Karl Heinz Zizala hat
Krebs
(Leseprobe aus: Karl Heinz
Zizala hat Krebs, Roman, 2001, Edition
Selene)
28. Juni
DER ZUG GEHT UM VIER UHR NACHMITTAG, das weiß Edi Storn. Vier Stunden
später ist er in der Provinzstadt. Er steigt aus und kauft sich am Bahnhof Zigaretten. In
der Trafik fragt er nach der Straße und dem Hotel. Die Trafikantin kennt beides nicht.
Also steigt er in ein Taxi. "Zum Hotel", sagt er. Es ist kaum eine Minute Fahrt.
Er bezahlt, gibt ein üppiges Trinkgeld, greift nach der alten, speckigen schweinsledernen
Schultasche und steigt aus. Eine junge Rezeptionistin schiebt einen Schlüssel mit einem
riesigen Anhänger über die Budel; sie lächelt. Storn verzichtet auf den Lift. Er nimmt
die Treppe in den 1. Stock, öffnet eine Tür aus Glas und geht durch einen langen
Korridor. Danach öffnet er eine zweite Tür aus Glas und geht durch einen zweiten langen
Korridor. Er kommt an Tischen vorbei, mit Getränken und einem Buffet - und an nobel
gekleideten Menschen, die drumherumstehen. Alle nicken, lächeln und grüßen. Er nickt,
lächelt und grüßt, packt eine kleine Flasche Bier, läuft weiter durch den Korridor, um
die Ecke, bis zu Nummer 126. Das Zimmer ist ein Drei-Stern-Hotelzimmer. Er stellt die
alte, speckige schweinslederne Schultasche neben das Bett, setzt sich, spürt die
Federkernmatratze unterm Hintern und schlürft Bier.
An der Rezeption fragt er nach dem Fernseh-Theater. Das Mädchen lächelt und erklärt
ihm, daß es nicht weit ist. Er ist dermaßen müde und auch betrunken, daß er sich ein
zweites Taxi leistet.
Die Autoren haben sich um sieben Uhr im Theater-Café getroffen. Storn ist anderthalb
Stunden zu spät dran. Das ist ihm egal. Er betritt das Café. Eine Menge Leute mit einem
Glas in der Hand; die meisten wackeln mit dem Kopf, nippen und lächeln. Er geht ein wenig
herum und schüttelt Hände, trinkt große Schlucke aus einer Flasche, die man ihm reicht
und die nichts kostet. Im Vorraum sitzt ein Kerl allein an einem Tisch. Storn stellt sich
neben ihn und fragt: "Bist du der, der noch nie etwas veröffentlicht hat?"
"Ich bin genau der, der noch nie etwas veröffentlicht hat", antwortet der Kerl.
Er trägt eine Nickelbrille, hat kurzes Haar, ist unrasiert. Auch er trinkt das Bier aus
der Flasche.
Später soll die Lesereihenfolge ausgelost werden. Das Wettlesen ist eine öffentliche
Veranstaltung und das ganze Fernseh-Theater bis zum letzten Platz besetzt. Im
Theater-Café und draußen vor der Tür gibt es Bildschirme.
"Ich werde nicht hineingehen", sagt Storn. "Ich werde auch nicht
hineingehen", sagt der Kerl, der noch nie etwas veröffentlicht hat. Es nutzt nichts.
Jeder muß ein Los ziehen. 16 Autoren spazieren nacheinander auf die Bühne und fischen
einen Zettel aus der Schuhschachtel. Auf Storns Zettel steht: Edi Storn, Donnerstag, 16
Uhr. Das ist morgen. Er fragt die Dame hinter der Schuhschachtel, ob er den Zettel
umtauschen darf. Die Dame lächelt und schüttelt den Kopf.
Hans Hose hält die Eröffnungsrede. Er ist ein berühmter Essayist, ein
Literaturwissenschaftler und auch ein Kritiker. Er spricht sehr lange und sehr
kompliziert. Storn, der Kerl, der noch nie etwas veröffentlicht hat, und ein anderer Kerl
- ein lustiger Junge aus Salzburg, mit einer Glatze und Augengläsern - gehen nach unten,
zurück ins Theater-Café. Dort drückt jemand auf der Fernbedienung das zweite Programm.
