Das botanische Schauspiel von Anita Albus, 2007, S. Fischer

Anita Albus

Das botanische Schauspiel
(Leseprobe aus: Das botanische Schauspiel, 2007, S. Fischer)

Dem scharfkantigen, in eine Spitze auslaufenden starren Blattwerk
hoher Irisarten verdanken die Schwertlilien ihren Namen und den
Nimbus der Kühnheit. Schon im alten Ägypten dienten sie den Pharaonen
als Siegesemblem. Fleur-de-lis, »Lilienblüte« heißt die stilisierte
Iris in der Wappenkunde.* Als Zier eines Zepters und als Kronenornament
kommt sie in Europa bereits im 5. Jahrhundert vor. Sechshundert
Jahre später taucht sie im Siegel des französischen Königs Philipp I. auf.
Unter Louis VII. beginnt ihre Streumuster- und Wappenzeit. In Gold
auf azurblaue Seide gestickt, zierte sie die Dalmatika und die Schuhe von
Philipp II. bei seiner Krönung 118o in Reims. Fortan sollte sie, solange
es Könige in Frankreich gab, in diesem Land alles Fürstliche schmücken,
ob Krone, Zepter oder Dalmatika, ob Siegel,Wappen oder Banner, ob
Wappenröcke der Herolde, Harnische der Fürsten oder Tausendblumenteppiche
des Guten Herzogs von Burgund.
Eher listig als kühn mutet die kleine Iris graminea an, wenn sie im
späten Frühjahr ihre nach frischen Pflaumen duftenden Blüten zwischen
dem sie überragenden grasartigen Laub verbirgt. In Regenbogenfarben
schillernd, hat sie den Namen der Götterbotin Iris wohl verdient. Unter
der Schirmherrschaft der Kaiserin Josephine hat Redouté die kleine
Iris aus der vermeintlichen Lilienfamilie als eine von 468 Lilienblütigen
aus den Gärten von Malmaison, Versailles, Saint-Cloud und Sèvres
für die Prachtbände seiner Liliacees mit Wasserfarben aufs Pergament
gezaubert.
* Noch im 17. Jahrhundert wurde die Iris in Italien Giglio genannt. Iris susiana
in Frankreich lis noir, Iris germanica auch lis sauvage. Die Gleichsetzung von Lilie
und Iris hat in der Heraldik einige Verwirrung gestiftet. Eindeutig zeigt das Siegel
von Louis VIII. den König mit einem fleur-de-lis-Zepter und einer Iris in der Hand.
Vgl. A.C. Fox-Davies, A complete Guide to Heraldry, NewYork 1978, S. 274.
Zweihundert Jahre früher blühte die grasblättrige Schwertlilie in
Eichstätt im Garten des kunstsinnigen Fürstbischofs Johann Conrad von
Gemmingen. Dieser war während seiner Studienzeit von 1584 bis 1591
durch Frankreich und Italien gereist, von Universität zu Universität,
von Hof zu Hof, von Garten zu Garten. Nach Eichstätt zurückgekehrt
und 1595 mit dem Bischofsamt belehnt, ließ der Blumenliebhaber seine
Residenz, die Willibaldsburg auf dem Berg, umbauen und zu ihren
Füßen acht weite Gärten anlegen, »welche alle unterschiedlich von Ländern,
von partimenti von Blumenwerk, sonderlich von schönen Rosen,
Lilien, Tulpen geziert sind«. Die Schönheit der Gewächse zu verewigen,
beauftragte Johann Conrad den Nürnberger Apotheker und Raritätensammler
Basilius Besler, sie nach dem Leben »abconterfetten«, in Kupfer
stechen, drucken und kolorieren zu lassen. So entstand das große Barock-
Florilegium Hortus Eichstettensis, das auf 367Tafeln 1o84 Pflanzendarstellungen
umfaßt. Als es 1613 in dreihundert Exemplaren erschien, war
Johann Conrad bereits verschieden. Die kolorierten Exemplare des
Tafelwerks kosteten 5oo Gulden, die unkolorierten waren für 35 Gulden
zu haben. Nach Jahreszeiten geordnet, kommt die Pflaumeniris in der
»fünften Ordnung des Frühlings« unter dem Namen Chamaeiris angustifolijs
minor vor. In Beslers Nase verströmte die »Klein blaue Schwerti«
einen quittenähnlichen Duft.
Gehen wir auf der Suche nach unserer kleinen Iris noch weitere sechzehn
Jahre in der Geschichte zurück, begegnen wir wieder dem listigen
Gärtner John Gerarde, der die Pflanze in England einführt und als Chamaeiris
tenuifolia in sein »Herball« von 1597 aufnimmt. »Grass-leaved flag«
ist ihr englischer Name.
