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Tante Semra im Leberkäseland
(Leseprobe aus: Tante Semra im Leberkäseland, Roman, 2008,
Krüger).
Mama nahm die Besuche bei Tante Beria ganz wichtig.
Tante Beria war nämlich der lebende Beweis dafür, dass Mama aus einer alten
osmanischen Familie stammte. Darauf war Mama sehr stolz. Papa fand das ziemlich
unwichtig, manchmal nervte es ihn sogar. "Du mit deinen Grabsteinen", sagte er
dann, "wie kann man auf irgendwelche toten Paschas stolz sein? Weißt du, wie
ungerecht und ausbeuterisch das System deiner osmanischen Vorfahren war?"
"Du weißt genau, dass ich eine überzeugte Kemalistin bin", antwortete Mama, "und das republikanische Denken ist Teil meiner politischen Überzeugung. Ich verteidige doch nicht das Osmanische Reich!" Das klang wieder stolz und kokett: "Ich stehe zu meinen familiären Wurzeln, und die meiner Mutter reichen eben bis zum Hof des Sultans!"
"Ist in Ordnung", sagte mein Vater, "solange es nur diese schrecklichen Bilder sind, die im Wohnzimmer hängen, kann ich damit leben." Damit meinte er die alten Ölschinken, die die Wohnzimmerwände schmückten und alte Paschas aus Mamas Familie zeigten.
Und Tante Beria war sozusagen der Rest aus osmanischem Bestand und dementsprechend pfleglich zu behandeln.
Trotz der sommerlichen Hitze hatte Mama dafür gesorgt, dass an diesem Nachmittag zum Besuch bei Tante Beria der Dresscode eingehalten wurde: Papa in Schlips und Kragen, sie selbst natürlich auch dementsprechend gekleidet, in einem seidenen Nachmittagskleid mit passendem Mantel. Wir Kinder hatten Puppenkleider an, mit weißen Söckchen und Lackschuhen. Très chic, très élégant.
Tante Beria stammte aus einer anderen Zeit und ihre Wohnung ebenfalls: eine riesige Altbauwohnung mit zwei Eingängen, einem Eingang für die Besucher und einem Lieferanteneingang. Wir klingelten am Besuchereingang und wurden von ihrem Mädchen hereingelassen. Keinen Moment zu früh, denn es war draußen richtig heiß, und wir liefen Gefahr, in unseren schicken Klamotten einen Hitzschlag zu erleiden.
"Die gnädige Frau ist im Salon", sagte das Mädchen, "Sie kennen sich ja aus." Mama nickte ihr zu und schaute uns an, bevor sie vorging. Dieser Blick sollte und klarmachen, dass ab sofort gutes Benehmen angesagt war. Auch für Papa. Während der allerdings keinerlei Beschränkungen am Tisch unterworfen war, mussten wir Kinder beim Essen mit Mama in Blickkontakt bleibe. Ihre Augenbrauen waren eine Art Korrektor: Wenn sie sich nicht bewegten, war an unserem Benehmen nichts auszusetzen, leichtes Senken der Augenlider signalisierte sogar Zustimmung. Aber wenn sich die Augenbrauen gen Stirn erhoben, war das wie das Springen der Ampel auf Gelb, und wenn sie die Augenbrauen zusammenzogen, dann war es endgültig an der Zeit, das momentane Verhalten einer sofortigen Überprüfung zu unterziehen und in Habachtstellung zu gehen. Natürlich war das Ganze nicht so holzschnittartig wie das Verkehrsampelsystem, sondern es entsprach mehr der orientalischen Tonleiter mit vielen Halbtonschritten. Es hört sich jetzt vielleicht ein wenig kompliziert an, da aber Peyda und ich das System quasi mit der Muttermilch aufgesogen hatten, kannten wir diese orientalische Klaviatur, und das Zusammenspiel funktionierte tadellos, wenn, ja wenn wir das Spiel mitspielten. Immerhin hatte es Mama geschafft, uns mit diesem Leitsystem bei Tisch so zu dirigieren, dass wir mit fünf Jahren an jedem Festbankett hätten teilnehmen können. Bei Boykott waren die Sanktionen nicht besonders aufregend: Mama war dann unglücklich und bekam Kopfschmerzen.
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Rezension I Buchbestellung I home II09 LYRIKwelt © L.A./Krüger-Verlag