Premiere für Han Li von Susanne Alge, 2009, LuimbusSusanne Alge

Trang Bang
(Leseprobe aus: Premiere für Han Li, Roman, Anfan 3. Kapitel, 2009, Limbus Verlag)

Mit Jette kam ich nicht mehr zurecht. Theater fand sie doof und
überhaupt: was ich bloß dauernd mit dieser Antonia hätte. Steffs
Freundin bekäme übrigens ein Kind. Marina war enttäuscht von mir, glaube
ich. Natürlich sagte sie nicht verächtlich: "Tippse!", aber
Buchhändlerin hätte sie besser gefunden. Das sah ich an ihrem Gesicht.
Jettes Vater nannte mich "Rechtsanwaltsgehilfin". Und das in
anerkennendem Ton. Immerhin kein Sargnagel. Auch nicht "hmm", wie meiner
kommentiert hätte.
Mutter meinte: "Siehst du."
"Was soll das denn wieder heißen?", fragte ich, bekam aber keine
Antwort.
Das Beste an Ewald war in meinen Augen, dass Mutter der Schlag getroffen
hätte, wenn sie ihm begegnet wäre. Ewald trug rosa Hemden und statt
Krawatten lose wehende Halstücher in ständig wechselnden
Farbkombinationen, in denen jedoch immer lindgrün enthalten sein musste.
Dabei schrie er: "Ihhh ist das schrill", um Ekel zu äußern. Ich fand das
faszinierend. Immerhin gab es nichts Schrilleres als Ewalds Halstücher.
Um seiner Empörung Ausdruck zu verleihen, worüber auch immer, sagte er :
"Wir sind doch hier nicht in Gelsenkirchen!" Ein anderer seiner
Lieblingssprüche lautete: "Drum prüfe, wer sich ewig bindet." Wobei
Ewald von denen lebte, die sich nicht geprüft hatten. Denn Ewald war
Scheidungsanwalt, und zwar offenbar einer der besten. Und einer der
teuersten. Mich konnte er sich deshalb spielend leisten, obwohl ich im
Büro keine Rolle erfüllen sollte, die unmittelbar mit dem juridischen
Geschehen zu tun hatte.
Als ich ihm beim Einstellungsgespräch meine Zeugnisse vorlegen wollte,
sagte er: "Schätzchen, wir sind doch hier nicht in Gelsenkirchen", und
als ich ihm erklärte, dass ich selbst gern Rechtsanwältin geworden wäre,
um den Verdammten dieser Erde beizustehen, sah er mich mahnend an und
sagte: "Schätzchen, du musst noch furchtbar viel lernen."
Ja, das wollte ich, aber Ewald wollte wissen, was es denn mit der
Theaterleidenschaft auf sich hatte, von der meine Mutter gesprochen
hatte. Meine Mutter? Langsam verstand ich, dass Ewald Antonia für meine
Mutter hielt und dass ihn an ihrem Anruf nicht die
Stenografiefähigkeiten ihrer vermeintlichen Tochter hellhörig gemacht
hatten, sondern das künstlerisch anregende Gespräch, das sie miteinander
geführt hatten, und in dessen Verlauf ihm Antonia offenbar weisgemacht
hatte, dass ich zu Höherem als zur Sekretärin berufen war.
"Wenn wir darauf warten, dass unsere jungen Talente mittels Staatsknete
zu großen Dramatikern werden, können wir ewig warten", sagte Ewald. Als
Ewald verächtlich "Staatsknete" sagte, erinnerte er mich an Marina. Ich
befand mich also nicht auf völlig fremden Boden. 
"Und jetzt stelle ich dir Schmittchen - mit tt - vor, unsere Perle",
sagte Ewald, "aber zu der musst du "Sie" sagen, Schätzchen."
Ich antwortete: "Okay", weil mir das besser zur Staatsknete zu passen
schien als: "Ja, gerne."
"Schmittchen, mein Engel", schrie Ewald, "das also ist unsere Virginia
Woolf."
"So", sagte Frau Schmitt. "Herr Neumann hat schon dreimal angerufen."
"Ach, du meine beste Güte!", rief Ewald und entschwebte.
Frau Schmitt. Ich sah Frau Schmitt und liebte Frau Schmitt. Sie bot mir
eine Tasse Kaffee an und sagte, dass sie keine Ahnung habe, was
Schriftsteller bei einem Rechtsanwalt lernen könnten.
"Ich auch nicht", antwortete ich.
Sie erklärte mir, dass man im Grunde genommen immer etwas lernen könne
und dass wir gemeinsam ein Programm entwickeln müssten. Sie befragte
mich, was ich vorhätte zu schreiben.
"Gar nichts", sagte ich.
Sie stutzte. "Ist das Ganze Ewalds Idee?"
Ich erzählte ihr von Antonia und dass ich annahm, das Ganze sei keine
Idee, sondern ein Missverständnis.
"Nun bist du da und nun bleibst du auch da", bestimmte Frau Schmitt.
"Ewald erzählen wir besser nichts von dem Irrtum, er hängt zu sehr an
der Idee, Künstler zu fördern. Aber gelernt wird. So oder so."
Mir war alles recht. Wenn Frau Schmitt mir befohlen hätte, einen Schal
zu häkeln, hätte ich auch einen Schal gehäkelt. Montag sollte ich
anfangen und bis Montag sollte ich mir überlegen, was für ein Beruf mir
schlussendlich vorschwebte.
"Denn ein Ziel muss der Mensch haben", so Frau Schmitts feste
Überzeugung.
Ich brauchte Ruhe, um zu überlegen, deshalb radelte ich in den Park. Ich
musste mein Ziel mit Frau Schmitts Augen betrachten. Ich sah zum Himmel
und überlegte, ob Frau Schmitt an Gott glaubte. Ich bedauerte wieder
einmal, dass ich ihm unsere Freundschaft gekündigt hatte. Natürlich war
ich nicht mehr so naiv zu glauben, dass Gott mir sofort ein Berufsziel
auf diese Wiese geworfen hätte, aber es wäre beruhigend gewesen,
wenigstens darum bitten zu können. Andererseits fand ich es inzwischen
absurd, Gott mit solchen Banalitäten zu belästigen und dann noch von ihm
zu verlangen, dass er sich um Kriege kümmerte. Ich war sicher, dass Frau
Schmitt an Gott glaubte und ihren Kram trotzdem selbst erledigte.

