Annette
Amrhein
(Annette Schwarz)
Sedimente
Er
steht da, wippt mit den Fußballen auf und ab, etwas an ihm sieht schief aus.
Ist es seine Hüfte, ist ein Bein kürzer als das andere? Hängt nur
die Jacke schräg über den Schultern?
Die Jacke hat Flecke und ist fettig, sie riecht dumpf nach Schweiß. Auf der Stirn des Mannes sind feine Tropfen, er schwitzt, dabei ist es kalt ist auf dem Flur, und ein kalter Hauch Schweiß zieht durch die geöffnete Tür in die Wohnung.
In Händen hält der Mann eine zerknickte Schachtel Pralinen, vielleicht soll sie seine Bitte entschuldigen, die Frage, die er Mara eben gestellt hat, von der sie nicht sicher ist, ob sie richtig verstanden hat: Er will in Maras Wohnung!
Sie darf ihm das nicht abschlagen, er ist ihr Nachbar, auch wenn sie einander kaum kennen – sie kann ihm nicht die Tür vor der Nase zuschlagen.
Sie müsste antworten, doch ihre Lippen sind starr. Der Bademantel ist fest überm Bauch verschnürt, Mara hat darunter ein Nachthemd an, es schaut am unteren Saum heraus, hellblaue Spitze. Er tut so, als sähe er nicht, sie steht in Nachthemd und Bademantel da, schaut nur in ihr Gesicht, vermeidet jeden Blick auf ihren Körper.
Er macht einen Schritt auf Mara zu, sie geht rückwärts - wie beim Tanz gehen sie, der eine vor, der andere zurück. Eine Sekunde zögert Mara und bleibt stehen, da stoßen sie zusammen, Bauch an Bauch – Mara erschrickt und tritt schnell mit einem großen Schritt rückwärts. Schon steht der Mann im Flur, schon steht er da mit ungläubigem Blick und räuspert sich.
Er drängt ihr die Pralinen auf, stapft durch den Flur zum Wohnzimmer, so selbstverständlich, als wäre er hier zu Hause. Er sagt, wie vertraut ihm das alles sei – wohnt er doch nebenan, in der gleichen Wohnung, nur sei alles spiegelverkehrt.
Die Zeitungen im Flur knistern unter seinen Füßen, ein Mal verschieben sich die Lagen, und er rutscht aus, fängt sich aber. Durch die Zimmertür passt er beinah nicht hindurch. Er versucht, die Tür aufzudrücken – er weiß ja nicht, dass ein Stapel Bücher dahinter liegt, seit zwei Jahren liegt er da, es ist ein guter Platz.
O, die Balkontür ist links, sagt er – bei ihm wäre sie rechts, alles spiegelverkehrt eben.
Sie beobachtet sein Gesicht – wohin blickt er? Sie schaut auf die Orte, die er vielleicht ansieht. Wie viel leichter wäre es, seine Blicke würden Lichter werfen wie kleine Scheinwerfer oder wie der Laser am Zielfernrohr, der rote Punkte macht - das kennt man aus dem Fernsehen, er wandert über die Körper der Opfer bis auf die Stirn oder zum Herzen.
Der Mann redet schnell und viel – wie Leid es ihm tut, dass er seinen Schlüssel vergessen hat. Aber was für ein Glück: Die Balkontür seiner Wohnung steht offen, er wird über den Balkon klettern, über die Brüstung, und dann ist er zu Hause.
Das hat er alles schon gesagt, während er draußen auf dem Flur stand. Es soll nicht wieder vorkommen, dass er so in ihre Wohnung platzt, verspricht er.
Was nützt ihr das Versprechen?. Er war ein Mal hier, er hat gesehen: Maras Zimmer wuchern von innen zu wie verkalkende Arterien.
Der Fußboden ist voller Zeitungen, Briefe und Bücher. An den Wänden stapelt sich Papier, die Räume haben rundum gut dreißig Zentimeter breit eingebüßt.
Nur vor der Eingangstür kann man noch den Teppich sehen, sonst ließe sich die Tür nicht öffnen – der Teppich ist kerbelgrün und abgetreten, es ist kein Verlust, dass er überall sonst in der Wohnung beerdigt ist.
Bekannte und Freunde wissen, wie es in Maras Wohnung aussieht, sie versteckt sich nicht vor ihnen. Aber Nachbarn und Vermieter sollten nichts davon wissen. Nun steht der Mann vor der Balkontür und öffnet sie – gut, dass ihr Rahmen so hoch überm Boden ansetzt, die Balkontür geht mühelos auf.
Er dreht sich um, schaut wieder nur in Maras Gesicht, gibt ihr die Hand. Dann wendet er sich ab, steigt auf die Balkonbrüstung, die Jacke über seinen Schultern verrutscht. Fast möchte Mara hinspringen und sie festhalten, damit sie nicht auf den Rasen hinunterfällt. Aber er scheint Übung im Balancieren seiner lose hängenden Jacke zu haben, und Mara hätte das speckige Leder auch nicht anfassen mögen. Auf schief getretenen Schuhen steht der Nachbar auf der Brüstung, springt auf seinen Balkon hinüber. Dann dreht er sich noch einmal um und winkt, den Blick nach unten gerichtet, auf die eigenen Füße.