Aus welchem Garten die Grasblättrige stammte, die dem niederländischen
Miniaturisten Joris Hoefnagel als Vorbild für seine Vorlagensammlung
diente, ist nicht überliefert. 1592 hat der neunzehnjährige Jacob
Hoefnagel die kleine Iris aus dem väterlichen Musterbuch für sein emblematisches
Werk Archetypa studiaque patris Georgii Hoefnagelii abgekupfert.
Sinnsprüche erläutern auf jeder Tafel die Darstellung von allerlei Blu-
men, Früchten und kleinem Getier. Auf zwei Tafeln ist die Pflaumeniris
mit von der Partie. Dem Raupenfraß preisgegeben, illustriert sie auf der
einen den Sinnspruch: »Mit Freundschaften soll man nicht umgehen wie
mit Blümchen, die lieblich sind, so lange, wie sie frisch sind.«
Seit 1591 lebte die Familie Hoefnagel in Frankfurt am Main. Der
Gärten gab es dort viele. Die seltensten Pflanzen wurden in dem des
Botanikers Carolus Clusius gezogen. Kein Forscher des 16. Jahrhunderts
hat so viele neue Pflanzenarten entdeckt wie der aus den südlichen
Niederlanden stammende Charles de l’Ecluse, keiner vermochte so genaue
Beschreibungen ihrer Standorte, ihrer morphologischen und
physiologischen Eigenschaften zu geben und keiner hat so viele fremdländische
Gewächse in unseren Gärten heimisch gemacht. Marie de
Brimeu, Prinzessin von Chimay und Herzogin von Aarschot, mit der
Clusius über Jahrzehnte korrespondierte, nannte ihn »le père de tous les
beaux jardins de ce pays«. Prinz Emmanuel von Portugal wandte sich an
ihn »comme au vray monarch des fleurs«. In dieser Weise in ganz Europa
gefeiert und gerühmt, nimmt es nicht wunder, daß Clusius beim Tode
seines Vaters nicht dessen Adelstitel übernahm, sondern seinen Namen
latinisierte.
Der wache Geist und die pflanzenbeflissene Seele des guten Clusius
wohnten in einem zerbrechlichen Leib. Als er 1564 /65 die iberische
Halbinsel von den Pyrenäen bis Gibraltar, von Lissabon bis Valencia
botanisierend durchstreifte, brach er sich im ersten Jahr bei einem Sturz
vom Pferd den rechten Arm; im folgenden Jahr brach er sich auf dem
Weg nach Gibraltar den rechten Fuß, als er an einem Fels eine unbekannte
Pflanze aus der Erde zog. Bei welcher Exkursion er sich während
seiner Wiener Zeit, in der er zum Studium der alpinen Flora den Ötscher
und den Schneeberg bestieg, den linken Unterschenkel brach und auf
welche Weise er sich bei der Rückkehr aus England nach Wien in einem
Dampfbad eine Beinverletzung zuzog, ist nicht überliefert. In Frankfurt
schließlich verrenkte er sich die rechte Hüfte und mußte fortan mit
Krücken gehen. In den Jahren nach seiner Spanien- und Portugalreise,
die er in Brügge, Mecheln und Antwerpen verbrachte, war er mehrmals
schwerkrank, was ihn nicht hinderte, unermüdlich weiterzuwirken. Er
entwarf eine Wandkarte der iberischen Halbinsel, die sein Freund Ortelius
in seinen Weltatlas aufnahm, gab die aus Spanien mitgebrachten
Briefe eines Brabanter Philosophen und Linguisten heraus, übersetzte
diverse Werke über west- und ostindische Medizinalpflanzen aus dem
Spanischen und Portugiesischen ins Lateinische, zog die mitgebrachten
Pflanzen im jeweiligen Garten und arbeitete an seiner Spanischen Flora.
Über zweihundert völlig unbekannte Pflanzen hatte er auf seiner schmerzensreichen
Reise entdeckt. »Ich habe bemerkt, daß in Spanien viele
fremdartige und sehr schöne Gewächse vorkommen, die jedoch von den
Spaniern leider nicht beachtet werden«, schreibt er seinem Freund Crato
von Crafftheim, der damals Erster Leibarzt von Kaiser Maximilian II.
war.* In Mecheln kultivierte Clusius die aus Spanien mitgebrachten
Pflanzen in dem großen Garten seines Freundes Jean de Brancion, bei
dem er auch wohnte. Daß sein grundlegendes Werk über die Flora Spaniens
und Portugals erst 1576 in der Offizin seines Freundes Christoph
Plantin in Antwerpen erscheinen konnte, ist dem Verwüstungskrieg
anzulasten, den Spanien gegen die Niederlande führte. 228 ganzseitige
Pflanzenbilder illustrieren die Kleinoktavbände der Rariorum aliquot
stirpium per Hispanias observatarum Historia. Die naturgetreuen Zeichnungen,
die den Holzschnitten zugrundelagen, sind zum Teil nach Skizzen
entstanden, die Clusius selbst mit Rotstift und Kohle angefertigt hat.
