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Ich schreib dir morgen wieder
(Leseprobe aus: Ich schreib
dir morgen wieder, Roman, 2010, Krüger
- Übertragung Christine Strüh).
Es gab eigentlich nur einen Ort, an dem ich Ruhe hatte und mit dem Tagebuchschreiben
beginnen konnte. Kurz entschlossen machte ich mich auf den Weg. Als die Bäume sich vor
dem Schloss teilten wie ein Theatervorhang, lächelte ich unwillkürlich.
„Hallo, hier bin ich wieder“, begrüßte ich das Schloss.
Es erhob sich vor mir, ohne seine Narben zu verstecken, verwundet und blutig vom
Kampf. Natürlich hatte es schon bessere Tage gesehen, aber trotzdem war es immer noch ein
Schloss und keine „Ruine“, wie Rosaleen es genannt hatte. Ich spürte wieder die Verbindung
zu dem alten Gemäuer – auch ich war nur ein Schatten meines früheren Selbst, und auch
meine Narben waren deutlich sichtbar.
Ehrfürchtig wanderte ich durch die Räume. Ich konnte nicht glauben, dass ein Feuer
für diese ganze Zerstörung verantwortlich war. Es gab keinerlei Hinweis darauf, dass in den
letzten hundert Jahren überhaupt jemand hier gelebt hatte. An den Wänden waren keine
Kamine, keine Fliesen, keine Tapeten. Es gab nur Steine, Unkraut und eine Treppe, die in ein
Obergeschoss führte, das nicht mehr existierte, in den Himmel hinein, fast so, als könnte man
mit einem großen Sprung auf einer Wolke landen. Eine Himmelsleiter.
Ich setzte mich auf eine der untersten Stufen und nahm das Tagebuch auf den Schoß.
Dann drehte ich den schweren Stift, den ich von Arthurs Schreibtisch genommen hatte, eine
Weile in der Hand herum, starrte auf das geschlossene Buch und versuchte, mir etwas zum
Schreiben einfallen zu lassen. Mir lag daran, dass die ersten Worte etwas zu bedeuten hatten,
ich wollte keinen Fehler machen. Schließlich fiel mir ein Anfang ein, und ich schlug das Buch
auf.
Doch dann fiel mir fast die Kinnlade herunter. Die erste Seite war schon voll, alle
Zeilen säuberlich beschrieben … in meiner eigenen Handschrift!
Erschrocken sprang ich auf, das Tagebuch glitt von meinem Schoß, knallte auf die
Treppe und landete polternd auf dem Boden. Mit klopfendem Herzen blickte ich mich um, ob
sich irgendjemand einen gemeinen Scherz mit mir erlaubte. Die bröckelnden Wände starrten
mich an, und auf einmal war ich umgeben von Bewegungen und Geräuschen, die ich vorher
überhaupt nicht bemerkt hatte. Gras und Blätter raschelten, Steine verrutschten, ich hörte
Schritte hinter und in den Mauern, aber nichts kam an die Oberfläche, nichts zeigte sich. Alles
war nur ein Produkt meiner Phantasie. Vielleicht hatte ich mir die vollgeschriebenen Seiten in
dem Tagebuch auch nur eingebildet.
Also holte ich ein paarmal tief Luft und hob das Tagebuch auf. Das Leder war von den
Steinen zerkratzt und staubig, und ich wischte es an meiner Shorts ab. Beim Herunterfallen
war die erste Seite zerrissen, aber dass sie beschrieben war, hatte ich mir nicht eingebildet.
Alles war noch da – auf der ersten Seite, auf der zweiten –, und während ich hektisch
weiterblätterte, konnte ich zweifelsfrei meine Handschrift identifizieren.
Aber das war doch nicht möglich! Ich verglich das Datum oben auf der Seite mit dem
Datum auf meiner Uhr. Es war das Datum von morgen, Samstag. Heute war Freitag.
Bestimmt ging meine Uhr falsch. Unwillkürlich musste ich daran denken, wie Rosaleen das
Tagebuch heute Morgen angestarrt hatte, als ich aus dem Haus gegangen war. Hatte sie
womöglich etwas hineingeschrieben? Nein, das konnte nicht sein. Das Buch hatte gut
versteckt unter meinem Bett gelegen. Mit schwindligem Kopf setzte ich mich wieder auf die
Treppe und las den Eintrag, aber meine Augen hüpften so aufgeregt über die Worte, dass ich
ein paarmal von vorn anfangen musste.
Samstag, 4. Juli
Liebes Tagebuch,
so fängt man doch immer an, richtig? Ich habe noch nie Tagebuch geschrieben, und ich
komme mir unglaublich blöd dabei vor. Na gut. Liebes Tagebuch, ich hasse mein Leben. Kurz
gesagt ist es Folgendes: Mein Dad hat sich umgebracht, wir haben unser Haus und
überhaupt alles verloren, ich mein ganzes Leben, Mum ihren Verstand, und jetzt wohnen wir
bei meiner Tante Rosaleen und meinem Onkel Arthur im hinterletzten Kaff. Vor ein paar
Tagen habe ich den Nachmittag mit einem echt süßen Typen namens Marcus verbracht, der
mit einem Bücherbus herumfährt – der mobilen Bibliothek –, und da habe ich dieses Buch
hier gefunden. Vor zwei Tagen bin ich einer Nonne begegnet, die Bienen züchtet, und gestern
habe ich den Morgen in einer Ruine …
„in einer Ruine“ war durchgestrichen, und es ging stattdessen weiter mit:
… in einem Schloss verbracht, auf einer Art Himmelsleiter, die so verlockend aussah, dass ich
am liebsten hochgeklettert und auf eine Wolke gesprungen wäre, um mich von hier wegtragen
zu lassen. Jetzt ist es Nacht, und ich sitze in meinem Zimmer und schreibe in dieses
bescheuerte Tagebuch, wie Schwester Ignatius es mir so dringend ans Herz gelegt hat. Ja,
Schwester Ignatius ist eine Nonne und kein Transvestit, wie ich zunächst dachte.
Ich seufzte und blickte auf. Wie war das möglich? Suchend sah ich mich um. Sollte ich zum
Torhaus laufen und Mum davon erzählen? Oder vielleicht Zoey und Laura anrufen? Wer in
aller Welt würde mir glauben? Und selbst wenn jemand mir glaubte, was könnte er tun, um
mir zu helfen?
Im Schloss war es so still, dass die Wolken, rund und weiß wie Engelchen, mit
mindestens hundert Stundenkilometern über den Himmel zu sausen schienen. Hin und wieder
raschelte es unter einer Pflanze, Löwenzahnschirmchen trieben durch die Luft, lockten mich,
sie zu fangen, näherten sich und flitzten wieder davon, wenn der Wind sie ergriff. Ich atmete
tief ein, hob mein Gesicht der warmen Sonne entgegen, schloss die Augen und atmete wieder
aus. Ich war so gerne hier im Schloss. Schließlich öffnete ich die Augen wieder und las
weiter. Sofort sträubten sich mir die Nackenhaare.
(...)
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