Die Fußball-Europameisterschaft. Heute abend spielt Frankreich gegen Italien.
Schließlich - als Hans Hoses Rede zu Ende ist - gibt es im Theater-Café ein Finale, das
unheimlich spannend wird. Frankreich gewinnt. Sie schalten den Kasten aus; die Leute aus
dem Fernseh-Theater strömen ins Café. Sie plappern, während sie hereinschwimmen, und
während sie plappern, sehen sie nach links und nach rechts. Shmul kommt an den Tisch. Er
ist der Mann, der Storns erstes Gedicht in einer Untergrundzeitschrift veröffentlicht
hat. Shmul hat ihm seitenlange Briefe geschrieben und ihm gut zugeredet. Er gleicht einem
Gartenzwerg mit Bart und ohne Mütze. Storn hat ihn sich viel größer vorgestellt, den
langen Briefen nach. Sie begrüßen sich. Sie umarmen sich. Ein Freund ist aufgetaucht,
denkt Edi Storn.
29. Juni
AM NÄCHSTEN TAG - Donnerstag - ist die Lesung um vier.
In der Früh entdeckt er die Minibar. Storn öffnet sie - die Schleife Papier um den Griff
zerreißt - und fischt eine eiskalte kleine Flasche heraus. Er schlürft das Bier und
studiert die Wettbewerbsunterlagen, die in einer schwarzen Kunststofftasche im Hotel
hinterlegt worden sind. Außer den Essensmarken ist nichts von Bedeutung darunter: Ein
Notizblock mit einem Kugelschreiber, Prospekte zu den Sehenswürdigkeiten der
Provinzstadt, eine Eintrittskarte für ein Zigeunerkonzert in einem beschaulichen Innenhof
heute abend und ... eine Bierflasche und ein Flaschenöffner. Er knackt die Flasche, aber
es ist kein Bier darin. Eine Einladung steckt darin: eine Einladung zum Abendessen vom
Herrn Bürgermeister persönlich.
Storn zieht die Hose an, das T-Shirt, Socken und Schuhe und das rote Hemd. Er geht ins
Badezimmer und schüttet sich kaltes Wasser ins Gesicht. Danach putzt er sich die Zähne.
Mit der Zahnbürste im Mund stellt er den Fernseher an. Das Wettlesen wird live
übertragen. Die erste Lesung hat begonnen.
Er bröselt Hanfblütenstaub in eine Zigarette und öffnet zum zweiten Mal die Minibar, um
ein Bier herauszufischen. Er benutzt den Flaschenöffner, und als er das Bier ansetzt und
einen Schluck machen will, bemerkt er, daß die Flüssigkeit trüb ist. Er sucht das
Ablaufdatum auf dem Etikett: Das Bier ist seit einem Jahr abgelaufen. Er muß würgen,
obwohl er nicht getrunken hat, verschließt die Flasche wieder, stellt sie zurück und
nimmt sich eine andere kleine mit Weißwein. Damit setzt er sich aufs Bett.
Das Mädchen, das vorliest, nennt er Madonna - wegen der dichten, langen, welligen Haare
und weil sie so streng wirkt. Sie hat eine angenehme Stimme.
Drei Uhr nachmittag
Am Nachmittag macht er sich auf den Weg zum Fernseh-Theater. Dort trifft er die Leute, die
sein Porträt gedreht haben im Ohrwaschl-Stüberl. Der Regisseur - der lange Schorsch -,
Wlacic, der untersetzte, stämmige Kameramann - ein stiller, ein angenehmer Kerl - und der
kleine Tonmeister, der immerzu lacht. Sie stehen herum mit ihren technischen Geräten und
trinken Bier mit Storn. Er lacht lauter als sonst. Bis ihm der Schweiß ausbricht. Er hat
die Blätter, aus denen er vorlesen soll, in der alten, speckigen schweinsledernen
Schultasche im Hotelzimmer vergessen!
"Ich hab' die Blätter vergessen!" sagt er zum langen Schorsch. "Ich hab'
mein Manuskript im Hotel vergessen!"
"Das macht nichts. Das macht überhaupt nichts", beruhigt ihn der lange
Schorsch. "Die haben haufenweise Manuskripte hier."
