Lehmann oder Die Versuchung von David Almond, 2007, Hanser

David Almond

Lehmann oder Die Versuchung
(Leseprobe aus: Clay/Lehmann oder Die Versuchung, Roman (2005/2007, Hanser - Übertragung Ulli und Herbert Günther)

1 Er kam an einem strahlenden, eiskalten Februarmorgen in Felling

an. Es ist noch nicht lange her und doch scheint mir, als sei das alles

in einem anderen Leben passiert.

Ich war mit Geordie Craggs zusammen wie immer damals. Wir taten

großspurig wie immer, wir lachten und rissen Witze wie immer. Wir

ließen eine Zigarette hin und her gehen, zogen abwechselnd daran

und pusteten lange Rauchfäden in die Luft. Gerade waren wir noch in

der Kirche gewesen. Jetzt waren wir unterwegs zu Braddocks Garten.

Auf der Watermill Lane fuhr knatternd ein rotes Taxi an uns vorbei.

Es stieß schwarze Abgaswolken aus. Auf dem Taxischild am Dach

stand, dass es von der Küste kam.

»Was will der denn hier?«, sagte Geordie.

An meinen Zähnen klebte noch ein Stück Kommunion-Hostie. Ich

pulte es mit der Zunge frei und schluckte es hinunter, dann zog ich

wieder an der Zigarette.

»Weiß der Himmel«, sagte ich.

Das Taxi hielt fünfzig Meter von uns entfernt, direkt vor Crazy

Marys Haus. Mit wehendem roten Haar kam Crazy herausgewackelt.

Sie hatte ein weites geblümtes Kleid an und karierte Pantoffel. Der

Junge stieg aus dem Taxi. Er angelte einen verbeulten braunen Koffer

aus dem Wagen. Crazy bezahlte den Taxifahrer, dann ging sie mit

dem Jungen auf ihre Haustür zu. Sie sah zu uns herüber. Sie wollte

dem Jungen einen Arm um die Schultern legen, aber er drehte sich

weg und ging ins Haus. Crazy folgte ihm, dann wurde die Tür

zugeschlagen.

Der Taxifahrer beugte sich aus dem Fenster, als er langsam an uns

vorbeifuhr.

»Was gibt’s denn da zu glotzen?«, sagte er.

»Nicht viel«, sagte ich.

»Warum verduftest du nicht wieder nach Whitley Bay?«, sagte

Geordie.

»Genau«, sagte ich. »Verschwinde, Fischmaul.«

Wir lachten, rannten weiter in Richtung Braddocks Garten und

schrien: »Fischmaul! Fischmaul! Fischmaul!«

Wir gingen durch das alte Eisentor, duckten uns unter den Dornen

hindurch, platschten am Rand des Lehmtümpels vorbei, gingen in

den Steinbruch und in die Höhle. Es stand schon wieder etwas an der

Wand. Wir hielten Streichhölzer davor und lasen: Wir beobachten

euch. Ihr seid verlohren. Dahinter ein großes schwarzes X. Jemand

hatte sich abgemüht, auch noch einen Totenkopf zu zeichnen, aber

der sah aus, als hätten sie den Versuch wegen Blödheit aufgegeben.

»Total bescheuert«, sagte ich.

Ich schmierte Dreck über die Schrift.

Geordie zündete eine neue Kippe an. Er schärfte sein Messer an

einem Stein und richtete die Spitze auf mich.

»Hier wird’s bald eine ordentliche Schlacht geben«, sagte er.

Ich zog an der Kippe.

»Aye«, sagte ich.

»Wir gegen sie«, sagte er.

Ein Schauder lief mir über den Rücken. Ich versuchte zu lachen.

»Die Schlacht in Braddocks Garten«, sagte ich.

Ich sah hinaus auf die nackten zerklüfteten Wände des Steinbruchs,

das dichte Unkraut, den tiefen Lehmtümpel, die Ruinen von

Braddocks Haus darüber. Ein Sperber flog aus seinem steinigen Nest

und stieg flatternd hinauf in den offenen Himmel.

»Wer das wohl war bei Crazy?«, sagte ich.

Er zog die Schultern hoch.

»Weiß der Himmel«, sagte er. »Ich wär jedenfalls nicht gern an

seiner Stelle. Eingesperrt mit der Bekloppten.«

Er zog eine Feigensirup-Flasche aus seiner Tasche und warf sie mir

herüber. Sie war halb voll mit dem Messwein, den er heute Morgen

nach dem Gottesdienst geklaut hatte. Ich schraubte die Kappe ab,

trank einen Schluck und schmatzte mit den Lippen. Der Wein war

dickflüssig und süß und man spürte ziemlich schnell eine leichte

Benebelung.

»Messwein stehlen ist eine Sünde«, sagte ich.

Wir lachten und sammelten Zweige für ein Feuer.

Ich zeigte auf den wachsenden Holzhaufen.

»In der Hölle wirst du brennen, George Craggs«, sagte ich.

»Nö«, sagte Geordie. »Dafür nicht. In die Hölle kommt man nur,

wenn man richtige Sünden begeht. Eine Million stehlen, zum

Beispiel.«

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