Das Papier hat sich schichtweise abgelagert, gleich Sedimenten, die je nach Zeit und Witterung eine andere Farbe und Struktur haben. Aus einem plötzlichen Impuls heraus will Mara sehen, wie dick die Papierschicht ist, die ihre Böden bedeckt. Sie kann nicht bis auf den Grund gelangen, wo grüner Teppich liegt, zu fest haften die unteren Schichten zusammen.
Sie stellt sich vor, sie würde mit einem Spaten die Wohnung umgraben, um an den beerdigten Teppich zu kommen, Stich für Stich, das untere nach oben kehren – was käme da zum Vorschein?
Mit den Fingern versucht sie, zwischen die Papierlagen zu gelangen und sieht überrascht: Ihre Tageszeitung hatte vor sechs Jahren einen anderen Kopf, einfarbig schwarz, das hatte sie vergessen. So sind tiefere Schichten nur schwarz und weiß - bis auf das bunte Hochglanzmagazin, zwischen Maras Fingern fühlt es sich glatt an. Fotos sieht sie, von Politikern, deren Namen sie vergessen hat. Werbeschönheiten, die inzwischen ausgemustert sind. Die Präsentation eines Autos, dem längst ein neues Modell gefolgt ist. Da der laszive Blick eines Violinisten, der sich auf einer Couch räkelt, seine dreieinhalb Millionen Dollar teure Guarneri im Arm, über dem Artikel steht: Ohne Frauen wäre das Leben sinnlos.
Sie legt die Zeitungen wieder weg, streicht glatt, wo sie die Ecken hochgebogen hat, um darunter zu sehen.
Sie läuft durch die Wohnung, unter ihren Füßen ein festgetretenes Archiv der vergangenen sechs Jahre. Die Schichten liegen in allen Räumen, auch im Flur, auch in der Küche, obgleich Mara in diesen Räumen nie gelesen hat. Unter den Tritten das Papier federt nicht, mit Tausenden von Schritten hat sie es zusammen gepresst.
Sie geht noch einmal den Weg, den der Nachbar eben genommen hat. Im Flur ist es dunkel, vielleicht hat er nicht viel darin erkennen können. Im Wohnzimmer war die Standleuchte am Fenster an. Die Leuchte wirft Schatten auf die Wände – lauter Büchertürme, Papierstapel, eine Skyline, vielleicht Hamburgs Michel rechts, links die Jakobikirche, in der Mitte die Spitze des Rathauses.
Mara sieht die Schatten an, die Papierstapel davor, will alles mit den Augen des Nachbarn sehen. Sie sucht, als ob seine Blicke Spuren hinterlassen hätten, und sie könnte im nachhinein sehen, was er angeblickt hat und was nicht. Wird er über das reden, was er gesehen hat? Ist ihr das nicht egal?
Hinter der Tür holt sie den Stapel Bücher hervor, räumt ihn in eine andere Ecke, wie sie es zuvor schon mit vielen Dingen getan hat. Die Papiere und Bücher wechseln ihren Standort, sie liegen mal hier, mal dort, aber sie verlassen nie die Wohnung. Mara kann sie nicht wegwerfen, bevor sie alles gelesen hat, was darin steht.
Sie kann nicht anders, als Zeitungen aufzuheben. Hamburg ist eine Stadt voller Papier. Die U-Bahn kommt morgens durch den unterirdischen Schacht in den Hauptbahnhof, da ist ein Zeitungskiosk, da stecken die Zeitschriften in den Ständern. Mara muss hier umsteigen, schaut den Zeitungsständer an und das, was auf dem Sims des Kiosks liegt. Immer neue Blätter gibt es, zu Einführungspreisen, klein und handlich sind manche, die passen gut in die Handtasche.
Einen Großteil ihrer Zeitungen hat Mara nicht gekauft. Sie läuft abends, nach der Arbeit durch die U-Bahn und sammelt Zeitungen ein, die andere Leute liegen lassen. Die anderen Menschen können das – eine Zeitung kaufen und sie achtlos in der Bahn lassen.
Diese Zeitungen sind kleine Überraschungen, darum sammelt Mara sie ein, weil es spannend ist zu sehen, was sie heute finden wird. Es sind Blätter dabei, die Mara sich nicht selbst gekauft hätte, die sie gar nicht gekannt hat. „Feine Adressen in Hamburg“ zum Beispiel – das hat sie gestern in der Bahn aufgelesen, es liegt auf dem Sessel, sie nimmt es zur Hand.
Abbildungen teurer Hotels, überschrieben „Champagnerluft“, Kleidergeschäfte, Delikatessenläden. Kliniken für plastische Chirurgie, jetzt auch von Männern gern besucht, Überschrift: „Der modellierte Mann“. „Kultuhren“, von denen Mara nie gehört hat. Sonnenbrillen, die zum „sommerlichen Makeup“ passen.
Sie ist zu unruhig, diese Zeitung kann sie jetzt nicht lesen, wirft sie auf den Tisch. In der Küche stellt sie sich ans Fenster, schaut zu den Nachbarwohnungen hinüber – das Haus ist U - förmig gebaut, man kann den Leuten links und rechts in die Zimmer sehen.
Sie holt die Pralinen und reißt die Folie ab. Es sind Nougatpralinen, dunkler Nougat, heller und Schichtnougat. Mara nimmt eine Praline undverzieht den Mund, zu süß ist die Füllung, Ekel erregend süß. Speichel flutet ihr in den Mund, sie kaut und schluckt angewidert. Trotzdem isst
sie alle Pralinen auf.
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