Storn sieht sich um. Er traut seinen Augen nicht: Überall rennen Leute mit seinem
Manuskript unterm Arm herum! Er bemerkt, daß eine Kamera auf ihn gerichtet ist und auch
Fotoapparate. Jemand drückt ihm die Zettel in die Hand.
Die Lesung beginnt. Er nimmt ein Glas Bier mit hinauf und bittet die freundliche
Serviererin, ihm Nachschub zu bringen. Sie nickt, lächelt und wünscht ihm viel Glück.
Storn tritt ins Rampenlicht. Als er sich gesetzt hat, auf den Stuhl vor dem Tischchen mit
dem Mikrophon, genießt er die Situation. Das Lampenfieber ist wie weggeblasen. Früher
wäre so etwas unvorstellbar gewesen. Er trinkt einen großen Schluck. Dann atmet er
zweimal tief durch und beginnt zu lesen. Er liest zu schnell, seine Stimme bricht beinahe.
Er macht eine Pause, trinkt noch etwas, zündet die Zigarette mit dem Hanfblütenstaub an.
Danach geht es besser; er findet seinen Rhythmus, und es macht richtig Spaß. Er liest
eine halbe Stunde.
Applaus im Theater-Café. Sie haben gelacht an manchen Stellen, obwohl es nichts zu lachen
gab.
Nun ist es Zeit für die sieben Juroren. Ilse Rettich ergreift als erste das Wort. Sie ist
die Literaturpäpstin. Sie bezeichnet Storns Text als Kraut und Rüben. Damit hat sie
sicher recht. Frau Rettich spricht von zu vielen Wörtern und zuviel Bier - gerade bringt
die freundliche Serviererin ein frisches Glas -, jedoch: Ein Garten könne daraus wachsen,
ein wunderbarer Garten ... Es läßt sich denken, daß sie recht hat.
Der Moderator gibt weiter an einen beleibten jungen Herrn mit Brille im Gesicht und
Stoppelhaaren. Sein Name ist Didi Fleck. "Ich glaube, wir müssen nun die
Kristallkugeln der Juroren auspacken." Er wirkt ein wenig ratlos. Storn muß an Jean
Paul denken und den Satz: Bücher sind dickere Briefe an Freunde. Als dritte: Liselotte
Brunften. Sie ist klein und nervös. Sie trägt eine Bubikopf-Frisur, ebenfalls eine
Brille im Gesicht. Fast alle hier sind kurz- oder weitsichtig. Frau Brunften hat die
Geschichte genausowenig begriffen.
Heike Kürzle trägt keine Brille. Sie ist diejenige, die ihn zum Wettlesen eingeladen
hat. Sie hat den Text bereits gekannt und einen kleinen Aufsatz verfaßt. Diesen Aufsatz
liest sie jetzt vor. Sie rühmt die Mikroportraits aus dem Wiener Alkoholikermilieu und
den Rest rundherum. Storn ist stolz - das kann er schlecht verbergen -, er freut sich
über Frau Kürzle und daß er heute hier oben sitzt, eine mit Hanfblütenstaub gewürzte
Zigarette raucht und den Kritikern lauscht.
Das Lob kommt noch dicker. Harri Rauchfuss aus der Schweiz fuchtelt mit beiden Armen; er
kriegt beinahe keine Luft mehr. Er sagt, Storn sei ein Erzähler, er sei ganz nahe bei
seinen Figuren, ganz nahe, er erzähle mit großer Empathie. Vielleicht hat er auch sagen
wollen, daß Storn diese Menschen mag, daß sie auf eine gewisse Weise seine Freunde sind,
Hedi, Zizala, Übellacker und die anderen im Ohrwaschl-Stüberl.
Da ist es um ihn geschehen. Er nimmt einen tiefen Zug und einen Schluck Bier - und
strahlt! Er weiß zwar nicht, was Empathie bedeutet, aber er freut sich sehr. Dieser Mann
sagt, er will nicht mehr Harri Rauchfuss heißen, wenn Storn kein Erzähler ist!
Rupert Schindegger, ein bekannter Schriftsteller, ist der nächste, der das Wort ergreift.
Er spricht von Storns Figuren als Menschen, die alle einen Raufhandel mit dem Tod haben.
