Unglaubwürdige Reisen von Ilse Aichinger, 2005, S. Fischer

Ilse Aichinger

Die frühen Blicke in Anstaltsgärten
(Leseprobe aus: Unglaubwürdige Reisen, Prosa, 2005, S. Fischer)

Die erste Reise, die Geburt, hat nicht nur mit den meisten letzten gemeinsam, daß sie ohne Alternative auskommen muß: Keiner holt freiwillig Luft oder wählt den Ort für die erste Chance, nicht gleich zu ersticken. Ob im Jet über Seattle, in Ambulanzwagen mit Blaulicht oder in einer sterilen Entbindungsstation oder einer Abstellkammer: der erste Schrei setzt der ersten Reise ein Ende und läßt sich fast ohne weiteres als Existenzbeweis definieren. Aber für wessen Existenz? Verwandt oder unverwandt, auswechselbar oder nicht?
Schon im Bruchteil einer Sekunde danach sind neue Instanzen zuständig: staatliche und kirchliche Behörden, Paßämter, Pfarrämter, Standesämter, Tauf- und Geburtsurkunden und früher noch ein "Heimatschein", der unglaubwürdigste Beweis für die erste unglaubwürdige Reise: Geboren in Wien, dagegen ist nichts zu machen, aber danach? Ob Graz, Hütteldorf oder der Jemen – die nach Freud entscheidende frühe Kindheit zeichnet sich sofort ziemlich endgültig ab. Auch die kann keiner wählen. Für mich hieß sie teilweise Linz an der Donau, der Pfennigberg, der Pöstlingberg, der Freinberg.

Vor allem aber ein immerhin sozialdemokratischer Bürgermeister, Ernst Koref, der gern Musik hörte und uns besuchte. Das glich die oft beunruhigenden finanziellen Schwierigkeiten aus, die durch die fünfte identische Jean-Paul-Ausgabe, die unser Vater ins Regal gestellt hatte, entstanden waren. Da reichte das Geld nur noch für ein schizophrenes Kindermädchen, Frau Emma Schrack, kurz zuvor irrtümlich aus der Psychiatrie entlassen, sie verlangte wenig und hielt uns mit den kräftigen Griffen fest, die sie von Wärtern kannte. "Wenn ihr nicht brav seid, hole ich den Wachmann", sagte sie gerne. Sie blieb drei oder vier Jahre.

Die Spazierwege: über die Landstraße zum Hauptplatz, doch noch nicht zum letzten Wohnhaus Adalbert Stifters, in dem er unter seine langen Betrachtungen über die Restaurierung von Lindenholzaltären mit einem Rasiermesserschnitt in die Kehle einen unvermuteten, aber nicht un- vermutbaren Schlußstrich gezogen hatte.

Aber schon damals, immer häufiger, führten die Wege in Richtung Landesirrenanstalt, über Wiesen mit den ersten Frühlingsblumen und Lücken in der Anstaltsmauer. Durch sie konnten wir die freundlichen und stillen oder stillgehaltenen Irren sehen. Dieser Spaziergang hatte nicht nur für Emma Schrack, sondern auch für uns Vorrang. Dort gab es keinen Streit über zu viele Jean-Paul-Ausgaben oder verpfändete Gehälter, die Strecke zwischen der von unbezahlten Büchern überbordenden Wohnung und der Landesirrenanstalt ergab die ersten unglaubwürdigen Reisen. Auch die Regelmäßigkeit, die Kindern notwendig ist: einmal Irrenanstalt und zurück. So verliefen die Tage, bis der Himmel über Linz und der Donau den Linzer Schläfern Recht gab und den Grat zwischen Glaubwürdigkeit und Unglaubwürdigkeit kurz besänftigte.

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