Lauf Jäger lauf von Henning Ahrens, 2003, S. FischerHenning Ahrens

Auf offener Strecke
(Leseprobe aus: Lauf Jäger lauf, 2003, S. Fischer)

Der Fuchs lief, während der ICE auf einen Gegenzug wartete, am Bahndamm entlang durchs Gras. Hastig presste Oskar Zorrow die Nase an die Scheibe, um das Tier genauer in Augenschein zu nehmen, da fuhr der Zug schon wieder an - wie vom Erdboden verschluckt war der Rotvoss. Ein von Kopfweiden und Erlen gesäumter Bach rauschte vorbei und schließlich das Flachland, vernebelt vom Atem, der das Glas beschlagen hatte.
Zorrow sprang auf und ging, der Mitreisenden nicht achtend, durchs Großraumabteil, um schließlich vor der ins Bistro führenden Verbindungsbrücke stehen zu bleiben. Nach Zigaretten stank es, und Zorrow, der den Qualm beiseite wedelte, warf einen Blick auf den Monitor neben der Tür - mit einhundertfünfundneunzig Stundenkilometern entfernte sich der ICE von jener Stelle, wo der Fuchs durchs Gras geschnürt war.
Auf den Hacken machte Zorrow kehrt und ging vorbei an Toilette und Telefonzelle und dem Abteil des Zugpersonals.
Reckte sich nach der Notbremse.
Luft schrillte, dann ein Ruck. Der Fußboden bockte, und als Zorrow vom Kopf auf die Füße zu kommen versuchte, sah er von unten den Zugführer, dessen rechte Schläfe gegen eine von Bremswucht mitgerissene Türkante knallte. Kreischender Rauch im Bistro und die Schreie zerscherbender Becher und Gläser weinten und Kinder klirrten und aus Lautsprechern - »... bitte Zugführer ... bitte ... bitte ...« - stob eine Stimme. Auf allen vieren kroch der benommene Zorrow zu auf jenen Kasten, dessen Scheibe einzuschlagen war, wollte man die Außentür öffnen, doch so heftig ruckelte der Zug, dass es dreier Schläge bedurfte, um den Schalter freizulegen. Am Ellenbogen ging das schwarze Jackett in Fetzen, und Oskar Zorrow schnitt sich die Haut auf.
Da stand der Zug.
Die Tür glitt auf.
Zorrow sprang eine Böschung hinunter, rannte, so schnell ihn seine zitternden Beine trugen, davon und blieb erst stehen, als ihm die Hitze einen Schlag auf die Brust versetzte. Um Atem ringend, warf er einen Blick über die Schulter - leise summend stand der Zug da, als könnte ihn nichts aus der Ruhe bringen, und dunkel glänzten die Scheiben im Licht.
Oskar Zorrow nahm die Beine in die Hand und suchte Schutz in einem Weidendickicht.

»Nur nicht murren, Kurt.« Karl Bustermann, dessen bärtiges Gesicht vom Marsch gerötet war, gab seinem Kumpan einen Klaps auf den Rücken. »So fröhlich wie der Morgenwind ist unser Herz bestellt!« Schnupperte die Luft und warf einen Blick auf die Sonne, welche, auf halbem Weg zum Zenit, am Himmel hing.
Ohneland, den Kopf zwischen den Schultern und die Hände hinterm braun karierten Sakko verschränkt, starrte auf den Pfad, der im Wildwuchs der Wiese kaum noch zu erkennen war.
»Weshalb kümmert sich John nicht selbst um den Kerl?«
»Er will in den Nebel.«
»Und uns bleibt die Drecksarbeit?« Ohneland köpfte einen Kerbel mit der Handkante und wandte seinem Gefährten das hagere Gesicht zu. »Ich halte das, offen gesprochen, für ungerecht.«
Bustermann: »Wir ziehen an einem Strang.«
Ohneland, dem das rechte Auge abhanden gekommen war, kniff das linke missmutig zusammen.
Schweigend bahnten sich die beiden Männer einen Weg durchs hüfthohe Gras, stiegen über einen von Ackerwinde überwucherten Stacheldrahtzaun und traten auf eine Brache, deren verdorrtes und von Disteln, Melde und Kamille durchsetztes Kartoffelkraut an lange zurückliegende Zeiten der Bestellung erinnerte. Mit »Kirrickl Kärräckl« floh ein Rebhuhn samt Küken vor den Männern, um sich rasch im Kräuticht zu verlieren.
Ohneland zog die Luger aus der Sakkotasche und legte sie auf den Unterarm: »Piffpaff!«
Bustermann packte die Hand des Gefährten: »O Jäger, lass die Büchse ruhn!«