Das ist gut formuliert, denkt Storn. Tatsächlich kämpfen sie alle mit dem Tod. Aber sie
kämpfen genauso mit ihrem verpfuschten Leben.
Er atmet ein und aus. Er ist glücklich.
Schließlich - der letzte der sieben. Sein Name ist Eberhard Nähen. Ein seltsamer Name,
denkt Storn. Er betrachtet Herrn Nähen, als dieser zu sprechen beginnt. Und er traut
seinen Augen nicht! Ganz sicher liegt das am Hanfblütenstaub und am vielen Bier. Dieser
Mann, der dasitzt und über sein Manuskript redet, gleicht Engelbert Übellacker wie ein
Ei dem anderen! Die gleiche Kopfform, die gleiche Brille im verquollenen Gesicht, mit
mittelstarken Gläsern; volle Lippen, beinahe sinnliche Lippen; unrasiert. "Mir
gefällt das nicht", sagt Nähen.
Es ist klar. Wer will schon den Knochenmann? Welcher Idiot will den Tod ...?
30. Juni
STORN HAT SCHLECHT GESCHLAFEN. Gegen zehn erwacht er und öffnet die Minibar. Sie ist neu
angefüllt worden - mit abgelaufenem Bier. Er nimmt wieder eine kleine Flasche Wein,
diesmal roten, schaltet den Fernseher ein, setzt sich aufs Bett und schaut bei anderthalb
Wettlesungen zu. Anschließend macht er sich auf den Weg zum Fernseh-Theater.
Es ist dasselbe. Er trinkt eine Flasche Bier nach der anderen. Bis sein Verleger
auftaucht. Herr Adolf kommt in Begleitung eines jungen Mädchens, das sehr hübsch ist und
nicht spricht. Das Mädchen steht hinter ihm.
Später sagt Herr Adolf: "Fahren wir irgendwohin Kaffee trinken." Das hübsche
Mädchen und eine Schriftstellerin kommen mit. Die Schriftstellerin ist eine sehr große
Frau, sie ist elegant gekleidet und hat blaue Augen. Sie lebt mit ihrem Mann in
Montevideo. Furchtbar nervös wegen des Wettlesens, stolpert sie über Stühle, wirft
irgendwelche Gläser um und Flaschen und entschuldigt sich tausendmal. Sie ist Storn auf
Anhieb sympathisch.
In der großen schwarzen Limousine des Verlegers kurven sie zur Stadt hinaus. Dort sitzen
sie in einem Garten. Der Sommertag ist angenehm im Schatten. Weiter vorne liegt der See.
Storn lehnt sich zurück, verschränkt die Arme überm Bauch und sieht weit in die Ferne.
Auf einmal - ohne Grund - wird er furchtbar wütend.
"Scheiß Literaturbetrieb", sagt er.
Herr Adolf und die Schriftstellerin aus Montevideo beachten ihn nicht.
"Scheiß Literaturbetrieb!" sagt er laut und leert das Glas in einem Zug.
Die beiden sehen ihn verwundert an.
"Scheiß Literaturbetrieb!" ruft er in Richtung Kellner. Dieser dreht sich um;
Storn winkt ihn heran. Der Kellner nickt, serviert ein neues Bier.
"Was ist los?" fragt Herr Adolf und runzelt die Stirn.
"Nichts ist los."
"Was ist los mit dir?"
"Ich fahre", sagt er. "Ich fahre zurück nach Wien."
"Was ist los? Du bist doch Favorit!"
Das stimmt: Laut einer apa-Meldung ist Storn der Favorit des ersten Lesetages. Sehr
schön, denkt er und wird noch wütender.
"Und was ist mit den ganzen durchsichtigen Leuten?!" brüllt er. "Was ist
mit dem ganzen Mist hier?!" Auch das stimmt: Vorgestern abend und gestern den ganzen
Tag und auch heute ist nur über Literatur palavert worden. Er muß an Karl Heinz Zizala
denken, den Krebstod und an all die anderen. Storn versteht die Welt nicht mehr. In einem
Vorstadtgastgarten sitzt er mit einem Verleger und diesem hübschen Mädchen hinter ihm,
das kein Wort spricht, und dieser großen, trampelnden Schriftstellerin aus Montevideo.
"Vergiß das Buch", sagt er zum Verleger.
