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Caracol
Beach
(Leseprobe aus:
Caracol Beach, Roman, 2000,
dtv - Übertragung Lutz Kilche).
Der Soldat dachte gerade, daß
Agustin Marquetti aus Havanna, der First-Base-Spieler der Mannschaft von
Industriales, ein hervorragender vierter Schlagmann jedes beliebigen Teams der
Big Leagues der USA hätte werden können, als ihm ein Ford mit texanischen
Nummernschildern die einzige freie Lücke auf dem Parkplatz vor dem »Bastilleo«
wegnahm, was er als deutliches Vorzeichen nahender Tragödien wertete. Er
stellte den Oldsmobile vor einem Bauplatz ab und ging übelgelaunt auf die
Eingangstür zu.
Der Fahrer des Ford mit den Nummernschildern aus Texas war ein fetter Cowboy mit
einem Gesicht wie ein Halloween Kürbis und so schlechten Manieren, daß er ihm
nicht einmal dafür dankte, ihm nicht auf der Stelle mit einem der dort auf der
Baustelle gestapelten Furniereisen den Schädel eingeschlagen zu haben, wie es
die erste Regung des Soldaten gewesen war. Er ignorierte ihn. Für ein Weilchen.
»Glück gehabt, du Scheißkerl!«
In der Bar war wenig los. Das »La Bastille« war eine der übelsten Kneipen von
Caracol Beach, ein armseliges Loch, das von den Underdogs des Badeortes
frequentiert wurde, den reinsten Vogelscheuchen, dem einen oder anderen
schillernden Transvestiten und vier oder fünf ehemaligen Söldnern, die
samstags herkamen, um sich die Leber mit einem Gin zu bombardieren, der eher die
Qualität von billigem Rasierwasser hatte, und ihre Herzen hinter ihren
Frustrationen zu verbarrikadieren.
»Hallo, Zack«, begrüßte er den Barkeeper.
»Wir haben dich schon vermißt, Leutnant. Seit du nicht mehr für uns
arbeitest, kommst du kaum noch her.«
»So ist das eben, Zack.«
Als der Soldat dank der Unterstützung einer Vereinigung ehemaliger
Kriegsteilnehmer nach Caracol Beach gezogen war, hatte ihm Madame Brigitte
Duhamel, Zacks Mutter, in ihrem Restaurant am Strand Arbeit angeboten. Dafür,
daß er beim Bedienen half, durfte er abends in der Küche essen, wo man einen
herrlichen Rotbarsch mit Knoblauch briet, und man ließ ihn in einem Verschlag
hinter dem Lager hausen. Nach vierzehn Jahren gab er den Job auf, weil er eine
Fischallergie bekam, doch war der Soldat den Haitianern auf ewig dankbar dafür,
daß sie ihm in den schweren Zeiten seines Kreuzwegs zu essen und ein Dach über
dem Kopf gegeben hatten.
»Was trinkst du heute, Leutnant?«
»Das gleiche Rattengift wie immer. Wie geht's Brigitte?«
»Geht so, die wird hundert Jahre alt.«
»Das war vielleicht ein Guß heute, was Zack!«
Der Soldat verschanzte sich neben der Registrierkasse. Er trank nie mehr als ein
Bier. Als er in Lissabon im Irrenhaus gewesen war, hatte man ihm Tabletten
verschrieben, um seine Nerven k.o. zu schlagen, und er hielt sich streng an
diese ärztliche Vorschrift. Andere Ratschläge mochte er in den Wind schlagen,
wie den, alle sechs Monate in eine psychiatrische Klinik zu gehen und sich einer
neurologischen Untersuchung zu unterziehen, doch seine Tabletten nahm er immer,
auch in den schlimmsten Krisenzeiten, wenn der Bengaltiger von seiner
Wolkenwiese auf den Schrottplatz heruntergesegelt kam. Im »Bastillec« fühlte
er sich wohl, weil sich in diesem Affenstall niemand von einem unheilbar Irren
stören ließ. Er rückte sich die Pistole am Gürtel zurecht und zündete sich
eine Camel an. Das Nikotin beruhigte das Kitzeln seines Zahnfleisches. »Die
Musik ist abscheulich«, dachte er.
