Ines Al-Gaddooa

Fiona und Herr Heimchen

Fiona war an diesem Morgen, munter aus dem Bett gesprungen und hinüber zum Fenster gerannt. Dort zog sie flink die Vorhänge auf, um das strahlende Sonnenlicht in ihr kleines Zimmer scheinen zu lassen. „Komm nur rein!“, rief sie übermütig und hüpfte fröhlich durch dem Raum. An diesem Tag war sie besonders aufgeregt, denn in der Schule wollte die Lehrerin heute mit den Kindern in den Schulgarten gehen. „Na du bist aber ausgeschlafen!“, sagte ihre Mutter, die inzwischen die Tür geöffnet hatte und im Rahmen stehenblieb. Sie lächelte, während sie ihrer aufgeregten siebenjährigen Tochter bei ihrem Ringelreihen zusah, „Du solltest dich jetzt aber schnell waschen und anziehen, das Frühstück steht schon auf dem Tisch. Papa hat gesagt, wenn du pünktlich fertig bist, fährt er dich heute zur Schule.“ Fiona war begeistert. Ihr Papa musste sonst immer viel früher los als sie und so sah sie ihn in der Woche ziemlich wenig. Einzig am Abend, wenn er nach der Arbeit spät nach Hause kam, schlich er sich noch leise in ihr Zimmer, um ihr einen Gute-Nacht-Kuss zu geben. Dann legte das rothaarige Mädchen ihre Arme um seinen Nacken und drückte ihn noch einmal ganz fest an sich.

Nachdem sie fertig gefrühstückt hatten, zogen sich Fiona und ihr Vater die Schuhe an. Fiona griff nach ihrem Schulranzen und ihr Vater klemmte sich seinen Aktenkoffer unter den Arm. Danach gaben sie beide der Mama noch einen Abschiedskuss und wünschten ihr einen schönen Tag.

Fiona saß hinten im Auto und blickte aus dem Fenster. Während der Fahrt fragte sie ihren Papa, ob er auch schon mal in einem Schulgarten etwas gepflanzt hatte. Ihr Vater lächelte und bejate. An der Schule angekommen, begleitete er sie noch bis zum Eingang des Gebäudes und verabschiedete sich bei ihr mit einem Küsschen.

Da Frau Heinze die Lehrerin, noch nicht im Klassenzimmer angekommen war, nutzten die Kinder die Gelegenheit, um sich aufgeregt über das heutige Vorhaben zu unterhalten. Plötzlich klatschte jemand in die Hände und die Kids drehten sich überrascht zur Tafel um, „Guten Morgen Kinder!“, rief Frau Heinze und die Kinder rannten schnell zu ihren Plätzen.

„Ich merke schon, ihr seid sehr aufgeregt, darum will ich euch auch gar nicht mehr lange auf die Folter spannen. Nehmt eure Jacken, stellt euch in zweier Reihen auf und folgt mir bitte leise hinaus!“ Als die Klasse im Schulgarten angekommen war, stellte sich Frau Heinze vor ihnen auf und teilte sie für die verschiedenen Beete ein. Fiona dürfte mit ihrer besten Freundin Gerti das Beet mit den Löwenmäulchen bearbeiten. Während sie mit der Hacke die Erde auflockerte, ging Gerti inzwischen mit der Gießkanne zu der großen Wasserpumpe, um frisches Wasser für die gelb und rot blühenden Blümchen zu holen.