"Was ist los mit ihm?" fragt Herr Adolf das hübsche Mädchen.
Das Mädchen antwortet nicht.
Die Schriftstellerin aus Montevideo sieht in eine andere Richtung. Wahrscheinlich denkt
sie an Montevideo und an ihren Mann in Montevideo. Was mache ich eigentlich hier? Was
mache ich hier in diesem Vorstadtgastgarten in der Provinz?
"Ich muß aufhören mit dem Dreck." Storn trinkt, danach sieht auch er in eine
andere Richtung.
"Wie du glaubst", sagt Herr Adolf. "Dann hörst du eben auf damit. Wir
vergessen das Buch."
Neun Uhr abend
Das Abendessen mit dem Bürgermeister rückt immer näher. Storn hat sich hingelegt für
zwei Stunden, den Wecker im Fernseher gestellt. Er erwacht und öffnet die Minibar.
Diesmal greift er nach einem Piccolo. Den Sekt schüttet er hinunter.
Ich werde nicht hingehen, denkt er. Ich werde überhaupt nichts zu Abend essen, denkt er.
Und dann fällt ihm ein, daß er seit zwei Tagen nichts gegessen hat. Er hat nur getrunken
in der Provinzstadt. Er schaut auf die Uhr am Fernseher. Es ist Zeit, nach unten zu gehen.
Im Café hinter der Rezeption trifft er die Schriftstellerin aus Montevideo. Sie hat sich
fein hergerichtet.
Sie nippt an einem Glas Champagner. Er bestellt Bier.
"Ich werde nicht hingehen", sagt er.
"Wir müssen hingehen", sagt die Schriftstellerin aus Montevideo.
"Wir müssen nirgendwo hingehen."
"Aber - was werden sie von uns denken?"
"Mir ist egal, was sie denken."
"Fahren wir hin", sagt sie.
"Ich fahre nicht hin."
"Bitte, fahren wir hin."
"Ich fahre ganz sicher nicht hin."
"Nehmen wir ein Taxi", sagt sie.
"Nein."
Er winkt die Serviererin an den Tisch und bestellt ein neues Glas Bier. Nach einer Weile
sagt er: "Also gut."
Sie lassen ein Taxi kommen. Es ist halb elf geworden und bereits dunkel. Das Abendessen
war auf zehn Uhr angesetzt. Also sind sie zu spät dran.
Als die Schriftstellerin aus Montevideo aussteigen will, bekommt sie die Wagentür nicht
auf. Storn bezahlt, geht auf die andere Seite und hilft ihr heraus.
Sie betreten das Lokal, sehen sich um. Es ist niemand da, den sie kennen. Sie setzen sich
an einen freien Tisch und warten auf den Kellner.
"Wir sind zu spät dran", bemerkt Storn. Sie trinken Bier.
"Mist", sagt die Schriftstellerin aus Montevideo. "Was werden sie von uns
denken?"
"Das ist uns egal."
"Jetzt ist uns alles egal", sagt sie und bestellt einen gespickten Rehrücken
mit Reis und Gemüse.
Er ist nicht hungrig; er wundert sich darüber. Er beobachtet das Lokal: die Ankommenden
und die, die bezahlt haben und weggehen.
"Der Rehrücken schmeckt miserabel!"
Storn sieht den zerkauten Rehrücken zwischen den Zähnen der Schriftstellerin. Er winkt
den Kellner heran. "Wo ist der Bürgermeister?"
Der Kellner schüttelt den Kopf. "Welcher Bürgermeister?"
"Der Bürgermeister der Provinzstadt."
"Oh - unser Herr Bürgermeister! - Der Herr Bürgermeister sitzt im Sensen-Keller!
Das ist direkt vis-à-vis!"
Im Sensen-Keller ist es bereits dunkel, das hölzerne Tor abgesperrt.
"Mist", sagt die Schriftstellerin aus Montevideo. "Was werden sie von uns
denken?"
"Das ist uns Wurscht. Das ist uns scheißegal."
1. Juli
AUFWACHEN, AUFSTEHEN, MINIBAR, TOILETTE ... Wettlesen im Hotelzimmerfernseher.
Anschließend geht Storn zu Fuß zum Fernseh-Theater, verläuft sich, kauft in einer
Trafik Zigaretten und fragt nach dem Weg.
