Koba, der Schreckliche von Martin Amis, 2007, Hanser

Martin Amis

Koba, der Schreckliche
(Leseprobe aus: Koba, der Schreckliche, 2007, Hanser - Übertragung Werner Schmitz)

Die epische Höllenqual des Gulag

Die Schuhe: Stücke von alten Autoreifen, mit Draht oder Stromkabel
am Fuß festgebunden.
Der dünne, aus Buchweizen hergestellte Brei wird von einem
Insassen (P. Jakubowitsch) als »unaussprechlich ekelhaft«
geschildert.
In den arktischen Lagern durften die Gefangenen bei Temperaturen
unter minus 45 – oder jedenfalls minus 50 – Grad nicht im Freien
arbeiten. Ab minus 45 Grad Celsius wird es schwierig zu atmen.
Feuermachen war verboten.
Eine Gruppe von Gefangenen in Kolyma war so ausgehungert, daß
sie ein Pferd aß, das schon seit mehr als einer Woche tot war (trotz
Gestank und Massen von Fliegen und Maden).
Vom Skorbut werden die Knochen spröde; andererseits »freut sich
jeder Gefangene, wenn er einen Arm- oder Beinbruch erleidet«.
Ungewöhnlich große Skorbutgeschwüre wurden »besonders
beneidet«.
Ins Krankenhaus kam man über eine Quotenregelung. Wer mit Diarrhöe aufgenommen
werden wollte, mußte alle halbe Stunde (blutigen) Stuhlgang haben.
Die Krankenhäuser waren selbst Todesfallen, jedoch schwerfällige Todesfallen.
Ein Mann hat sich den halben Fuß abgehackt, um da
hineinzukommen. Andere Gefangene brachten sich Infektionen bei,
indem sie sich Speichel, Eiter und Kerosin in ihre Wunden rieben.
Die Arbeit in den Goldminen konnte in nur drei Wochen die
Gesundheit eines starken Mannes vollkommen zerstören. Ebenso war
ein dreiwöchiger Einsatz zum Holzfällen als »trockene Exekution«
bekannt.
Solschenizyn: »[Warlam] Schalamow berichtet von einer Brigade,
deren Mitglieder im Lauf einer Goldwasch-Saison am Kolyma in
mehreren Schüben umkamen, während der Kommandant stets
derselbe blieb.« Und der
Kommandant war, wie nicht anders zu erwarten, ein Urka.
In Serpantinka, dem anus mundi des Gulag, wurden Gefangene
aufrecht stehend so eng in einem Schuppen zusammengepfercht, daß
sie nicht einmal mehr die Arme bewegen konnten.
Sie mußten die Eisstücke, die man
ihnen zuwarf, wie Pinguine mit dem Mund auffangen. Die Männer
wurden dort »mehrere Tage lang« festgehalten, ehe sie erschossen
wurden.
Solschenizyn zufolge gelangten fast alle weiblichen Gefangenen –
viele davon Ehefrauen und Mütter – am Ende dahin, daß sie in den
Gängen zwischen den Schlafstellen der Männer auf und ab gingen
und sagten:
»Ein halbes Kilo. Ein halbes Kilo«: »Die Schlafstellen, von denen der
Frauen mit Lumpen abgetrennt«, schreibt er, »waren eine typische
Lagerszene.«
Anfang der dreißiger Jahre litt jeder in der UdSSR, der kein
Apparatschik war, an Hunger, und die Bauern verhungerten zu
Millionen. Die Häftlinge des Gulag, die Seki – von 1918 bis 1956 –
vegetierten die ganze Zeit zwischen Hunger und Verhungern.
Der voll entwickelte Gulag funktionierte durch Zuteilung und Entzug
von Nahrung. Bezeichnenderweise führt uns die Geschichte des
Kommunismus immer wieder auf diesen Punkt: den Mangel oder das
völlige Fehlen von Nahrung.
1929 lernte Stalin einen talentierten Irren namens Naftali Frenkel
kennen.

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