Dritter Tag
(Leseprobe aus: Landschaft mit Wölfen, 1999, dtv 12715)
Ich gehe gern auf Beerdigungen. Ich schaue in die Zeitung, lese die Todesanzeigen, ziehe mir etwas Dunkles an und mische mich unter die Trauergäste. Ich halte es für vernünftig, sich frühzeitig mit dem Tod vertraut zu machen. Nicht, daß ich nekrophil oder lebensmüde wäre, aber ich finde, es gehört einfach dazu. Wenn es heiß ist, sind die schattigen Gräber am angenehmsten. Heute hat man mich sogar zum Kaffeetrinken eingeladen.
Es ist zehnuhrvierunddreißig. Die Trauerfeier war schnell vorüber. Anscheinend gab es über den Toten nicht viel zu sagen. Die Leute schwitzten, und bald waren die Anzüge und Kleider unansehnlich geworden. Jemand hatte eine Kühltasche mit Mineralwasser dabei und reichte die Flaschen herum, ohne daß man Anstoß genommen hätte. Selbst die Witwe trank einen Schluck. Wenn jemand so ohne alle Umstände unter die Erde gebracht wird, gibt einem das zu denken. Man fragt sich, was die anderen über einen selbst sagen werden, wenn man im Sarg liegt. Vielleicht zucken alle nur die Schultern und flüchten sich in Redensarten. Es wäre mir nicht recht, wenn an meinem Grab viele Worte gemacht würden von Leuten, denen ich vorher gleichgültig gewesen bin. Aber es glaubt ja keiner, daß er den anderen gleichgültig ist, und manche meinen sogar, sie würden mit ihrem Tod den Hinterbliebenen ein Schnippchen schlagen. Aber meist ist man schneller vergessen, als man denkt.
Im Saal des Sportvereins sitze ich neben einer Frau, die wissen will, wie ich zu dem Verstorbenen stehe. Sie heißt Carola. Sie nennt den Todesfall tragisch und den Toten einen guten Menschen. Die Ärmel ihrer Bluse sind weit ausgeschnitten, und ich sehe ihr Achselhaar. Es ist verklebt vom Schweiß und vom Deodorant, aber sie riecht nicht unangenehm. Zuerst lüge ich und erzähle ihr eine Geschichte, dann gebe ich zu, daß ich den Toten gar nicht gekannt habe. Sie schaut mich kurz aus den Augenwinkeln an, als sei ich ihr nicht ganz geheuer, und tuschelt mit dem Bruder der Witwe, der mich ebenfalls verstohlen ansieht. Aber dann beschließen sie wohl, sich nicht weiter um mich zu kümmern. Vielleicht denken sie, ich sei verrückt oder ein armer Hund, der nur darauf aus ist, an ein Stück Kuchen und eine Tasse Kaffee zu kommen. Zur Witwe sagen alle, sie müsse jetzt stark sein. Sie hält sich ein Taschentuch vors Gesicht und nickt. Ein Baby weint die ganze Zeit, und als man es endlich beruhigt hat, beginnt es zu lachen, was den Eltern ebenfalls peinlich ist. In den Glasvitrinen an den Wänden stehen Pokale. Die Leute flüstern, nicken einander zu und legen sich die Hände auf die Schultern. Wenn die Kinder zu laut werden, ermahnt man sie. Manchmal weint jemand und wischt sich verschämt die Tränen mit dem Handrücken ab. Sofort kommt ein anderer, um ihn zu trösten, aber dann geht es erst richtig los. Jetzt weinen beide und liegen sich in den Armen. Die Hemden der Männer sind frisch gebügelt, und die Frauen haben neue Dauerwellen, aber es löst sich alles auf in der Hitze.
Carola geht zur Toilette und zieht ihren Lippenstift nach, dann setzt sie sich wieder zu mir. Manchmal lächelt sie mich an, aber immer bleibt sie schicklich. Ich weiß nicht, warum sie überhaupt lächelt. Vielleicht ist es Verlegenheit oder Mitleid. Sie arbeitet in einem Supermarkt, und sie sieht aus wie eine Frau, über die man sagt, daß sie schon einiges durchgemacht hat. Wahrscheinlich ist sie geschieden und hat eine kleine Tochter, die jetzt im Kindergarten ist. Sie sagt, wenn man hinfalle, müsse man wieder aufstehen. Was soll man dagegen sagen? Sie hat keine Strümpfe an. Einmal berühre ich versehentlich ihr Knie und entschuldige mich, aber sie tut, als habe sie nicht gehört. Ich mag ihr Parfum und beuge mich immer weit zu ihr hinüber, wenn wir miteinander sprechen. Sie ist älter als ich und hat Falten an den Mundwinkeln. Ich erfahre, daß der Verstorbene in seiner Jugend ein guter Fußballspieler gewesen und auch später seinem Verein treugeblieben ist. Es gibt Rhabarber-Kuchen mit Schlagsahne, aber der Teig ist angebrannt. Der Kaffee wird aus Thermoskannen ausgeschenkt und ist so dünn, daß er sich ganz hell färbt, wenn man nur ein wenig Milch hineingibt. Auch die Serviererinnen machen ernste Gesichter. Leider gibt es nur Kondensmilch. Der Pfarrer verabschiedet sich als erster. Ich mag ihn nicht, weil alles, was er über den Toten gesagt hat, auch auf jeden anderen gepaßt hätte. Er ist faul, wie die meisten Menschen. Aber als hinterher jemand meint, er habe seine Sache gut gemacht, nicken die anderen, und ich kann nichts dagegen sagen. Wahrscheinlich waren der Pfarrer und ich die einzigen, die den Verstorbenen nicht gekannt haben.
