Tolmedo von Angelica Ammar, 2006, Amman

Angelica Ammar

Bibliotheken
(Leseprobe aus:
Tolmedo, Roman, 2006, Amman).

Und dann gibt es Tage, die sich zögernd aus dem Schlaf schälen, in denen man die Augen noch in Traumbilder hinein öffnet. In die noch das Klopfen an der Tür nachhallt, das bedrohlich die nächtliche Wohnung erfüllte. Neben Rauls auf der Seite liegendem Körper hatte ich mich aufgesetzt und gelauscht, wenn nicht auch das geträumt war; in das schwarze Loch des Flurs hinter der offenen Schlafzimmertür hatte ich gestarrt und zu spüren vermeint, wie sich etwas Dunkles dort zusammenballte, in irgendeiner Ecke dem lauerte, der sich darauf zu wagen würde. Am liebsten hätte ich Raul gerüttelt, laut gerufen, doch lähmend hielt mich die Angst und schnürte mir die Stimme ab. Auch war da der Gedanke, daß Raul sich vielleicht nicht rührte, weil er es nicht mehr konnte, daß ich tatsächlich ganz alleine dem Dunkeln ausgeliefert war. Schließlich war ich aufgestanden, auf das Schwarze zu, hatte mich bis zur Tür getastet und voller Grauen in die gähnenden Schatten des Wohnzimmers gesehen. Mit klopfender Brust hatte ich mich im Bett wiedergefunden, mich an Rauls Rücken gedrängt und mit offenen Augen die Dunkelheit fortgeschaut.
Vorsichtig hob ich die Decke an, um Raul nicht zu wecken, und flüchtete aus dem Bett. Auf dem Weg ins Bad wurde es schwarz vor meinen Augen, blind tastete ich mich am Regal entlang bis zur offenen Tür, stolperte über Rauls Schuhe und schloß die Tür sacht von innen, während der Schmerz in meine rechten Zehen fuhr. Auf dem Wannenrand sitzend, wartete ich, bis die Schwärze sich von außen her zersetzte und der Boden zurück in die Waagrechte kippte.
Später lenkte ich mein Fahrrad durch einen grauverhangenen Morgen, hinter dröhnenden Bussen und von heimtückischen Taxen bedrängt. An der Ampel vor den Quais überholte ich sie alle auf dem schmalen Bürgersteig und fuhr auf die offene Brücke hinaus. Schlammbraun wälzte sich die Seine unter ihr hindurch, nicht das kleinste Kräuseln in der windstillen Trasse zwischen den Häusern, über der ein wie aus Erz gegossener Himmel lag. Auf dem Kopfsteinpflaster im Louvre drängte mich ein Mopedfahrer fast zu nah an den hohen Randstein, und ich schloß die Hände fester um den Lenker, schleuste mich durch den finsteren Torbogen im Seitentrakt des Louvre und wurde in der Rue de Rivoli wieder ausgespuckt. Auf der rechten Seineseite sind die Straßen enger und die Häuser dunkler als auf der linken; zumindest kommt es mir, wenn ich vom breiten Boulevard de l’Opéra in Richtung Bibliothek Richelieu abbiege, jedes Mal vor, als ragten die rußigen Fassaden gedrängter in den Himmel, als klemmten sie nur widerwillig zwischen zwei Reihen parkender Autos einen Spalt auf, durch den ich das Fahrrad manövriere, oft gegen die Fahrtrichtung, um nicht ganze Blocks umrunden zu müssen. Nachdem ich in der Rue Vivienne ein Stück geschoben hatte, fuhr ich die ruhige Einbahnstraße zum Seiteneingang der Nationalbibliothek wieder entgegengesetzt entlang, und kurz bevor ich das an den Zaun aus Eisenstäben anschließende Tor erreichte, sah ich Sergio. An dem Kiosk schräg gegenüber stand er mit dem Rücken zu mir, wollte es mir scheinen, und kaufte eine Zeitung, groß, leicht nach vorne gebeugt, eine helle Leinenjacke. Ich bremste erstarrt, schob das Fahrrad in die Einfahrt, über den knirschenden Kies, und meinte, seinen Blick auf mir zu spüren; vielleicht nicht das erste Mal, vielleicht hatte er mich ausfindig gemacht und meine Gewohnheiten erkundet, um halb neun an der Nationalbibliothek, der hintere Eingang, wenn sie mit dem Fahrrad kommt, vorne an der Rue de Richelieu, wenn sie den Bus genommen hat, fünfzig zu fünfzig, regnete es nicht, standen die Chancen hinten auf jeden Fall gut.

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