Brief
(Leseprobe aus:
Kein Schlaf in Sicht, Gedichte, 2008, S.
Fischer).
Der Flug der Vögel lässt auf
Deutung warten.
Das Haus, umblüht von Flieder, schweigt.
Du bist weit fort, und nichts kann mir verraten,
was dich auf welche Wege treibt.
Der Wind frischt auf, als ich
nach draußen gehe,
und barfuß auf dem Rasen steh,
der Regen wäscht den Frühling aus den Blüten
von Japankirsche und Forysthie.
Doch ist das Himmelsgrau kein
Omen,
der Wolkenbruch ist kein Symbol -
in all das Sinn zu lügen ist vergeblich,
ein selbstbetrügerisches Spiel.
Denn nur das Ding zählt, das
sich ändert:
Entfaltung, Welken, Innenblitz.
Dein Brief, der heute kam, weicht auf im Regen,
die Tinte tränkt den Gartentisch.
Rezension I Buchbestellung 0I09 LYRIKwelt © S. Fischer