Humboldts
Schatten
(Leseprobe aus: Humboldts
Schatten, Novelle, 2003, Nagel&Kimche)
Der zweite Blitz
schlug keine zwanzig Sekunden nach dem ersten ein. Er war wesentlich stärker
und hatte verheerendere Folgen. Sie flogen zwanzig Meter durch die Luft, glühend
und knackend wie ein erkaltendes Lagerfeuer. Wahrscheinlich war die atomare
Zersetzung, die Körper und Elemente in einem solchen Fall erleiden, der Grund,
warum der Aufprall nicht tödlich war: Er war so abgepolstert, dass sie wieder
zurückprallten. Und nicht nur das: Das Fell des Tieres war so aufgeladen, dass
es wie ein Magnet wirkte und Rugendas durch die Salti nicht aus dem Sattel
geworfen wurde; doch kaum waren sie auf dem Boden gelandet, ließ die
Anziehungskraft nach, und der Mann fand sich plötzlich auf der trockenen Erde
wieder, den Blick gen Himmel gerichtet.
Das Blitzegewirr in den Wolken ließ Albtraumgestalten aufleuchten und wieder
verlöschen. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte er, ein schreckliches
Gesicht zusehen. Der Monigote! Überall schallte es ohrenbetäubend: Geräusch
über Geräusch, Donner über Donner. Der Umstand war in höchstem Grade ungewöhnlich.
Das Pferd wälzte sich am Boden wie ein Krebs, um sie herum platzten Tausende
von Feuerzellen und bildeten eine Art allumfassende Aureole, die sich mit ihm
verschob und ihm nichts anhaben konnte. Schrien der Mann und sein Pferd?
Wahrscheinlich befanden sie sich in einem Schockzustand; aber selbst wenn sie
aufgeheult hätten, hätte man nichts gehört. Der umgekippte Reiter suchte mit
den Händen nach dem Boden, um eine Stelle zu finden, wo er sich aufstützen
konnte. Doch er war statisch zu sehr aufgeladen, als dass er etwas hätte berühren
können. Das Pferd begann sich aufzurichten, und Rugendas las an seiner plötzlichen
Erleichterung ab, dass es so gut war; für einen Moment musste er auf den Trost
eines Begleiters verzichten, um dem dritten Blitz zu entkommen.
Dann stand das Pferd wieder, mit gesträubten Haaren, monumental, und verdeckte
die Hälfte des Blitzegewirrs; seine Giraffenbeine knickten widerspenstig ein,
der Kopf lauschte wieder aufmerksam dem Ruf des Wahnsinns … und dann rannte es
los …
Und Rugendas mit! Er konnte und wollte es nicht verstehen, es war zu
ungeheuerlich. Er spürte, wie er mitgeschleift wurde, fast schwebte, wie der
Satellit eines gefährlichen Sterns. Der Ritt wurde immer schneller, und er hing
dahinter, prallte auf und nieder, ohne irgendetwas zu begreifen …
Er wusste nämlich nicht, dass sich der eine Fuß in einem Steigbügel verfangen
hatte, ein Unfall, der Klassiker unter den Reitunfällen, der, nur weil er sich
schon so oft wiederholt hat, nicht plötzlich nicht mehr vorkommt. Die
Stromerzeugung setzte genauso plötzlich aus, wie sie eingesetzt hatte, was ein
Jammer war, weil ein Blitzschlag zur rechten Zeit, der das Tier wieder zum
Stehen gebracht hätte, dem Maler eine Menge Unannehmlichkeiten erspart hätte.
Aber der Strom wurde in die Wolken abgeleitet, Wind kam auf, es begann zu
regnen…
Das Pferd galoppierte eine unbestimmte Strecke; wie weit, fand man nie heraus,
und eigentlich ist es auch nicht wichtig. Die Katastrophe war geschehen. Der
folgende Tag dämmerte bereits herauf, als Krause und der alte Baquiano sie
entdeckten. Das Pferd hatte seinen Klee gefunden, graste abwesend vor sich hin
und zog einen blutigen Lumpen hinter sich her, der sich am Steigbügel
verheddert hatte. Die ganze Nacht über hatten sie ihn gesucht, und auf dem
Gipfel der Angst hatte ihn der arme Krause bereits für tot erklärt. Ihn zu
entdecken war nur eine halbe Freude: Da war er zwar endlich, lag aber reglos auf
dem Bauch; sie ritten schneller, sahen beim Näherkommen, wie er sich bewegte,
ohne die Kusshaltung zur Erde aufzugeben; die leise Hoffnung, die in ihnen
aufkeimte, wurde gedämpft, als sie bemerkten, dass er sich gar nicht bewegte,
sondern lediglich vom Pferd mitgezerrt wurde, wenn es beim Grasen ein paar
Verdauungsschrittchen tat. Sie stiegen ab, hakten ihn vom Steigbügel los und
drehten ihn um … Das Entsetzen ließ sie verstummen. Rugendas’ Gesicht war
eine geschwollene, blutige Masse, der Stirnknochen lag offen, über den Augen
hing die Haut in Fetzen. Die Nase hatte ihre charakteristische Form verloren,
das Augsburgisch-Adlerhafte, die Lippen waren aufgeplatzt und zurückgetreten,
gaben den Blick frei auf Vorder- und Backenzähne, die wie durch ein Wunder ganz
geblieben waren. Zuerst mussten sie prüfen, ob er noch atmete. Tat er. Dieses
Detail verlieh dem, was folgte, ein Hauch von Dringlichkeit. Sie luden ihn aufs
Pferd und nahmen ihn mit. Der Führer, der seine Führerschaft wiedergewonnen
hatte, zeigte in eine Richtung, in der, wie er sich erinnerte, einige Ranchos
lagen. Am Vormittag erreichten sie eines dieser schlichten Farmhäuser. Das
Mitbringsel, das sie für diese armen, verlorenen Bauern dabeihatten, war
bestens geeignet, um Verblüffung hervorzurufen. Wenigstens konnten sie erste Maßnahmen
einleiten. Sie wuschen ihm das Gesicht, versuchten mit der Fingerspitze die
einzelnen Teile zurechtzurücken, legten ihm heilende Hamamelispflaster auf, um
die Vernarbung zu beschleunigen, und überprüften, ob Knochen gebrochen waren.
Die Kleidung war zerfetzt, doch der Körper war, abgesehen von einigen Aufschürfungen
an Brust, Ellbogen und Knien und einigen oberflächlichen Schnittwunden, heil
geblieben; am Kopf jedoch war er schwer verletzt, sein Gesicht sah aus, als wäre
etwas darüber hinweggerollt. War es die Rache des Monigote? Wer weiß. Der Körper
ist ein seltsames Ding, und wenn ihm ein Unfall zustößt, bei dem übermenschliche
Kräfte wirken, weiß man nie, wie es ausgeht.
Rezension I Buchbestellung IV03 LYRIKwelt © Nagel und Kimche