Sobald der Zug außer Sichtweite war, erhob sich Zorrow, klopfte Laub und Zweige vom Hemd und trat aus dem Dickicht. Man suchte ihn nicht - kurz nur hatte der blessierte Zugführer zur Tür hinausgeschaut, dann war der Zug wieder angefahren -, und er machte sich auf, den Fuchs zu suchen. Zog das Jackett aus, warf es über die Schulter und folgte den Schienen, die eine Landschaft durchpfeilten, welche so flach war, dass sein Blick, der nirgendwo Halt fand, immer wieder ausglitt - schilfige Gräben, gesäumt von Weiden und Erlen, dahinter grün flirrende Felder und Wiesen. Von Mensch und Behausung keine Spur.
Nach einer Weile blieb er stehen und wischte sich mit einem Hemdsärmel den Schweiß von der Stirn. So schnell war der Zug gefahren, dass die Stelle, wo er den Rotrock gesehen hatte, Aberdutzende von Kilometern entfernt sein musste. Hilflos starrte er, bis es ihm vor den Augen flimmerte, längs der Schienen, welche sich in der Ferne verloren - Zange und Rucksack, Kleidung und Fotos, alles befand sich im Koffer, der Koffer im Zug, und der Zug war auf und davon.
Zorrow ließ sich ins Gras sacken. Nass waren seine Füße, und er zog die Sandalen und weißen Söckchen aus. Die schönen Augen eines Fuchses hatten ihn bezirzt - war er noch bei Trost? Rücklings fiel er ins Gras und blickte in den Himmel, dessen makelloses Blau nur da und dort von einem Wölkchen getrübt wurde. Griff nach seinem Jackett, um die Fahrkarte zu ertasten, welche in der Innentasche steckte - noch war sie da, und wenn er sich recht erinnerte, war es gestattet, die Fahrt zu unterbrechen und nach der Unterbrechung wieder fortzusetzen.
Er schloss die Augen, Fuchs oder nicht, hier konnte er nicht bleiben. Ein kurzes Päuschen, dann ginge er weiter.

»Wieder hat die Wilde Jagd begonnen.«
Karl Bustermann kniff die Augen zusammen - ungefähr in Schussweite verlief die Eisenbahntrasse, erkennbar an der Oberleitung, welche in der hitzigen Luft waberte.
»Mit Donner und Blitz!«
»Es wird die Letzte sein.«
»Wir sind die Letzten.«
»Will Satan mich verschlingen, so lass die Englein singen: >Dies Kind soll unverletzlich sein.«
»Sentimentalitäten.« Ohneland trat in den Schatten einer Erle, welche dicht neben einem Wehr am Graben wuchs, und fuhr mit der Hand über sein ergrautes Blondhaar. »Hat John die Stelle genau bezeichnet?« Ruckartig hob er das Kinn und zurrte die Krawatte fest. Bustermann: »Du kennst doch John. Er ergeht sich in Andeutungen.«
Ohneland schnob verächtlich, pflückte eine Klette und balancierte sie auf dem Zeigefinger. »Das ist Erk. Er lässt nicht locker.«
Bustermann: »Ein Vergleich von abgründiger Tiefe.«
Ohneland warf die Klette fort und nickte grimmig vor sich hin.
»Das Lachen wird uns bald vergehen.«
»Noch ist nicht aller Tage Abend.«
Karl Bustermann holte den Tabaksbeutel aus der Joppentasche, lehnte sich ans Wehr und begann, eine Zigarette zu drehen. Als er den ersten Zug tat, seufzte er genüsslich und rückte die Brille zurecht. »Ich wäre gern zum Mittagessen zurück. Vera hat Bratkartoffeln mit Sülze und Remouladensoße versprochen.«
Ohneland: »Die kalte Mamsell?«
Bustermann: »Du bist ungerecht, Kurt. Vera hat manchen Genuss zu bieten. Denk nur ...«
Unvermittelt riss Ohneland den Kopf nach vorn und wies auf die Eisenbahntrasse. »Wahrto!«
Bustermann drückte die Zigarette auf dem Betonsockel des Wehrs aus und folgte, letzten Rauch ausblasend, dem Blick des Gefährten - eine Gestalt in weißem Hemd und schwarzer Hose hatte sich erhoben, sprang über einen Graben und entfernte sich von der Trasse.
»Ist es der Gesuchte?«
»Wer sonst?«
»Dann los.«
Gemeinsam traten die beiden Männer aus dem Schatten der Erle, und Ohneland zog die Luger hervor. Skeptisch beäugte Bustermann die Waffe und hakte einen Finger hinters Band seiner Fliege.
»Wirst Du schießen?«
»Wie lautet Johns Bitte?«
»Wir sollen uns >kümmern<.«
Gebückt tauchten die Männer ein ins Gras einer Wiese, um dem Fremden, der das Ödland offensichtlich arglos durchstiefelte, den Weg abzuschneiden.
Die Grillen geigten ihren Psalm.

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