Er hängt herum wie ein Fetzen im Freien, kauert auf der Mauer, blödelt, soweit das
möglich ist, und trinkt Bier.
Nach einer Weile kommt es ihm so vor, als würden ihn manche Leute meiden.
"Bist du der Agent vom Jäger-Verlag?!" ruft er einem Bengel hinterher, einer
Rotznase. Storn muß laut lachen.
"Hast du die Zeitung gelesen?" fragt ihn der große, bullige Kerl mit der Glatze
und dem gestrickten Wollkäppchen, der neben ihm auf der Mauer lümmelt.
"Zeig her", sagt Storn.
Der Bullige reicht ihm das Provinzblatt. Er deutet auf eine mittelgroße Spalte auf der
Kulturseite. Storn überfliegt die Zeilen, dabei runzelt er die Stirn: In dem Artikel
heißt es, daß er sich nicht gewaschen hat, daß er schlecht riecht.
Am nächsten Tag ist die Preisverleihung.
2. Juli
ER HAT SELTEN SO GUT GESCHLAFEN wie in der Nacht von Samstag auf Sonntag. Storn wechselt
das rote Hemd, das er drei Tage lang getragen hat, gegen die Jeansjacke. Dann packt er die
alte, speckige schweinslederne Schultasche und überreicht den Zimmerschlüssel mit dem
riesengroßen Anhänger dem lächelnden Mädchen an der Rezeption.
"Ich habe Ihre Lesung im Fernsehen gesehen", sagt sie. "Es war
wunderbar!"
Im Café hinter der Rezeption trifft er die Schriftstellerin aus Montevideo. Sie nippt an
einem Glas Champagner. Es ist zehn Uhr vormittag, und sie ist nervöser denn je. Daneben
sitzen eine junge Schriftstellerin aus Berlin und ein Schweizer Autor - der Mann mit Aids.
Der Schweizer sagt, er muß noch einmal hinauf in sein Zimmer und die Koffer herrichten.
Die anderen versprechen, daß sie auf ihn warten werden.
Nach einer Stunde ist er immer noch nicht zurück, und so gehen sie zu dritt los. Die
beiden Schriftstellerinnen haben sich am Vortag Räder ausgeborgt. Sie schieben sie neben
sich her, weil sie Storn nicht alleine lassen wollen. Die Schriftstellerin aus Montevideo
ist derart fahrig, daß sie beinahe über ihr Rad stürzt.
Als erstes stoßen sie auf Herrn Adolf, den Verleger, und das hübsche Mädchen hinter
ihm, das nicht spricht. Sie warten beim Eingang. Auch Herr Adolf scheint nervös. Er hat
sein bestes Sakko angezogen - ein hellbeiges - und den Wuschelkopf in Ordnung gebracht,
soweit das möglich ist.
Storn geht ins Theater-Café und nimmt eine Flasche Bier. Dort trifft er einige Kollegen
und klopft ihnen auf die Schulter. Die meisten sind furchtbar aufgeregt, und die meisten
wollen es sich nicht anmerken lassen. Er tröstet diejenigen, die grob verrissen worden
sind. Manch einer wirkt geknickt, manch einer lächelt gequält.
Die Autoren werden in den Saal gebeten. Der Saal ist gerammelt voll. Die Schriftstellerin
aus Montevideo, Storn, Herr Adolf und das hübsche Mädchen bleiben im Theater-Café
sitzen. Die Schriftstellerin und das Mädchen trinken Champagner, der Verleger Rotwein,
Storn Bier. Sie prosten einander zu.
Gleichzeitig kommt ein wichtiger Mann vom Fernsehen und sagt, sie müssen unbedingt
hinaufgehen und Platz nehmen im Saal. Alle Autoren sitzen oben, erklärt er. Es sind
Sessel reserviert in der ersten Reihe. Ihre Sessel stehen leer.
"Ich bleibe hier", sagt Storn.
Die Schriftstellerin aus Montevideo sagt: "Ich bleibe auch hier."
"Sie bleiben hier sitzen", sagt der Verleger.
Das hübsche Mädchen sagt nichts.
Eine Kamera wird vorgefahren, mit einem eigenen Kameramann. Auf dem Bildschirm begrüßt
der Moderator die Zuschauer und kündigt die Preisverleihung an.