Die Leute sind nicht reich, das merkt man, aber sie reden immer davon, daß man die Welt mit Würde verlassen müsse. Mehrmals höre ich dieses Wort: mit Würde leben und sterben. Und einmal sagt jemand, daß man immer anständig bleiben müsse. Selbst wenn ich anderer Meinung wäre, bin ich viel zu träge, um zu widersprechen. Es stünde mir auch nicht zu.
Mir ist es nicht egal, wie ich beerdigt werde. Zum Beispiel möchte ich nicht verbrannt oder einfach ins Wasser geworfen werden. Am liebsten wäre mir ein Grab unter einer großen Buche auf einem Friedhof über der Stadt. Und ich möchte, daß meine spätere Witwe regelmäßig kommt, um die Blumen zu gießen und vielleicht ein paar Worte an mich zu richten. Wenn sie mich nicht vergißt, darf sie ruhig einen anderen Mann nehmen, das würde mich nicht stören. Der Gedanke, daß meine Witwe sonntags mit einer Gießkanne über den stillen Kiesweg eines Friedhofs geht, ist mir angenehm. Ihre Waden wären noch immer schön, und das dunkle Kostüm würde ihr gut stehen.
Am Ende steckt mir Carola einen Zettel mit ihrer Adresse zu und meint, man könne sich ja mal treffen. Ich weiß nicht, warum sie mir vertraut, vielleicht, weil sie denkt, daß wir nach diesem Tag etwas gemeinsam haben. Sie sieht gar nicht verzweifelt aus, und das gefällt mir. »Wenn nicht, dann nicht«, sagt sie und lächelt. Ich werde den Zettel lange in meiner Jackentasche aufbewahren. Das Papier wird schon ganz faserig sein, und man wird kaum noch etwas lesen können. Ein paarmal werde ich fast soweit sein, sie anzurufen, aber dann werde ich den Zettel wegwerfen. Allerdings weiß ich dann ihre Adresse und Telefonnummer schon auswendig, so daß ich darauf zurückkommen könnte.
Carola fragt, wo ich wohne, und dann meint sie, daß wir ja noch ein Stück gemeinsam gehen könnten. Bei einer anderen Frau hätte ich sicher eine Ausrede erfunden, aber bei ihr macht es mir nichts aus. Wir gehen nebeneinander die Eckenheimer hinab, und manchmal berühren sich unsere Arme. Sie erzählt mir von ihren Geldsorgen, und ich weiß nicht recht, was ich dazu sagen soll. Sicher hat sie nur davon angefangen, um nicht übers Wetter reden zu müssen. Mir geht es auf die Nerven, wenn jemand ständig vom Geld spricht, andererseits muß ich zugeben, daß es ein wichtiges Thema ist. Und jene, die behaupten, Geld spiele keine Rolle, erweisen sich meist als die größeren Idioten.
Ich überlege, ob ich mit Carola leben könnte, aber wahrscheinlich wäre sie mir doch zu alt, und wir würden nicht glücklich werden, obwohl sie sicher eine Frau ist, mit der man gut auskommen kann. An der Glauburgstraße verabschieden wir uns.
»Also dann«, sagt sie, »vielleicht bis irgendwann mal.« Sicher wird es mir nichts ausmachen, sie nicht wiederzutreffen, aber es ist schon merkwürdig, wie viele Menschen man gekannt hat, von denen man weiß, daß man sie bis zum Ende seines Lebens nicht mehr sehen wird, sogar Menschen, mit denen man eng befreundet war. Man denkt an sie, man ist einen Moment beunruhigt, dann vergißt man sie wieder, und vielleicht werden sie einem nie mehr in den Sinn kommen.