Plötzlich hörte Fiona ein Zirpen, unterbrochen von einer leisen Stimme. Es klang, als ob sich da jemand beschwerte oder sogar schimpfte. Das Mädchen unterbrach für einen Augenblick ihre Arbeit und lauschte gespannt. Nichts. Sie zuckte kurz mit den Schultern und wollte gerade weiter arbeiten, da hörte sie es schon wieder. Diesmal allerdings etwas lauter. „Kann man hier nicht einmal in Ruhe seinen Mittagsschlaf halten? Unerhört! Wisst ihr denn nicht, dass Grillen ihre Ruhe um die Mittagszeit unbedingt brauchen, um am Abend ausgeschlafen zu sein! Woher sollen wir sonst die Kraft nehmen, unserer herrliche Musik erklingen zu lassen?“ Fiona lies vor Schreck die Hacke fallen und setzte sich gerade auf. Als sie sich ein wenig beruhigt hatte, beugte sie sich neugierig etwas nach vorne, um zu sehen, von wo diese Stimme wohl kam. Aber sie konnte nichts entdecken – außer einer braunen Grille, die unter einem Blütenblatt saß und sich mit den Hinterbeinen irgendwie zu kratzen schien. Gerade als Fiona sich wieder aufsetzen wollte, drehte sich das Insekt in ihre Richtung, „Hey du!“ Ungläubig blickte das Mädchen auf das Krabbeltier, „Ja, dich meine ich! Was schaust du so? Hast du noch nie eine Grille gesehen?“ Fiona blickte unauffällig um sich, um zu sehen, ob sie jemand beobachtete. Dann deutete sie auf sich selbst und fragte:“ Meinen sie mich?“ Die Grille richtete sich auf und stemmte die Vorderbeine in die Seiten ihres Körpers, „Ja! Na wen denn sonst?“ Das Mädchen schüttelte den Kopf, „Ja doch schon, aber noch nie eine, die sprechen konnte!“ Verständnislos schüttelte die Grille mit dem Kopf, „Wir können alle sprechen! Ihr könnt nur nicht zuhören!“, erwiderte sie kurz. „Was ist? Warum hast du aufgehört?“ Gerti stand plötzlich neben Fiona und schaute sie fragend an. „Oh, nichts, ich hab nur einen Sandkorn ins Auge bekommen – glaub ich.“, schwindelte Fiona schnell, griff nach ihrer Hacke und bearbeitete wieder die Erde zwischen den Löwenmäulchen. Gerti begann damit, am anderen Ende des Beetes zu gießen. Als die Kanne leer war, ging sie erneut zur Wasserpumpe. Schnell bückte sich Fiona wieder zu der Blüte hinunter, unter der sie die Grille noch immer vermutete, „Sind sie noch da?“, fragte sie vorsichtig, „Ja, wo sollte ich sonst sein?“, gab das Insekt mürrisch zur Antwort. „Es tut mir leid, dass wir sie stören, aber es geht nicht anders, denn die Gartenarbeit gehört derzeit zu unserem Unterricht…“ Die Grille blickte Fiona fragend an, „Unterricht..?“, unterbrach sie das Mädchen, „Ja, wir sind hier im Schulgarten. Wussten sie das denn nicht?“, fragte Fiona nun ihrerseits, „Nein.“, erwiderte diese, „Was lernt ihr denn dort so über die Natur?“ Nun fing Fiona an, der Grille zu berichten, was sie so alles im Unterricht lernte und das sie sehr gerne zur Schule ginge, „Hmm…“, sagte die Grille, „Aber ihr wisst wirklich nicht viel über uns. Denn sonst würdet ihr mich nicht immer bei meinem Mittagsschlaf stören.“, sagte das Insekt, nachdem Fiona ihren kurzen Bericht beendet hatte, „Ja, aber woher sollten wir das denn auch wissen? Bisher hat wohl noch kein Mensch mit einer Grille gesprochen – vermute ich.“, gab Fiona zurück. „Ja, da wirst du wohl Recht haben.“ , antwortete die Grille. Dann blickte sie plötzlich auf, als wenn sie gerade einen Einfall gehabt hätte,“ Möchtest du gerne wissen, wie wir hier im Garten leben?“, fragte sie. Fiona dachte kurz nach, „Ja, aber wie soll das denn gehen?“ , fragte sie zurück, „Das lass meine Sorge sein. Komm, reich mir doch mal deine Hand!“ Das Mädchen überlegt nicht lange und streckte den kleinen Finger der linken Hand in Richtung Grille aus. Diese legte ihren Fühler darauf und tippte damit dreimal auf. Jäh drehte sich alles vor Fionas Augen und ihr wurde schwindelig. Sie schloss sie und hoffte, dass es bald vorbei wäre. Als sie die Augen wieder öffnete, lag sie ausgestreckt auf dem Rücken auf dem Boden. Sie blickte sich um und erschrak. Die Löwenmäulchen, waren auf einmal so groß wie Bäume und die Erdbrocken, die um sie herum lagen, türmten sich auf wie riesige Dünen an einem Strand am Meer. Schnell setzte sie sich auf und schaute sich um. Neben ihr stand nun die Grille, mit der sie sich eben noch von oben herab unterhalten hatte. Aber so aus der Nähe, sah sie irgendwie ganz anders aus. Sie trug einen Strohhut auf dem Kopf, ein kariertes Hemd und eine blaue Latzhose. „Hallo junges Fräulein! Mein Name ist Ferdinand Heimchen. Ich freue mich, dass wir uns jetzt von Angesicht zu angesucht unterhalten können, so ist das doch alles auch viel persönlicher.