Last und fand auch in sich keine Bezeichnung für sie, aber wann immer er,
so wie jetzt, die Augen schloß, sah er sie in ihrem ganzen Umfang und spürte,
daß sie von Tag zu Tag schwerer wog …
Als er nach Belgrad zurückkam, sagte er seiner Frau nichts von der Begegnung im
Zug.
Drei, vielleicht aber auch vier Wochen vergingen. Es war eine Zeit, in der sogar
einander unbekannte Menschen in den Straßen von Belgrad sich fragend anblickten
und in allem und überall nach einer Erklärung für das suchten, was um sie
herum geschah.
An jenem Abend war er etwas länger in der Stadt geblieben und kam erst einige
Minuten vor acht, das heißt vor der Polizeistunde nach Hause. Seine Frau war
besorgt und verdrossen. Sie machte ihm Vorwürfe, daß er im letzten Augenblick
komme und sie in Angst versetze. Sie klagte über Müdigkeit; das Mädchen sei
vor einigen Tagen gegangen, die Putzfrau aber bleibe nur bis Mittag. In der
Stille der besetzten Stadt und des unfreundlichen Septemberabends hörte man vom
Bahnhof her den bedrohlich klingenden Pfiff einer Lokomotive.
Der Ingenieur wusch sich die Hände, schaute zu den Kindern hinein, und gerade
als sie sich zu Tisch setzen wollten, erscholl über der Tür die Klingel.
»Mein Gott, die Deutschen!« schrie die Frau mit unterdrückter Stimme auf und
rang die Hände.
Der Ingenieur gab ihr nur ein Zeichen, daß sie sich beruhige, und ging, mühsam
beherrscht, zur Tür, um zu öffnen.
Es waren nicht die Deutschen. Es war Predrag. Ganz anständig, geradezu elegant
gekleidet, ohne dunkle Brille, aber mit einem Schnurrbärtchen. Ohne lange Begrüßung
und umständliche Erläuterungen, sagte er ihnen, er bitte sie sehr um
Entschuldigung, aber er sei gezwungen, sie für diese Nacht um Unterkunft zu
bitten. Die Frau trat zurück, blickte ihren Mann bedeutungsvoll an und wollte
etwas sagen, doch der junge Mann hakte den Ingenieur leicht unter und führte
ihn in die große Fensternische des Speisezimmers.
Er sprach leise und war kurz. Das Haus, in dem er hätte übernachten sollen,
erwies sich als – unpassend. Natürlich sei es auch nicht passend zu dieser
Stunde einfach bei Verwandten hereinzuplatzen, aber wenn man keine andere Wahl
habe …
Der junge Mann sprach sachlich, fast geschäftlich. Sie brauchten sich nicht zu
fürchten. Die Polizei sei ihm nicht auf der Spur, er könne jedoch jetzt, nach
der Sperrstunde und ohne Ausweis, nicht auf die Suche nach einem anderen
Nachtquartier gehen. Die nicht verdächtigen Wohnungen kontrolliere die Polizei
nur selten, wenn sie aber trotzdem einmal eine Stichprobe mache, so nehme sie
keine Haussuchung vor. Er wolle sich alles noch genau überlegen und sein Möglichstes
tun, damit das Risiko für sie möglichst gering sei. Spätestens um fünf Uhr
morgens werde er das Haus verlassen. Er wollte noch etwas sagen, doch die Frau
hielt es nicht länger aus und trat plötzlich zu ihnen. Sie zitterte, breitete
die Arme aus und sprach abgerissen:
»Pego, du weißt, wir haben einen sehr unangenehmen Hausmeister, einen sehr
unangenehmen, und hier über uns wohnen auch irgendwelche verdächtigen
Studenten, oder was sie sind. Man beobachtet deshalb das Haus. Und wir könnten
niemanden aufnehmen, ohne ihn anzumelden. Du weißt, wie es ist, und ich habe
Kinder. Ich bitte dich …«
»Laß doch, Dana, wir beide werden das schon erledigen«, unterbrach sie beschämt
ihr Mann.
Die Frau war jedoch nicht mehr aufzuhalten. Sie hob die Stimme und suchte nicht
mehr nach Worten, um sich schonend auszudrücken. Sie sagte offen, es ginge
nicht an, daß Predrag sie in eine solche Situation bringe, daß jeder für sich
und auf eigene Verantwortung handle, daß sie kein Recht habe, das Leben ihrer
Kinder aufs Spiel zu setzen und schließlich: er solle gehen, wohin er wolle,
aber hier könne er nicht übernachten.