Mag sein, daß das früher anders war, aber heute ist es egal, wo die Leute herkommen und wo sie hingehen. Man will nichts mehr wissen. Die meisten können es nur schwer ertragen, daß man nicht ein besonderer Mensch ist, der in einer besonderen Zeit lebt. Gemessen an der Ewigkeit ist das alles ein Klacks, selbst ein Weltkrieg hat da kaum etwas zu bedeuten. Aber das hilft einem nichts, und eigentlich mag ich über diese Dinge nicht nachdenken.
In der Glauburgstraße gehe ich in eine Zoohandlung, um Futter für Saba zu kaufen. Es ist stickig und riecht nach Tierkot. Auf Dauer würde mir das Gezwitscher der Vögel auf die Nerven gehen. Vor mir steht ein Mädchen, das mit dem Verkäufer streitet. Es hält ein totes Meerschweinchen in der Hand und verlangt sein Geld zurück. Als der Verkäufer sich weigert und erklärt, daß es auf Tiere keine Garantie gibt, wird das Mädchen zornig. Es stampft mit dem Fuß und wirft das tote Tier auf den Kassentisch. Wahrscheinlich hat das Meerschweinchen die Hitze nicht vertragen. Der Verkäufer sieht mich an. »Das passiert jetzt dauernd«, sagt er, »was soll ich denn machen. Wenn schon die Rentner sterben wie die Fliegen.« Ich weiß auch nicht, was er machen soll.
Im Food-Point auf dem Alleenring esse ich ein Kebab. Das Fleisch ist zu fett und voller Knorpel. Ich werfe die Hälfte in den Papierkorb und bestelle noch eine Cola, aber die Cola ist warm. Ich fange an, die Frau hinter der Theke zu beschimpfen. Sie ist dick und hat einen fleckigen Kittel an, durch den man alles sehen kann. Manchmal sitzt sie breitbeinig auf einem Campingstuhl vor ihrer Imbißbude. Schon der Name Food-Point ist eine Zumutung. Man kann ihre Krampfadern sehen. Mit einem Geschirrtuch verscheucht sie die Fliegen. Sie bewegt sich langsam und macht ein Gesicht, als sei ihr alles zuviel. Ihre Lider sind halbgeschlossen, und sie schnauft. Es stehen Automaten mit bunten Kugeln herum, und an den Wänden hängen retuschierte Fotos von anatolischen Landschaften. Es ist alles gelogen, der ganze Laden ist ein Dreckstall. Ich sage ihr, das Maß sei voll, und nenne sie eine fette Schlampe. Ich drohe ihr mit dem Gesundheitsamt. Ich tue so, als sei sie an allem schuld. Ich rede mich regelrecht in Rage, bis sie sagt, daß ihr Sohn gleich komme. Sie schaut dauernd raus auf die Straße. »Er kommt. Da ist er, da ist er«, ruft sie. An der Ampel hält ein schwarzer Ascona. Aus dem Inneren des Wagens hört man die Bässe der Musikanlage wummern. Die Frau rennt vor die Tür und fängt an zu schreien. Ich kriege es mit der Angst und sehe zu, daß ich wegkomme. Ich weiß, daß sie nicht an allem schuld ist, aber es hätte mir gut gefallen. Manchmal wünscht man sich, seinen Feinden ins Auge sehen zu können. Die Stadt ist voll mit Plakaten von Hennes & Mauritz. Sie haben wirklich die hübschesten Models. Jetzt ist es eine Schwarze, die nur einen Bikini trägt und sich so weit vorbeugt, daß man meint, ihr springe gleich alles aus dem Oberteil. Es ist keine richtige Schwarze, sondern mehr so eine gemäßigt Schokoladenbraune, wie man sie gerade noch mag. Die Leute werden verrückt gemacht mit solchen Bildern, nicht nur die Männer. Aber verzichten möchte man auch nicht darauf, sonst würde es überall aussehen wie früher im Osten. Es ist alles Beschiß, aber keiner will, daß es anders wird. Im Treppenhaus liegt eine Postkarte. Sie ist an mich gerichtet. Zuerst lese ich die Unterschrift: »Bis bald daheim, herzliche Grüße, Claudia.« Dann den Text: »Es ist schön hier. Ich spucke Melonenkerne in die Luft und grabe mit den Zehen Löcher in den Sand. Die Sonne wirft keinen Schatten.« Ich verstehe nicht, was es heißen soll, daß die Sonne keinen Schatten wirft. Ich kenne keine Claudia. Jedenfalls keine, die mir eine Postkarte schreiben würde. Ich weiß nicht, was das alles zu bedeuten hat, und es beunruhigt mich eine Weile. Ich versuche, mich zu erinnern, aber es fällt mir nichts ein.
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