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Lehmann oder Die Versuchung
(Leseprobe aus: Clay/Lehmann oder Die Versuchung, Roman (2005/2007,
Hanser - Übertragung Ulli und
Herbert Günther)
1 Er kam an einem strahlenden, eiskalten Februarmorgen in Felling
an. Es ist noch nicht lange her und doch scheint mir, als sei das alles
in einem anderen Leben passiert.
Ich war mit Geordie Craggs zusammen wie immer damals. Wir taten
großspurig wie immer, wir lachten und rissen Witze wie immer. Wir
ließen eine Zigarette hin und her gehen, zogen abwechselnd daran
und pusteten lange Rauchfäden in die Luft. Gerade waren wir noch in
der Kirche gewesen. Jetzt waren wir unterwegs zu Braddocks Garten.
Auf der Watermill Lane fuhr knatternd ein rotes Taxi an uns vorbei.
Es stieß schwarze Abgaswolken aus. Auf dem Taxischild am Dach
stand, dass es von der Küste kam.
»Was will der denn hier?«, sagte Geordie.
An meinen Zähnen klebte noch ein Stück Kommunion-Hostie. Ich
pulte es mit der Zunge frei und schluckte es hinunter, dann zog ich
wieder an der Zigarette.
»Weiß der Himmel«, sagte ich.
Das Taxi hielt fünfzig Meter von uns entfernt, direkt vor Crazy
Marys Haus. Mit wehendem roten Haar kam Crazy herausgewackelt.
Sie hatte ein weites geblümtes Kleid an und karierte Pantoffel. Der
Junge stieg aus dem Taxi. Er angelte einen verbeulten braunen Koffer
aus dem Wagen. Crazy bezahlte den Taxifahrer, dann ging sie mit
dem Jungen auf ihre Haustür zu. Sie sah zu uns herüber. Sie wollte
dem Jungen einen Arm um die Schultern legen, aber er drehte sich
weg und ging ins Haus. Crazy folgte ihm, dann wurde die Tür
zugeschlagen.
Der Taxifahrer beugte sich aus dem Fenster, als er langsam an uns
vorbeifuhr.
»Was gibt’s denn da zu glotzen?«, sagte er.
»Nicht viel«, sagte ich.
»Warum verduftest du nicht wieder nach Whitley Bay?«, sagte
Geordie.
»Genau«, sagte ich. »Verschwinde, Fischmaul.«
Wir lachten, rannten weiter in Richtung Braddocks Garten und
schrien: »Fischmaul! Fischmaul! Fischmaul!«
Wir gingen durch das alte Eisentor, duckten uns unter den Dornen
hindurch, platschten am Rand des Lehmtümpels vorbei, gingen in
den Steinbruch und in die Höhle. Es stand schon wieder etwas an der
Wand. Wir hielten Streichhölzer davor und lasen: Wir beobachten
euch. Ihr seid verlohren. Dahinter ein großes schwarzes X. Jemand
hatte sich abgemüht, auch noch einen Totenkopf zu zeichnen, aber
der sah aus, als hätten sie den Versuch wegen Blödheit aufgegeben.
»Total bescheuert«, sagte ich.
Ich schmierte Dreck über die Schrift.
Geordie zündete eine neue Kippe an. Er schärfte sein Messer an
einem Stein und richtete die Spitze auf mich.
»Hier wird’s bald eine ordentliche Schlacht geben«, sagte er.
Ich zog an der Kippe.
»Aye«, sagte ich.
»Wir gegen sie«, sagte er.
Ein Schauder lief mir über den Rücken. Ich versuchte zu lachen.
»Die Schlacht in Braddocks Garten«, sagte ich.
Ich sah hinaus auf die nackten zerklüfteten Wände des Steinbruchs,
das dichte Unkraut, den tiefen Lehmtümpel, die Ruinen von
Braddocks Haus darüber. Ein Sperber flog aus seinem steinigen Nest
und stieg flatternd hinauf in den offenen Himmel.
»Wer das wohl war bei Crazy?«, sagte ich.
Er zog die Schultern hoch.
»Weiß der Himmel«, sagte er. »Ich wär jedenfalls nicht gern an
seiner Stelle. Eingesperrt mit der Bekloppten.«
Er zog eine Feigensirup-Flasche aus seiner Tasche und warf sie mir
herüber. Sie war halb voll mit dem Messwein, den er heute Morgen
nach dem Gottesdienst geklaut hatte. Ich schraubte die Kappe ab,
trank einen Schluck und schmatzte mit den Lippen. Der Wein war
dickflüssig und süß und man spürte ziemlich schnell eine leichte
Benebelung.
»Messwein stehlen ist eine Sünde«, sagte ich.
Wir lachten und sammelten Zweige für ein Feuer.
Ich zeigte auf den wachsenden Holzhaufen.
»In der Hölle wirst du brennen, George Craggs«, sagte ich.
»Nö«, sagte Geordie. »Dafür nicht. In die Hölle kommt man nur,
wenn man richtige Sünden begeht. Eine Million stehlen, zum
Beispiel.«
Rezension I Buchbestellung I home II11 LYRIKwelt © Hanser Verlag