Palermo sehen und sterben von Roberto Alajmo, 2007, Hanser

Roberto Alajmo

Palermo sehen und sterben
(Leseprobe aus: Palermo sehen und sterben, Reisebuch, 2007, Hanser - Übertragung
Karin Krieger).

Es gibt auch eine breite Palette öffentlicher Geschmacksproben, und an jeder läßt sich ein typischer Wesenszug der Stadt erkennen. Geh hinaus, und sei es auch nur, um einen Kaffee zu trinken. Womöglich genügt das ja, um den Bann zu brechen, der dich zurückhält. Du weißt, daß der Kaffee in Süditalien eine große gemeinschaftsstiftende Bedeutung hat. Er gehört zu einer hochwichtigen Geschmacksrubrik. Es gibt hier einen wahren Kaffeekult, der sich jedoch wesentlich von dem neapolitanischen unterscheidet.

In Neapel ist das Kaffeetrinken eine fröhlich nach außen gelebte Zeremonie, in unserer Stadt ähnelt es einer rituellen Bußübung. Hier trinkt man Kaffee, weil es sein muß, und selbst wenn das eine Arbeitspause ist, handelt es sich doch um eine notwendige Pause. Wir sagen: Ich muß einen Kaffee trinken. Dieser Satz verdeutlicht den Zwang, dem man unterliegt. Der Kaffee kann mit der unentbehrlichen Dosis für einen Drogensüchtigen verglichen werden.

Diese Unterschiede sind bezeichnend und helfen, die Ungleichheit zweier Städte zu verstehen, die oft und zu Unrecht in einen Topf geworfen werden. Denn so, wie sich Neapel nach außen wendet, so wendet sich unsere Stadt nach innen. Nehmen wir ein Beispiel: In den Kirchen der Stadt beten alle – beziehungsweise überwiegend die Frauen, weil die Männer nur sonntags in die Kirche gehen – in einer kauernden Haltung, die schon für sich ein Akt der Buße ist. In Neapel dagegen verharren Männer und Frauen würdevoll kniend oder auch stehend vor den Heiligenstatuen, mit weit geöffneten Armen und nach oben gerichteten Handflächen, so daß sie möglichst mit der gesamten Körperfläche eine Antenne für den besseren Empfang der göttlichen Gnade bilden.

Doch zurück zu deinem Besuch in der Kaffeebar: Du mußt wissen, daß der Kaffee in der Stadt als Konzentrat ausgeschenkt wird. Die Menge in der Tasse darf einen Fingerbreit nicht übersteigen, und noch besser ist es, wenn es sich dabei um den kleinen Finger handelt. Wenn der Gast keine näheren Angaben macht – und oft selbst dann, wenn er nähere Angaben macht –, erscheint ein hochdosierter Adrenalinextrakt auf dem Tresen. Die kanonische Konzentriertheit schließt nicht aus, daß der Gast nicht auch seinen persönlichen Wünschen freien Lauf lassen darf. Der Kaffee kann nämlich folgendermaßen serviert werden: noch stärker (!), gestreckt, heiß, kalt, kalt mit granuliertem Eis, kalt ohne Zucker, mit Alkohol, mit wenig Milch, mit wenig heißer Milch, mit wenig kalter Milch, mit wenig Milch extra, ohne Koffein, mit Süßstoff, mit Rohrzucker, als Cappuccino, als Cappuccino mit Kaffee extra, als heißer Milchkaffee, als kalter Milchkaffee, in einer großen Tasse, in einer Plastiktasse, in der Flasche zum Mitnehmen und mit Zucker, in der Flasche zum Mitnehmen ohne Zucker und ad libitum in vielen anderen Varianten.

Wie schon Enzensberger sagte, steht dieser offensichtlichen, übrigens typisch italienischen Wunschfreiheit eine grundlegende Vereinheitlichung des Geschmacks gegenüber. Der Barmann wird nämlich unabhängig von der Bestellung in jedem Fall das servieren, was ihm in bezug auf Temperatur, Menge und Geschmack am meisten zusagt.

Jeder Einwohner der Stadt hat seinen Lieblingskaffee und ein Lokal, wo er ihm genau so zubereitet wird, wie er, und nur er, ihn mag. Dieser Anspruch auf Originalität hat eine sehr breitgefächerte Phänomenologie. Ein Kennzeichen ist, beispielsweise, der Anspruch, den Namen von Dingen und Orten zu ändern und sie so dem eigenen Geschmack anzupassen. Wir haben das bereits bei Santa Maria dei Naufragati gesehen, wo aus den Schiffbrüchigen kurzerhand Ertrunkene werden. Ein weiteres Beispiel: Da der Name Sant’Agostino für die schöne Kirche im Stadtviertel Capo als nicht angemessen erachtet wird, wurde sie nach dem Gutdünken der Anwohner in Santa Rita umbenannt. Dieser Hang zu einer privaten Namensgebung läßt sich an etlichen Ortsbezeichnungen der Stadt ablesen. Die gemeinhin Politeama genannte Piazza besteht eigentlich aus zwei verkannten benachbarten Plätzen, der Piazza Castelnuovo und der Piazza Ruggiero Settimo. Die Piazza Mordini wird zur Piazza Croci. Die Piazza Verdi ist für alle die Piazza Massimo. Die Piazza Giulio Cesare ist La Stazione, ohne Piazza. Und aus der Piazza Vittorio Veneto wurde schlichtweg La Statua, die Statue.

Daraus ergeben sich Dialoge, die für einen Fremdling surrealistisch anmuten können:

»Wo wohnst du?«

»An der Statue.«

Wo man die Siegesstatue übrigens fast nicht sieht, da sie weit oben auf einem Obelisk prangt. Doch wenn die Einwohner der Stadt den Dingen neue Namen geben, so ist das für sie, als paßten sie sie ihrem Geschmack an und bestätigten so die eigene Persönlichkeit. Unbeschadet der Tatsache, daß die Dinge stets so bleiben, wie sie
immer schon waren. Genau wie der Kaffee.

Normalerweise wird der Kaffee in extrem heißen Tassen serviert. Um sicherzugehen, daß sich der Gast auch wirklich die Lippen verbrennt, läßt man die Tasse auf der Maschine stehen, bis sie glüht. Erst nach mehreren Stunden gilt die Tasse als einsatzfähig. Hat der Gast den ersten Schock überwunden, kann er darum bitten, daß seine Tasse ausgetauscht wird, und der Barmann kann dem nachkommen oder nicht, und zwar gern oder nicht. Falls er es tut, wird er die neue Tasse allerdings mit nicht nachlassender Arroganz unter fließendes Wasser halten, als wollte er sagen: Was muß man hier nicht alles tun und erleben! Selbstverständlich wird der Gast von diesem Augenblick an nicht länger Gegenstand seiner Wertschätzung sein.

Auch deshalb, also um es sich mit dem Barkeeper nicht zu verscherzen, protestiert der Gast in der Regel nicht und gibt sich mit der glühendheißen Tasse zufrieden. Deshalb und weil die glühendheiße Tasse eine Metapher für einen gewissen Sadomasochismus ist, der die Bewohner der Stadt in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen und in ihren Beziehungen zum Rest der Welt kennzeichnet.

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