Ihr Mann suchte sie fortwährend zu unterbrechen. Als beide schwiegen, sagte der
junge Mann einfach:
»Nun, ich sehe, daß ich hier bleiben muß. Ich weiß mir im Moment keinen
anderen Rat und kann und will nicht auf die Straße gehen.«
Es entstand ein peinliches Schweigen. Die Frau war fassungslos. Mit gutem
Zureden und beschwichtigenden Gesten gelang es ihrem Mann, sie ins Kinderzimmer
zu führen.
Nach etwa zehn Minuten kam er zurück und setzte das Gespräch mit dem jungen
Mann fort, der sich nach den Hausbewohnern erkundigte, nach dem Hausmeister (der
übrigens keineswegs unangenehm war, im Gegenteil!), nach der eisernen
Nebentreppe, die an der Küche vorbeiführte, nach den Notausgängen und den
Schlüsseln. Er aß von dem, was man ihm anbot, wenig aber hastig, während der
Ingenieur wie mit toten Kiefern kaute.
Danach gingen die beiden, sich in der Küche und im Mädchenzimmer, in dem
Predrag schlafen sollte, ein wenig umzuschauen. Zurückgekehrt standen sie einen
Augenblick schweigend im Speisezimmer. Da sagte der junge Mann, er sei müde und
möchte sich niederlegen; er hoffe, alles werde gut verlaufen und sie würden
seinetwegen keine großen Unannehmlichkeiten haben.
Beim Abschied schien es, als wollte ihm der Ingenieur noch etwas sagen: er hob
auch an und machte eine Bewegung mit der Hand, doch dann verstummte er plötzlich,
drehte sich um und ging.
Es war erst neun Uhr, als der Ingenieur zu seiner Frau ins Schlafzimmer trat.
»Was ist? Was meinst du?« fragte sie aufgeregt.
»Zieh dich aus und leg dich nieder.«
Die Frau begann sich auszuziehen, hielt aber dann plötzlich inne.
»Hör mal, Mile! Das geht …«
»Laß mich überlegen.«
Sie fuhr fort, sich zu entkleiden, zog das seidene Nachthemd an, legte sich
jedoch nicht nieder, sondern ging erregt zwischen Tür und Fenster hin und her,
während sie kurze Fragen stellte, heftig auf ihn einredete und die Hände rang,
so daß man in der Dunkelheit das Knacken der Gelenke hörte.
Er hatte sich niedergelegt und wollte sich ein wenig sammeln und ruhig
nachdenken.
»Warte doch, beruhige dich ein wenig! Hab doch Geduld!«
»Ich will nicht warten, und ich will mich nicht beruhigen!«
Und sie beruhigte sich tatsächlich nicht; sie ging fortwährend auf und ab und
begann immer wieder zu sprechen, mal flehend, mal aufgeregt und erbittert. Und
mit ihr schien sich auch alles andere im Zimmer zu bewegen und ihn am nachdenken
zu hindern. Im Zimmer herrschte Dunkelheit. Die Fenster waren offen und die Rolläden
herabgelassen, zwischen den Leisten blieb jedoch ein kleiner Spalt, durch den
die Luft, aber auch das Licht von der Straße hereindrang. Diese Rolläden vor
den beiden Fenstern warfen einen eigentümlich gestreckten Schatten, einen
ganzen Teppich heller und dunkler Streifen über die breiten Ehebetten, über
die Wand und den großen Doppelschrank bis hinauf zur Mitte der Zimmerdecke. Und
so wie die Lampe auf der gegenüberliegenden Straßenseite im leichten Nachtwind
schaukelte, so bewegte sich auch das Licht dieses Rippenmusters langsam und
gleichmäßig. Man gewann den Eindruck, daß das Zimmer und das ganze Haus
schaukelten wie ein Schiff auf dem Wasser.
Alles um ihn herum war in Bewegung und Unruhe geraten. Dennoch versuchte er,
seine Gedanken zu ordnen, über seine Lage nachzudenken und sich alle Eventualitäten
vorzustellen. Sagen wir, es käme die Streife. Die Deutschen oder die Spezielle
Polizei. Wer wohnt hier alles? Er würde ihnen antworten …
»Mile …«
»Bitte, leg dich nieder und laß mich einen Augenblick in Ruhe.«
»Ich laß dich nicht. Das ist furchtbar. Das ist ein Skandal.«
»Du machst einen Skandal daraus.«
»Ich? Du, du bist herzlos. Du bringst die Kinder und mich ins Unglück …«
Die Frau schluchzte auf, von Zorn und Tränen gewürgt, und fügte erst etwas später
hinzu:
»… und dich und …«
»Dana, sei vernünftig!«
Jede seiner Ermahnungen reizte die Frau nur noch mehr. Während sie ruhelos im
Zimmer auf und ab ging, zischte sie mit einer neuen Stimme irgendwelche neuen
Worte, Worte ohne Maske, nackte Worte, Wort-Fakten, Wort-Hiebe. Nie hatte er
solche Worte von ihr gehört, und nie hätte er gedacht, daß sie sie kannte.
