Lieb mich morgen
(Leseprobe aus: Lieb
mich morgen (aus Kapitel 6), Roman, 2002,
Piper -
Übertragung
Gabriele Haefs).
Ich ging durch Oslo, diese seltsame Stadt, und ich gab mich ganz und gar der Verliebtheit hin. Ich sollte und musste das Vertrauen dieser jungen Frau gewinnen. Auf ihre Liebe und ihre Hingabe wagte ich nicht einmal zu hoffen, ich war doch mit einem allzu realistischen Gemüt geschlagen. Ich wusste, die Möglichkeit, dass sie sich ausgerechnet in mich verlieben könnte, war so minimal, dass sie statistisch gesehen gar nicht existierte. In der Stadt wimmelte es nur so von Männern. Auf der Welt wimmelte es nur so von Männern. Die meisten waren zwar Mistkerle, die eine wie Elise noch im Halbschlaf durchschaute und abwies, aber die Auswahl war trotzdem noch groß genug, wenn die Spreu vom Weizen getrennt worden war. Es gab genug zärtliche und solide Männer mit gut gefüllter Brieftasche, sicherem Arbeitsplatz und Ferienhaus am Meer. Sexuell erfahrene Männer, die noch in Handschellen und mit verbundenen Augen den G-Punkt fanden. Kluge Männer. Schöne Männer. Ich hatte es ja selbst gesehen. Diesen Strom von Männern, der an ihrem Imbisswagen vorüberzog. Der vorüberzog oder innehielt, um während einer kurzen Frist eine Wurst zu verzehren. In der Zeit, in der ich noch von meinem Aussichtspunkt im Eingang der Herrenkonfektion aus ihren Imbisswagen aktiv überwachte, hatte mich das oft stutzig gemacht: dass sich eine so große Menge von Männern zu einer Zwischenmahlzeit verlocken ließen. Natürlich kamen auch Frauen - aber vor allem eben Männer. Zuerst hatte ich, misstrauisch, wie ich nun einmal bin, befürchtet, diese vielen Männer jeglichen Alters könnten etwas mit der Frau im Wagen zu tun haben. Dass sie mit ganz anderem Ziel als einer raschen Wienerwurst mit allem zu ihrem Wagen pilgerten. Dass sie sie begehrten und in ihrer Phantasie nackt und keuchend unter sich auf die Matratze pressten. Aber nein. Ich hatte dieses Phänomen empirisch untersucht. Einen ganzen Monat lang war ich jeden Abend von Majorstua mit der Straßenbahn bis hinauf nach Sinsen gefahren. Und wieder zurück. Auf dieser Strecke passierten wir zwölf Würstchenbuden. Ich hatte sie in meinem Notizbuch von 1 bis 12 nummeriert, und ich führte genau Buch über die geschlechtlichen Verhältnisse an jedem Imbiss. Das Ergebnis war eindeutig. Auf jede Frau kamen drei oder sogar vier Männer. Auf manchen Fahrten hatte ich keine einzige Frau gesehen. Keine einzige Kundin! Woran mochte das liegen? Lag der Grund tief in der maskulinen Psyche versteckt? Hatte es etwas mit Freud zu tun? Ich wusste es nicht. Ich kam diesem Problem einfach nicht auf dem Grund und gab mein ganzes Projekt leichten Herzens auf, nachdem ich wusste, dass die Männermenge vor dem Wagen meiner Frau ganz normal war und voll und ganz dem Osloer Durchschnitt entsprach.
Ach nein. Ich glühte nicht vor Leidenschaft und hielt mich durchaus nicht für den Auserwählten. Dafür hatte mir das Dasein bisher zu viele Fausthiebe verpasst. Das Leben selbst hatte mich verletzt, wie ich nun erkannte. Ich hatte zu viele Prügel einstecken müssen. Ich war zu Schanden geschlagen worden. Was hatte ich einer Frau zu bieten? Einen Ozean an Liebe, natürlich. Sowie blinde Treue. (In einem Anfall schwarzen Humors hatte ich mir überlegt, dass sich wohl nicht viele Möglichkeiten zum Ehebruch bieten würden, wenn ich einmal im Leben das Glück haben sollte unter irgendeine Haube zu kommen.) Und sonst? Eine monatliche Rente. Eine gemeindeeigene Wohnung. Selbst für eine edel denkende Seele, wie Elise sie zweifellos besaß, würde das nicht ausreichen. Nicht heutzutage. Um 1930 wäre das vielleicht anders gewesen, heute reichte es nicht. Ich hatte eine strahlende Karriere als Träumer von Rang, als überzeugter Phantast. Aber die Vernunft in mir sprach und sagte: Eine Frau sucht sich keinen wie dich, wenn sie nach einem Vater für ihr Kind Ausschau hält. Du bist nicht solide genug.