Die Musik war abscheulich. Texmex-Musik konnte ihn wahnsinnig machen, und der
Hundesohn von einem Cowboy mit seinem Halloween-Kürbiskopf hörte nicht auf,
immer neue Platten mit dieser Musik an der Musikbox zu wählen, um damit und mit
Gin-Drinks einen schlanken, blondgefärbten Transvestiten anzumachen, der im
Lokal umherflatterte wie ein Schmetterling in einem Mondkrater. Im Aufzug des
zarten Schmetterlings gab es ein beunruhigendes Detail. Dies waren nicht die
roten Stiefel mit den schmalen Absätzen, die die sorgfältig enthaarten Beine
noch besser zur Geltung brachten, noch der lederne Minirock, der die Beine bis
kurz unterhalb der Hoden hochzog; viel weniger noch der platinfarbene Gürtel,
der die Taille einschnürte, noch die Satinbluse mit dem Rückendekollete, noch
die Wattekissen, die die Brüste schwellen ließen, noch die glitzernden
Ohrringe, und auch nicht die falschen Wimpern, die so übertrieben lang waren,
das sie schon als Teil der Verkleidung bezeichnet werden konnten. Das Gewagteste
an ihm war ein unschuldiges, unpassendes, beinahe unzeitgemäßes Stück: eine
breite Schleife, die sein Haar zusammenhielt wie bei einer Klosterschülerin.
Eine blau-weiß-rote Schleife. Eine Provokation. Der Soldat meinte, bei dem
Transvestiten eine Abneigung gegenüber dem Dicken aus dem Ford zu bemerken. Der
Schmetterling wußte nicht, wo er seine Hände lassen sollte, immerzu rieb er
sie gegeneinander. Er nahm sich die Schleife ab und steckte sie wieder auf, eine
unnötige Handlung, die seine wachsende Nervosität verriet. Etwas störte ihn
an dem Texaner. Vielleicht die obszöne Art, wie er ihm mit spitzem Mund Küsse
zuwarf, oder die vulgäre Weise, sich dauernd grundlos an den Hosenschlitz zu
fassen. Auf jeden Fall brachte das für den Schwulen mit der Haarschleife
langsam das Faß zum Überlaufen, und das lag nicht am Gin.
»Du Schwein«, sagte der Schmetterling und hängte die Schleife an eine
Stuhllehne. »Mach's doch mit deiner Großmutter. «
»Ah, ziert sich wohl ein bißchen, die Kleine«, meinte der Texaner. Der Soldat
schluckte seinen Speichel hinunter und erwog, die Situation für sich zu nutzen:
den Cowboy zum Mörder zu machen. Dieser Hundesohn konnte ein guter Kandidat
sein. Er mußte einen Zwischenfall provozieren. Ihm einen Grund geben. Ihn in
den Krieg ziehen, zur Mobilmachung zwingen. Ihn auf kleiner Flamme weichkochen.
Ihm vielleicht den Transvestiten ausspannen. Ihm schlicht und einfach den Abend
zur Hölle machen, bis er ihn aus Selbstverteidigung umbrachte. Dann käme der
Texaner sicher bald wieder auf freien Fuß. Nicht einmal der schlechteste
Pflichtanwalt konnte einen so leichten Fall verlieren. Zun zun zun, zun
zundambae, hübsches Vögelchen der Morgenröte!
Verdammt noch mal, ich krieg' das Lied nicht mehr aus dem Kopf! Zum Teufel mit
dem hübschen Vögelchen!
Der schlanke, zarte Schmetterling tanzte überaus sinnlich mitten auf der Tanzfläche.
Sein schlangengleicher Körper brach sich in den Lichtsplittern, die die
winzigen Spiegel der Kugel über der Tanzfläche ausstrahlten. Die Mähne wogte
in der Luft. Die Tanzbewegungen paßten nicht zur Musik, sondern folgten einer
inneren Melodie, in perfekter Harmonie mit dem Lied des Vögelchens der Morgenröte,
das der tätowierte Irre nicht mehr aus seinem Kopf vertreiben konnte. Zun zun
zun, zun zundambae hübsches Vögelchen der Morgenröte! Der Transvestit begann
sanft die Arme zu bewegen und beschleunigte gleichzeitig seine Tanzschritte, bis
er plötzlich die Tanzfläche verließ, die Haarschleife von der Stuhllehne
nahm, sich den Haarschweif über die Schulter warf, an die Theke trat und Zack
um ein Glas Milch bat.
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