“ Der Grillenmann lächelte freundlich, „Keine Angst, du kannst jederzeit zurück in deine Menschenwelt, aber ich dachte, wir könnten einen kleinen Spaziergang durch den Garten machen. An schlafen ist wohl heute sowieso nicht mehr zu denken.“ Er reichte Fiona sein Vorderbein und führte sie nun in Richtung des Sonnenblumen Beetes. Der Weg war für das Mädchen beschwerlich und sie ärgerte sich ein wenig, dass sie sich heute nicht ihre bequemen Turnschuhe angezogen hatte, anstelle ihrer sommerlichen Sandalen. Aber sie konnte ja auch am Morgen noch nicht ahnen, dass sie gegen Mittag so klein wie ein Insekt sein würde und durch meterhohe Erdbrocken steigen musste. Endlich kamen sie bei den Sonnenblumen an. Diese wirkte auf Fiona wie übergroße Wolkenkratzer, die sich im lauen Wind einer Sommerbriese hin und her wiegten. Eigentlich hätte sie ja Angst haben müssen, aber das alles wirkte so spannend auf sie, dass sie das wohl ganz vergessen hatte. „Hallo Ferdinand!“, hörten sie eine Stimme. Hinter einem Stamm, einer der riesigen Sonnenblumen, erschien der Kopf eines Marienkäfers, „Hallo Fräulein Coccinella!“, antwortete Herr Heimchen höflich und zog seinen Strohhut zum Gruß. „Wen haben sie denn da mitgebracht?“, fragte der Marienkäfer neugierig. Fiona trat mutig hinter Ferdinand hervor und streckte die rechte Hand aus, um sich vorzustellen, „Hallo, ich bin Fiona! Herr Heimchen war so nett und hat mich eingeladen, ihren Garten etwas mehr aus der Nähe kennen zu lernen.“ Das Fräulein Coccinella reichte Fiona eines ihrer Vorderbeinchen und lächelte freundlich. Dann bat Ferdinand sie, dem Menschenmädchen zu erklären, was Marienkäfer so alles in einem Garten tun und wie nützlich sie doch wären, da sie zum Beispiel Schädlinge, wie Blatt. - und Schildläuse vertilgten. Gerade, als sie sich von Fräulein Coccinella verabschiedet hatten und sich bereits einige Zentimeter weiter entfernt hatten, stolperte Fiona plötzlich über einen Erdbrocken und wäre beinahe in ein tiefes Loch gefallen, wenn Ferdinand sie nicht rechtzeitig festgehalten hätte, „Oh, ich bitte um Verzeihung! Ich dachte nicht, dass hier jemand entlang gehen würde!“, Fiona drehte sich um, denn die Stimme kam aus einer ganz anderen Richtung. Ein wenig erschrocken sprang sie zur Seite, „Keine Angst! Das ist doch nur Herr Lumbri, der Regenwurm. Ein wenig zerstreut der Gute, aber man kann es ja verstehen, es hat lange nicht geregnet und dann ist er immer ein bisschen wunderlich.“, flüsterte Herr Heimchen Fiona zu. „Ah, wen haben wir denn da?“ Herr Lumbri schlüpfte aus dem anderen Ende des Loches, in das Fiona beinahe hineingefallen wäre und kroch langsam auf die Beiden zu. Ferdinand stellt ihm Fiona vor und erklärte Herrn Lumbri, warum er sie durch den Garten führte, „Sehr lobenswert Herr Heimchen, sehr lobenswert!“ Ohne Aufforderung begann das wirbellose Tier nun damit, Fiona zu erklären, wie nützlich seine Gattung war, da sie den Boden auflockerten, damit die Pflanzen besser gedeihen konnten. Während der Wurm berichtete, hatten sich Ferdinand und Fiona im Schneidersitz auf die Erde gesetzt. Beide stützten ihr Kinn auf ihre Hand auf und hörten interessiert zu. Nach einer Weile, blickte der Grillenmann kurz zu Fiona hinüber und verdreht ein wenig genervt die Augen. Er wusste, dass Herr Lumbri, wenn er erstmal in Fahrt war, ewig reden konnte. Und so war es dann auch. Irgendwann erhob sich Ferdinand einfach. Er reichte Fiona die Hand und half ihr so beim Aufstehen, „Entschuldigung Oli, aber wir müssen jetzt wirklich gehen. Fiona muss zurück zu den Menschen, bevor sie noch vermisst wird.“, Herr Lumbri hielt inne,“ Oh ja, ich vergaß, sie ist ja bei den Menschen noch ein Junges. Nun denn, es hat mich wirklich sehr gefreut dich kennen zu lernen Fiona!“