Als das kleine Buch in den Handel kam, war Clusius seit drei Jahren
Präfekt der kaiserlichen Gärten in Wien. »1573 berief ihn seine Majestät
Maximilian II. nach Wien und nahm ihn als Mitglied seines Hofes auf«,
schreibt er in seinem 1588 lateinisch verfaßten Lebenslauf. »Nach dessen
Tode diente er noch acht Monate lang seinem Nachfolger, dem Kaiser
Rudolph II. Nachdem er entlassen wurde, verweilte er hier auf eigene
Kosten bis 1588, weil er sah, daß der Bürgerkrieg in seiner Heimat nicht
so bald aufhört. Inzwischen unternahm er mehrere Reisen nach Ungarn,
Deutschland und England. Schließlich kam er im September nach
Frankfurt am Main und es besteht Aussicht, mit Hilfe des gütigen Gottes
hier längere Zeit verweilen zu können.«*
Ein Jahr später schrieb er seinem Freund Lipsius, so hinfällig wie er
sich fühle, wolle er nur so lange in Frankfurt bleiben, bis seine gesammelten
Werke druckfertig seien. Tatsächlich blieb er fünf Jahre, züchtete
und hegte die Pflanzen seines Gartens, übersetzte ein Schiffsjournal der
Virginia-Reise von Sir Walter Raleigh ins Lateinische, schrieb an seiner
Rariorum plantarum Historia, dem ersten Band seiner Opera omnia, korrespondierte
mit Gott und der Welt, verschickte und empfing Blumensamen
und -zwiebeln, und entwarf Parterre-Ornamente für den Garten
von Marie de Brimeu, die seine Entwürfe als reiche Teppiche pries, die das
gewobene Werk aus Goldgarn und Seide überträfen, so daß die Natur
die Kunst besiege.
In seine Arbeit vertieft, beklagte Clusius die vielen Blumenliebhaber,
die zur Messezeit in seinen Garten einfielen. Wenn er ihnen nicht auf die
Finger sah, pflückten sie seine schönsten Blüten, so daß er um die Samenbildung
betrogen war. Nicht genug damit, stahlen ihm andere sogar
Tulpenzwiebeln.
Seine gesammelten Werke waren noch nicht druckfertig, als Clusius
im Oktober 1593 einem Ruf an die Universität Leiden folgte. Unterrichten
konnte er da nicht mehr, denn im April war er in seinem Haus
die Treppe hinuntergefallen und hatte sich das rechte Hüftbein verrenkt.
»Ich fürchte, daß ich die Reise (nach Leiden) als Krüppel antreten muß«,
schrieb er seinem »liebsten« Ortelius, »denn ich kann keinen Schritt
tun ohne mich auf zwei Stöcke zu stützen. Vergeblich habe ich alle
Heilmittel ausprobiert, sogar Bäder.«** Auch das Stehen fiel ihm nun
schwer. Dennoch hat sich die Universität nicht nur mit seinem Namen
geschmückt. Der erste rein botanische Garten, der auf dem Universitätsgelände
unter seiner Anleitung entstand, profitierte von seinen weltweiten
Kontakten. Was immer die Freunde waren, mit denen Clusius
in Verbindung stand, ob Maler oder Mathematiker, Historiker oder
Musiker, Philosophen oder Dichter, Kosmographen oder Buchdrucker,
Aristokraten oder Geistliche, Gartenliebhaber und eifrige Sammler
seltener Pflanzen waren sie allemal, und selbstverständlich tauschten sie
Samen, Knollen, Zwiebeln untereinander aus. War er einst, als ihn
die Neugier trieb, zu sehen, welche Pflanzen Francis Drake von seiner
dreijährigen Weltumseglung mitgebracht hatte, von Wien nach England
gereist, schrieb er nun den Apothekern und Chirurgen der ausfahrenden
Schiffe, mit welchen Pflanzen, Samen, Früchten und Wurzeln sie
ihm und der Universität Leiden einen Dienst erweisen könnten. So
bereicherte er den Hortus Academicus mit einer Vielfalt von Blumen
aller Länder. Zu den 29 Arten der ungarisch-österreichischen Flora,
die er beisteuerte, gehörte auch die Pflaumeniris. Aus dem Inventar von
16oo geht hervor, daß er dem Garten außerdem eine Kollektion Tulpen
schenkte. Angeblich wurden die Zwiebeln dieser kostbarsten aller
Blumen der Zeit von Dieben in einer Nacht ausgegraben und auf die
Provinzen der Niederlande verteilt. Seither gilt Clusius als Begründer
von Tulpenzucht und -handel.