(...)

Antonia freute sich, als ich ihr vom Erfolg ihrer Bemühungen berichtete,
behauptete allerdings, sie hätte ohnedies nicht daran gezweifelt. Als
ich sie fragte, was ihr denn eingefallen sei, mich als Dramatikerin
vorzustellen, sagte sie ungerührt: "Tippse wolltest du ja nicht werden."
"Du hättest mich wenigstens warnen können", warf ich ihr vor.
"Und du hättest dann tausend Gewissensbisse gehabt und zum Schluss alles
vermasselt, mein Sensibelchen", gab sie zurück.
"Du darfst mich ruhig Schätzchen nennen", schnauzte ich. "Und was soll
ich jetzt wirklich werden?"
"Warum nicht Dramatikerin?"
Antonias Ansicht nach steckte nicht besonders viel dahinter.
Wahrscheinlich verhielt es sich wie beim Klavierspielen: viel Technik
und noch mehr Übung. Unter den erfolgreichen Pianisten fand sich
schließlich auch nur selten ein Rubinstein.
"Schluss mit Shakespeare", bestimmte Antonia, "jetzt packen wir alle
Modernen an."
Außerdem musste ich dafür sorgen, dass ich Ewald möglichst oft ins
Gericht begleiten durfte. "Dort schreibst du mit wie der Teufel. Dann
ist wenigstens deine blöde Stenografie zu was gut."
Aha. Und wozu?
Sah ich das denn nicht selbst? Da lagen mir die Dialoge praktisch zu
Füßen.
"Angeklagter", deklamierte ich, "stimmt es, dass Sie Ihre Familie
bereits längere Zeit vernachlässigt haben?"
Zu Antonia hin sagte ich: "Der Angeklagte senkt den Kopf und schweigt." Dann
brüllte ich: "Gerufen wird Zeugin Sowieso."
"Zeugin Sowieso", wandte ich mich an eine unsichtbare Zeugin: "Stimmt
es, dass Ihr Vater die Familie bereits längere Zeit vernachlässigt hat?"
Die Zeugin sagt trotzig Ja, und Antonia war begeistert. "Na also!",
meinte sie, "es geht doch. Den Stoff hast du auch. Natürlich darf im
Stück der Vater nicht im Nirwana verschwinden, am besten wäre zum
Schluss die große Versöhnung."
Ich stimmte ihr zu. Ich fand einen Vater, der im Nirwana verschwand,
auch im wirklichen Leben ein bitteres Ende. Aber was sollte ich am
Montag zu Frau Schmitt sagen?

(2005/2009)

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