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Das Lachen des Geckos
(Leseprobe aus:
Das Lachen des Geckos, Roman, 2009,
A1-Verlag - Übertragung
Michael Kegler).
Der Fremde
Beim Abendessen studiert Félix Ventura die Zeitungen,
blättert sie aufmerksam durch, und wenn ihn ein Artikel interessiert, streicht
er ihn in Lila mit einem Füllfederhalter an. Nach dem Essen schneidet er ihn
sorgfältig aus und verstaut ihn in einem Ordner. In einem der Regale der
Bibliothek stehen Dutzende von diesen Ordnern. In einem anderen schlummern
Hunderte von Videokassetten. Félix nimmt gerne Nachrichtensendungen auf,
wichtige politische Ereignisse, alles, was ihm eines Tages nützlich sein kann.
Die Kassetten sind alphabetisch sortiert, nach den Namen der Persönlichkeit oder
dem Ereignis, um das es geht. Sein Abendessen beschränkt sich auf ein
Schüsselchen Caldo Verde, eine Spezialität der alten Esperança, einen
Pfefferminztee, eine dicke Scheibe Papaya mit Zitronensaft und einem Tropfen
Portwein. In seinem Zimmer, vor dem Zubettgehen, zieht er sich seinen Pyjama so
umständlich an, dass ich jedes Mal warte, ob er sich nicht auch noch eine dunkle
Krawatte um den Hals bindet.
An diesem Abend störte ihn der schrille Ton der Türklingel bei der Suppe. Das
ärgerte ihn. Er faltete die Zeitung zusammen, stand mühsam auf und ging öffnen.
Ich sah, wie ein hoch gewachsener Mann hereinkam, distinguiert, mit Adlernase,
auffälligen Gesichtszügen und einem üppigen, mit Pomade gezwirbelten
Schnurrbart, wie man ihn schon seit über einem Jahrhundert nicht mehr trägt.
Seine Augen waren klein und glänzend und schienen sofort von allem Besitz zu
ergreifen. Er trug einen blauen, altmodisch geschnittenen Anzug, der ihm
allerdings gut stand, und hielt in der linken Hand eine lederne Aktentasche. Das
Wohnzimmer verdunkelte sich. Als sei die Nacht, oder etwas, das noch düsterer
war, mit ihm hereingekommen. Er zog eine Visitenkarte hervor und las laut:
»Félix Ventura. Schenken Sie Ihren Kindern eine bessere Vergangenheit.« Er
lachte. Ein trauriges Lachen, aber sympathisch: »Sie selbst, nehme ich an? Ein
Freund gab mir diese Karte.«
Sein Akzent ließ nicht erkennen, woher er kam. Der Mann sprach sanft und mit
einer Reihe unterschiedlicher Betonungen, einer leicht slawisch anmutenden
Härte, gewürzt vom Honig des brasilianischen Portugiesisch. Félix Ventura
stutzte.
»Wer sind Sie?«
Der Fremde schloss die Tür, durchquerte das Wohnzimmer, die Hände auf dem
Rücken, und hielt für einen längeren Moment vor dem schönen Ölgemälde, einem
Porträt von Frederick Douglass, inne. Schließlich ließ er sich auf
einen der Sessel nieder und lud den Albino mit eleganter Geste ein, es ihm
gleichzutun. Als sei er der Herr im Haus. Gemeinsame Freunde, sagte er, und
seine Stimme wurde noch sanfter, hätten ihm diese Adresse gegeben. Sie hätten
ihm von einem Mann berichtet, der mit Erinnerungen handelt, Vergangenheit
verkauft, heimlich, wie andere Kokain schmuggelten. Félix musterte ihn
misstrauisch. Alles an dem Fremden irritierte ihn - seine sanfte und doch
bestimmte Art, der archaische Schnurrbart. Er nahm im majestätischen Korbstuhl
in der gegenüberliegenden Ecke des Zimmers Platz, als befürchtete er, von der
Sanftheit des anderen kontaminiert zu werden.
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