Die erste Tulpenzwiebel aus dem Morgenland verdankte Clusius seinem
Landsmann Ogier Ghislain de Busbecq, der sie ihm nach Mecheln
schickte, Busbecq verbrachte als Gesandter Kaiser Ferdinands I. sieben
Jahre am Hofe Suleiman des Prächtigen in Konstantinopel. In seinen
Reisebriefen hat er als Erster einen Tulipan beschrieben, wie man die
Blume urspünglich nannte. Tulpe und Tulipan leitet sich aus dem türkischen
tülbent, »Turban« ab, dem Sinnbild der Herrscherwürde des
Sultans.
Als Clusius nach Wien kam, stand ihm der ganze Tulpenschatz zur
Verfügung, den Busbecq mit vielen anderen Pflanzen aus dem Osmanen-
reich mitgebracht hatte: über 15oo Tulpensamen und -zwiebeln. Auch
Narzissen, Hyazinthen, Kaiserkronen und andere Fritillarien, Lilien,
Ranunkeln, Aurikeln und der Flieder gelangten über Wien in die Gärten
Europas. In Wien hat Clusius die erste Roßkastanie angepflanzt und
als Zierblume die erste Kartoffel, die er Papas Peruvianorum nannte, denn
über Spanien kamen auch die ersten amerikanischen Gewächse nach
Wien.
Die Wiener Jahre als Präfekt der kaiserlichen Gärten scheinen für
Clusius die glücklichsten gewesen zu sein. Flora schüttete ihr Blumenfüllhorn
über ihn aus, um Geld mußte er sich endlich nicht mehr sorgen,
und unter den illustren Humanisten, die Maximilian II. an den Hof zu
binden verstand, waren etliche alte Freunde. So auch Rembertus Dodonaeus,
den er noch aus Mecheln kannte und dessen flämisch verfaßtes
Kräuterbuch er 1557 ins Französische übersetzt hatte. Die um »viele Figuren
vermehrte« zweite Ausgabe des Cruydeboeck von 1563 enthält die erste
Darstellung und Beschreibung der Pflaumeniris.
Von Rudolph II. aus Glaubensgründen seines Amtes enthoben, blieb
Clusius in Wien, um seine Erforschung der Flora Österreichs, Westungarns
und Kroatiens fortzusetzen. 1583 erschien seine Rariorum aliquot
stirpium per Pannoniam Austriam et vicinas quasdam provincias observatarum
Historia mit 356 Holzschnitten bei Plantin in Antwerpen. Die Pflaumeniris
kommt darin ohne Abbildung als letzte von zwölf Iris-Arten unter
dem Namen Iris angustifolia minor vor:
»Die letzte schmalblättrige wächst hier überall auf den Wiesen des
am Fuße der Berge gelegenen Wiener Landes, wie etwa bei Medeling,
Gumpostkirche und den Badischen Thermen: und sie unterscheidet sich
nicht von denjenigen, die der Hochberühmte Dodonaeus Chamaeiris genannt
hat, und die schon seit vielen Jahren in begischen Gärten gezogen
wird, zeitig die Blüte hervorbringend und den Duft des armenischen
Apfels verströmend. Unser Lobelius nennt sie in seinen Beobachtungen
der Stauden schmächtige wildwachsende schmalblättrige Iris. Es scheint
ihrer jedoch zwei unterschiedliche zu geben, denn eine gewinnt zuweilen
einen fußlangen Stengel und bringt daran oftmals zwei oder drei Blüten
hervor, dann mit scharfen Ecken versehene Kapseln oder Schoten, diese
ist auf den Wiesen hier die gewöhnlichere: der Stengel der anderen übertrifft
kaum je eine dreiviertelfuß Länge und bringt großenteils nur eine
Blüte hervor: Beider dünne Wurzel ist schwarz und zäh.«*
In Clusius’ Nase dufteten die Blüten der kleinen Wieseniris nach
Armeniaci mali, wie man seinerzeit die Aprikosen nannte.
Als ursprüngliche Wiesenpflanze gedeiht die Pflaumeniris in humosem,
zeitweilig feuchtem Gartenboden auch in halb-schattiger Lage. Ihre dichten,
rasigen Horste sind mit ihren duftenden Blüten im Rabattenrand
eine Augen- und Nasenweide.
* Carolus Clusius, Rariorum aliquot stirpium, per Pannoniam, Austriam ...,
Antwerpen 1583, S. 255.

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