1. Preis.
2. Preis.
Der Kerl, der noch nie etwas veröffentlicht hat, gewinnt den 3. Preis.
Der 4. Preis geht an Madonna.
5. Preis.
6. Preis.
Aus.
Für die beiden nichts dabei.
Der Verleger steht auf und verabschiedet sich. Das hübsche Mädchen sagt ganz leise:
"Servus." Dann sind sie weg.
Eine Weile bleiben die beiden noch sitzen und trinken langsam aus. Sie sprechen nicht. Sie
wirken erleichtert. Die Sache ist gelaufen.
Storn muß an die dunklen Ringe unter den Augen des Verlegers denken und an dessen
geschiedene Frau und die zwei Kinder. Das macht ihn ein wenig traurig.
Um sich abzulenken, redet er mit Wlacic, dem untersetzten Kameramann, der ihn zum Krieg in
Tschetschenien mitnehmen will. Vor zehn Jahren hätte er ja gesagt. Heute sagt er nein.
Anschließend fahren sie gemeinsam im Taxi zu einem Restaurant am See.
Das Fernsehen hat Autoren und Juroren zum Mittagessen eingeladen. Man sitzt auf einer
Terrasse, mit Blick auf den See. Storn sitzt am Kopf der Tafel, mit dem Rücken zum See.
Am anderen Ende thront Eberhard Nähen, der siebte Juror. Es ist eine lange Tafel. Links
und rechts hocken Leute, und Storn überblickt sie alle. Nähen - wenn er ihm ins Gesicht
sieht vis-à-vis - ist genauso froh, daß das Wettlesen vorüber ist. Sie haben alle ihre
Arbeit getan.
Man serviert guten Weißwein in Kübeln mit Eis. Als Vorspeise einen Vogerlsalat mit
Balsamico-Essig. Darunter sind Muscheln gemischt und Krebse und Scheiben gekochter Eier.
Es schmeckt vorzüglich. Storn hat seit drei Tagen nichts Gescheites gegessen; die
Essensmarken hat er vertrunken. Am Samstagnachmittag hat er sich etwas Streichkäse
gekauft, abgepackte Wurst und ein halbes Kilo Brot im Supermarkt um die Ecke vom Hotel,
einige Dosen Bier - wegen dem alten Bier in der Minibar. So hat er auf Nummer 126
gejausnet.
Die zweite Vorspeise ist eine Eierschwammerlcremesuppe.
Fleisch oder Fisch werden als Hauptspeise gereicht. Storn entscheidet sich für Fisch. Als
der Teller vor ihm steht, läuft ihm das Wasser im Mund zusammen. Er weiß nicht, um
welche Art Fisch es sich handelt - aber er schmeckt ausgezeichnet. Er ist gebraten und
wird mit Petersilerdäpfeln und grünem Salat serviert. Weiter vorne - am Anfang der
Terrasse, in Eberhard Nähens Rücken - steht ein großes Aquarium, in das der Koch
hineingreift, um die Fische herauszuholen, bevor er sie erschlägt. Einer der Fische ist
riesengroß und dick und faul. Er liegt die ganze Zeit am Boden auf dem Bauch und bewegt
sein Maul langsam auf und zu.
Das Dessert - eine Schale Eis, drei Kugeln in verschiedenen Farben und ein Batzen
Schlagsahne - lehnt er dankend ab.
Der Zug nach Wien geht gegen vier. Die Schriftstellerin, die Storn Madonna nennt - wegen
der dichten, langen, welligen Haare und weil sie so streng wirkt -, sagt, sie muß
ebenfalls in die Stadt. Die beiden beschließen, gemeinsam zu fahren.
Er verabschiedet sich. Beinahe alle umarmt und küßt er; niemand weicht zurück. Eberhard
Nähen küßt er auf den Hals - einmal links, einmal rechts.
Harri Rauchfuss qualmt einen Schweizer Zigarillo und meint beim Abschied, daß sie - die
Juroren - alle miteinander in Storns nächstem Buch auftauchen werden.
"Das glaube ich kaum. Nein", erwidert Storn.
Ilse Rettich ist braungebrannt und läuft barfuß. Sie war nach dem Essen schwimmen im
See. Außerdem hat sie heute Geburtstag. Storn gratuliert und küßt.
