Alfred Andersch desertiert von Jörg Döring, Felix Römer, Rolf Seubert, 2015, Verbrecher VerlagJörg Döring/Felix Römer/Rolf Seubert zu:

Alfred Andersch desertiert
(Zitat aus der Einleitung: Alfred Andersch desertiert, 2015, Verbrecher Verlag, von Jörg Döring, Felix Römer und Rolf Seubert).

1. EINLEITUNG

WAR ALFRED ANDERSCH EIN DESERTEUR?

Und warum man das fragen darf

Der Schriftsteller Alfred Andersch ist Westdeutschlands berühmtester

Deserteur. Er war einer von wohl mehreren Hunderttausend

deutschen Soldaten, die während des Zweiten Weltkriegs den Kriegsdienst

eigenmächtig beendeten. Sie brachen damit nicht nur mit

dem Konformismus in der Wehrmacht, in der Fahnenflüchtige als

»Feiglinge« verachtet wurden, sie riskierten auch die Rache des Repressionsapparates.

Denn die Wehrmachtsjustiz ging gegen Deserteure

mit einer Härte vor, die in der Weltgeschichte kaum Parallelen

hat. Sie fällte 35.000 Urteile wegen Fahnenflucht, davon mehr als

22.000 Todesurteile, von denen 15.000 auch vollstreckt wurden. Gerade

gegen Ende des Krieges setzte die deutsche Militärführung verstärkt

auf die Abschreckungswirkung solcher Urteile, um die Truppen

im Angesicht der Niederlage bei der Stange zu halten.

Großen Mut also erforderte die Tat selbst, ebenso wie sich nach

dem Krieg in Westdeutschland zur Fahnenflucht zu bekennen – denn

das Stigma, das sich aus dem Verstoß gegen den militärischen Wertekonsens

der Wehrmacht ergab, wirkte in der Gesellschaft lange fort.

Heute ist bekannt, dass manche der Deserteure schon früh die teils

abenteuerlichen Umstände ihrer Fahnenflucht in Erfahrungsberichten

oder sogar in Romanform festzuhalten versuchten. Die meisten dieser

autobiografisch grundierten Texte aber blieben in den Schubladen.

(...)

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