Isolde Ahr

Ein männlicher Alptraum

Ruth kam jeden Freitag zu ihm. Diesmal war sie früher als sonst. Klaus würde gleich kommen. Außer ihrem Gepäck hatte sie noch Kuchen mitgebracht. Sie packte aus und fing an, etwas aufzuräumen. Auf dem Wohnzimmertisch lag eine Zeitschrift. Am Rand stand, mit Füller geschrieben: Klaus und Ilse. Wahrscheinlich Schreibproben, dachte sie. Sie rückte die Blumen zurecht, die er stets zu ihrer Begrüßung hinstellte. Sie setzte Kaffeewasser auf und begann, den Tisch zu decken.
Dann läutete das Telefon, und eine Frauenstimme fragte nach Klaus. Ruth wußte sofort, daß Ilse am anderen Ende der Leitung war. Sie bat Ilse vorbeizukommen. Es könnte doch nett sein, so ein Kaffeeklatsch mit Klaus. Und wie Ruth es sagte, klang es selbstverständlich.
Minuten später stand Ilse vor der Tür, eine nette, gutaussehende Frau, wohl auch in ihrem Alter. Beide hatten zuvor nicht gewußt, daß es die jeweils andere Frau in seinem Leben gab, trotzdem waren sie sich sympathisch. Sie fanden die Situation eher komisch und lächerlich. Sie setzten sich an den hübsch gedeckten Kaffeetisch und unterhielten sich prächtig miteinander.
Und dann stand Klaus in der Tür und sah die beiden Frauen, die er so sorgsam voreinander verborgen hatte. Sie lächelten ihn an und schienen sich blendend zu verstehen. Er hatte alles so gut geplant und sorgfältig darauf geachtet, daß die eine von der anderen nichts wußte, und nun saßen beide dort.
Ruth sah ihn spöttisch an und sagte: "Jetzt kannst du wählen, aber entscheide dich schnell!" .

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