Von Rupert Schindegger und Liselotte Brunften verabschiedet er sich auch - und von Heike
Kürzle besonders herzlich.
Nur Didi Fleck läßt er aus - weil er ihn nicht bemerkt. Später - in Wien - wird es ihm
leid tun. Fleck ist ein sympathischer Kerl.
Danach begibt er sich ins Innere des noblen Restaurants, um am Telefon die exakte
Abfahrtszeit des Zuges zu erfragen. "Zur Sicherheit", sagt er zu Madonna. Die
Chefin überläßt ihm das Handy in ihrem Büro.
Als er wieder auf der Terrasse ist, ist Madonna verschwunden. Der Erdboden hat sie
verschluckt. Er taumelt ein wenig beim Gehen.
"Wo ist Madonna?" fragt er einen Literaturagenten aus Deutschland.
"Sie ist gegangen", erwidert der Deutsche. "Madonna hat sich von allen
verabschiedet, und dann ist sie weggegangen."
Drei Uhr nachmittag
Im Schanigarten des Hotels trifft er den Schweizer Schriftsteller - den Mann mit Aids. Er
erzählt Storn, daß er sich aufs Bett gelegt hat, eingeschlafen ist und somit die
Preisverleihung versäumt hat. Er ist von allen sieben Juroren in der Luft zerrissen
worden wie ein Fetzen Papier.
Nach seiner Lesung - ein Text über einen todkranken Jungen, der erst seit 300 Tagen
schreibt - hat er Storn auf sein Zimmer mitgenommen. Der Schweizer ist schwul. Er hat ein
großes Stück Cannabisharz aus dem Hosensack gepackt und eine dicke Zigarette gedreht.
Danach hat er sich mit den Schuhen aufs Bett gelegt, die Arme im Nacken und die Beine an
den Knöcheln überkreuzt.
Storn hat versucht, ihn zu trösten.
"Ich habe meinen Vater angerufen", hat der Schweizer gesagt. "Er hat
gemeint, da ist einer gewesen, der hat gesoffen und geraucht während der Lesung! Warum
ich das nicht gemacht habe, hat er mich gefragt!"
"Ach was", hat Storn erwidert. "Schenkst du mir ein Bier aus deiner
Minibar?"
Der Schweizer hat genickt.
"Ist es alt?"
"Was - alt?"
"Ist es abgelaufen?"
"Ich weiß es nicht. Nimm dir eins, und sieh nach." Die Stimme hat traurig
geklungen.
Storn ist aufgestanden und hat die Minibar geöffnet. Das Bier war nicht alt. Er hat sich
wieder gesetzt. Er hat getrunken, und dann haben sie eine zweite dicke Zigarette mit
Cannabisharz geraucht.
Als er das halbe Bier geleert hat, ist ihm plötzlich schlecht geworden. Er hat einen
großen Schluck genommen und heftig würgen müssen. Der Dreck ist im Magen geblieben. Er
ist aufgestanden, hat sich bedankt, sich verabschiedet und ist zur Tür hinausgestürzt.
Den Gang entlang, den Atem anhalten und schlucken!
132, 131, 130, 129, 128, 127 ... 126. Er hat die Tür aufgesperrt, hat sie offengelassen,
ist ins Badezimmer gerannt und hat gekotzt.
Es war nur Flüssigkeit.
Drei Viertel vier
Storn bezahlt, küßt den Mann mit Aids, nimmt die alte, speckige schweinslederne
Schultasche und ein Taxi Richtung Bahnhof. Die Rückfahrkarte steckt in seiner
Jackentasche.
Es ist der Bahnsteig 2. Er sieht die gelbe Leuchtschrift auf der schwarzen Tafel:
Wien-Süd.
Als er auf den Perron tritt, ist es kurz nach vier. Der Lautsprecher knattert. Sein Zug
wird ausgerufen.
Plötzlich fühlt er jemanden im Rücken. Storn dreht sich um. Dort steht Herr Adolf - und
hinter ihm das hübsche Mädchen, das nicht spricht.
"Paß gut auf sie auf", sagt der Verleger.
Rezension I Buchbestellung I home III01 LYRIKwelt © Edition Selene