Auf dem Rückweg trafen die beiden noch Melli, die Honigbiene. Diese war gerade dabei, zu ihrem Stock zurück zu fliegen und grüßte den Grillenmann kurz, indem sie ihm freundlich zuwinkte. „Ach, die gute Melli. Wirklich fleißig!“, schwärmte er. Fiona schmunzelte, denn sie stellte sich gerade vor, wie Ferdinand und Melli Hand in Hand durch den Garten spazierten und er ihr dabei verliebt in die Augen blickte.

Es war schon gegen zwei Uhr Mittags, als Fiona und Ferdinand wieder am Löwenmäulchen Beet ankamen. „Schade, dass ich schon wieder gehen muss!“, sagte das Mädchen traurig, „Es hat mir soviel Spaß gemacht!“ Herr Heimchen lächelte, „Na du kannst mich ja gerne wieder einmal besuchen kommen und dann könnten wir ja vielleicht auch mal die Bienen besuchen.“, erwiderte er. „Ja und vor allem Melli, nicht wahr?“, antwortete Fiona und zwinkerte ihm verschmitzt zu. Ferdinand wurde rot. „Ich weiß wirklich nicht, wovon du sprichst!“, sagte er mit einem unschuldigem Gesichtsausdruck.

Die Beiden versteckten sich, denn just in diesem Moment, kam Gerti mit der Gießkanne und schüttete deren Inhalt erneut über die Löwenmäulchen aus. „Sie wird die armen Blümchen noch ersäufen!“, schimpfte Herr Heimchen gerade noch, als schwups die nächste Ladung Wasser genau über Fiona und Ferdinand ausgeschüttet wurde. „Ach herrje!“, sagte das rothaarige Mädchen erschrocken, „Wie soll ich das bloß zu Hause erklären?“ Dabei deutete sie auf ihre nasse Kleidung, „Na was soll's! Es ist ja warm, vielleicht trocknet es ja schnell…“. Dann lachten sie und Ferdinand zusammen. „Jetzt wird es aber Zeit!“ Der Grillenmann streichelte Fiona noch einmal über den Kopf und verabschiedete sich fürs Erste von ihr. Beide versprachen, dass sie sich auf jeden Fall wiedersehen wollten. Dann legte Ferdinand erneut seinen Fühler auf Fionas ausgestreckte Hand und tippte dreimal auf. Wieder dreht sich alles vor ihren Augen. Als sie sie wieder öffnete, hockte sie genau an der Stelle im Schulgarten, an der sie sich befand, bevor Ferdinand sie klein gezaubert hatte. Sie schüttelte kurz verwundert den Kopf. Dann überlegte sie, ob sie das alles vielleicht nur geträumt hatte. Doch als sie auf den Boden blickte, sah sie dort Ferdinand stehen, der nun seinen Hut zum Gruß hob und kurz winkte. Dann verschwand er wieder unter einer der Löwenmäulchen Blüten.

(2007)

Rezension I Buchbestellung I home II09 LYRIKwelt © Ines Al-Gaddooa