Aris Alexandrou

Freitag 27. September 1949
(aus: Die Kiste, Roman, 2001, Kunstmann - Übertragung Gerhard Blümlein)

Genosse Untersuchungsrichter, zu allererst möchte ich Ihnen meinen Dank aussprechen, daß Sie mir Papier, Tinte und den Federhalter haben zukommen lassen. Mit Ihrer Verfahrensweise bin ich absolut einverstanden, weil ich so in Ruhe die Ereignisse niederschreiben kann. Da brauche ich keine Angst zu haben, Sie könnten mich unterbrechen, mir Fragen stellen, da habe ich also eigentlich auch nicht das Gefühl, ich befände mich in Haft und müßte mich rechtfertigen, denn es ist natürlich augenscheinlich, daß es sich um ein Mißverständnis handelt.

Als Sie mich so unerwartet in Untersuchungshaft nahmen – ich darf sagen, daß ich allen Grund hatte zu glauben, meine dritte Auszeichnung zu bekommen –, als ich mich also in dieser Zelle wiederfand, war meine einzige Hoffnung, die Gelegenheit zu erhalten, mein Verhalten zu erklären oder wenigstens zu verteidigen, vorausgesetzt, es würde eine förmliche Anklage gegen mich erhoben.

Jedesmal, wenn man mich schnappte (Sie wissen sicher, daß ich zweimal verhaftet wurde –einmal während der deutschen Besatzung, wo ich entkommen konnte, und 1947, als ich nach Ikaria verbannt wurde), dachte ich als erstes daran, was ich den Spitzeln antworten würde, und versuchte, mir alle ihre möglichen Fragen durch den Kopf gehen zu lassen. Die Antworten hatte ich schon parat, bevor wir zu einer Polizeistation oder der Sicherheitspolizei kamen. Aber jetzt ist nicht mein Problem, was ich auf irgendwelche Fragen zu antworten habe (ich habe ein reines Gewissen, und kein Verhör kann mich erschüttern, das heißt ich antworte auf alles, ohne etwas zu verbergen) – mein Problem ist es, oder war es vielmehr, solange ich nichts zum Schreiben hatte: Wie kann ich sprechen, wie gehört und verstanden werden?

(...)

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