Vermittelst nicht genug Geborgenheit. Du bist von irrlichterndem Wesen. Die Wahrheit ist absurderweise, dass du vom Gemüt her ein Künstler bist, während die dazugehörenden Fähigkeiten fast ganz und gar durch Abwesenheit glänzen.
Aber Vertrauen - dieser kleine, ziemlich unterschätzte Begriff. Könnte ich Elise Kornvolls Vertrauen gewinnen? Könnte ich sie dazu bringen, sich auf mich zu verlassen? In einem seelischen Dilemma auf mich zu zählen? Ich beschloss die Messlatte vorerst nicht höher zu legen. Alles in allem gesehen war das auch hoch genug. Fast mehr als hoch genug. Wir leben in einer Zeit, in der die Jagd auf das Extreme überhand genommen hat. Wir erwarten und verlangen Glück. Das chronische und alles umfassende Glück. Während unsere Eltern sich damit begnügt haben, an einem Feiertag kurz an einem Glas Wein zu nippen, nehmen wir die ganze Flasche mit hinein in unseren Alltag. Der moderne Mensch fordert multiple Orgasmen, während unsere Ahnen sich mit leisem Jammern und einer unerwünschten Schwangerschaft zufrieden gaben. Ich wollte auf dieses Karussell nicht aufspringen, deshalb überlegte ich mir, dass die Liebe, Mann, die erwiderte Liebe, doch ein fremder Vogel ist. Mir würde es reichen, in ruhigem Unglück zu lieben, wenn ich das Vertrauen dieser Frau erringen konnte. Es wäre so ähnlich wie das Beziehen einer Rente, überlegte ich mir. Man kommt schon zurecht, aber von einer Kreuzfahrt durch die Karibik kann keine Rede sein. Der kreative Mensch indes kann lernen, von allem zu träumen, woran er nicht selbst teilhaben kann. Zum Beispiel kann er es in einem dunklen, kühlen Zimmer unter einer schützenden Decke in seiner Phantasie hervorzaubern. Ich kannte meinen Platz in der (Gesellschaft und hatte gelernt, meinen Phantasiereichtum zu schützen, die Fabulierfähigkeit, die ich schon seit meiner Kinderzeit in mir herumtrug. Diese Fähigkeit hatten mich bei einzelnen Anlässen zwar auch in die Irre gehen lassen, aber im Großen und Ganzen hatten sie ein rettendes Element im Alltag dargestellt. In Gedanken hatte ich mich von einem verdreckten Sessel oder einem schweißnassen Laken auf Palmeninseln mit kristallklarem Wasser und kreideweißen Stranden versetzt. Ich hatte Rentierfrikadellen direkt aus der Dose gegessen und zugleich am Tisch des Häuptlings gesessen und nach knusprig gebratenem Fisch gegriffen, während alles um uns herum Hula-Hula und nackte Frauenbrüste war. Gratis und ohne anstrengende Reisen, verspätete Flugzeuge, Magenbeschwerden und unhöfliche Passkontrolleure. Ich ging, wohin ich wollte. Ich folgte den Anweisungen des genialen Reiseorganisators in meinem Unterbewusstsein. Ohne Angst vor Taschendieben wanderte ich durch die Straßen von Mailand. Nahm mir Frauen aller Art und Rasse vor und erwachte am nächsten Morgen ohne Reue oder Angst vor Geschlechtskrankheiten. Damit sollte nun aber Schluss sein, auf jeden Fall wollte ich diesen Teil meines Phantasielebens regulieren. Die sexuellen Phantasien sollten gemäßigt und auf einen weitaus realistischeren Weg umgeleitet werden.
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