Sie waren offensichtlich als etwas Ererbtes in ihr vorhanden, als Waffe eines
Familienarsenals, die nur selten, nur in äußerster Not angewandt wurde.
Schließlich legte sie sich nieder, mehr vom Weinen und von Müdigkeit überwältigt
als auf sein Zureden hin. Aber Ruhe trat im Zimmer dennoch nicht ein. S?eparevic´
spürte, wie sein Puls an den Handgelenken und in den Schläfen schlug und die
Matratze unter ihm sich im gleichen Rhythmus bewegte. Der große gestreifte
Schatten der Rolläden an der Wand ruhte keinen Augenblick. Wie sollte er sich
da sammeln und sich etwas ausdenken? Und er spürte, daß seine Frau neben ihm
nicht schlief und jeden Augenblick aufstehen und ihr Jammern fortsetzen konnte.
Auch das hinderte ihn am ruhigen Überlegen. Irgendwo tauchte in ihm die Frage
auf: was würde in einer solchen Situation jener Freund von der technischen
Hochschule tun, den er, seit er geheiratet hatte, nur selten sah. Er verwarf den
Gedanken und spann wieder den eigenen weiter.
Sagen wir, es käme die Streife. Sie fragen, wer alles in der Wohnung ist? Er würde
kaltblütig antworten: ich und meine Familie. Sie würden ihre Ausweispapiere
kontrollieren und …
»Mile, Mile!«
Sie rief mit gedämpfter aber schneidender Stimme. Er sah, wie sie sich mit
hastigen, geradezu unnatürlichen Bewegungen der Beine von ihrem langen
Nachthemd wie von Fallstricken freimachte. Und im nächsten Augenblick stand sie
auch schon neben ihm.
»Mile!«
Ihre Stimme klang heiser und verweint, aber hart wie bei Menschen, die etwas
Schweres aber Wohlüberlegtes sagen.
»Mile, wenn du nicht bereit bist, ihn wegzuschicken, werde ich die Polizei
anrufen und sagen, daß sich bei uns ein solcher Mensch befindet. Und fertig.
Ich werde meine Kinder …«
Der Ingenieur sprang erschrocken auf und stieß sie unbewußt weg, nicht allzu
heftig aber sehr feindselig. Ohne sie anzurühren und ohne etwas zu sagen,
schritt der Ingenieur auf sie zu und trieb sie vor sich her. Sie wich, rückwärts
gehend, zurück wie vom Luftzug getragen. So kamen sie bis zur Tür des
Kinderzimmers; sie klinkte sie mit dem Ellbogen auf, der Mann aber schob sie ins
Zimmer, langte tastend nach dem Schlüssel, als hätte er ihn soeben ins Schloß
gesteckt, und drehte ihn zweimal um.
Er blieb noch einen Augenblick neben der Tür stehen, hinter der die Frau leise
seinen Namen rief. Wankend ging er in den Flur. Er machte Licht und starrte den
auf einem niederen Tischchen stehenden Telefonapparat an, als ob er ihn nun zum
ersten Mal im Leben sähe. Die Tür des Speisezimmers war nun geschlossen,
ebenso die Flurtür, die zur Küche führte. Der Mann blieb einen Augenblick wie
ertappt auf dem Flur stehen und blinzelte im hellen Licht. Er hatte das Bedürfnis,
einen lebendigen Menschen zu sehen, zu dem jungen Mann zu gehen, der im Mädchenzimmer
schlief, mit ihm zu sprechen und nun einerseits ihn um Hilfe und Rat zu bitten,
doch er spürte ebenso, wie unstatthaft es wäre, einen Menschen in dieser
Situation zu wecken, und wie – sinnlos.
Mit gesenktem Kopf, jedoch mit sicheren Schritten kehrte er wieder in das
Schlafzimmer zurück. In der hellgefleckten Dunkelheit erfaßte ihn ein kalter
Schauer und er fiel quer über das niedere, breite Ehebett.
So lag er, das Gesicht in den Händen vergraben, frierend und unbeweglich da. Er
war so hellwach, daß ihm vorkam, er könne nie wieder einschlafen. Über ihm
und dem Bett aber lag der gestreifte Schatten wie eine Decke.
Hinter der verschlossenen Tür des Kinderzimmers war kein Laut und kein Geräusch
zu hören.
Rezension I Buchbestellung I home IV03 LYRIKwelt © Zsolnay