|
|
Brummstein
(Leseprobe aus: Brummstein,
Erzählung, 2005, Nagel&Kimche
- Übertragung Hanns Grössel)
Josef ließ sich mit einem dumpfen
Geräusch auf den schlammigen Boden fallen, das er nur spürte, nicht hörte. Während
seine mit den Gehörorganen verbundenen Neuronen in ihren Ausgangszustand zurückfanden,
versuchte er, sich die Töne einzuprägen, die sich in seinem Kopf im Kreise
drehten. Er versuchte mitzusingen, obwohl er nicht hören konnte, dass er es
tat. Als die Heultöne allmählich verebbten und sein Gehör zurückkehrte,
beschloss er, niemand von dem wummernden Felsen zu erzählen. Vorläufig. Mit
dem Geologenhammer schlug er ein Stück von dem Felsen ab. Ein Echo
rikoschettierte ins Dunkel hinaus. Vorsichtig hielt er das Felsstück ans Ohr;
es brummte nicht, zitterte aber ganz leicht, wie er im gleichen Moment bemerkte.
Er steckte das rätselhafte Ding in die Tasche.
»Das wurde aber Zeit«, war Betscharts einziger Kommentar, als Josef kurz
darauf zurückkehrte. »Ich habe gesehen, was ich wollte«, sagte Josef, und
ohne noch groß miteinander zu sprechen, legten sie den langen Weg aus dem Hölloch
hinaus zurück, rechneten die vereinbarten acht Schweizerfranken ab und gingen
jeder seines Weges. Zurück im Hôtel des Grottes, legte Josef das walnussgroße
grauschwarze Felsstück auf den Nachttisch und schlief ein. Etwas später kam
Andrea von einem Spaziergang im Bödmerenwald zurück, sank auf den Bettrand
nieder, bemerkte den Stein auf dem Nachttisch, nahm ihn in die Hand und spürte
ein seltsames Kitzeln in den Fingerspitzen.
Nach seiner Heimkehr nach Augsburg schrieb Josef sein Erlebnis auf der
Tauchstrecke in summarischer Form auf ein Stück Papier nieder, das er mit dem
grauschwarzen Stein zusammen in eine kleine Holzschachtel legte. Seine Absicht
war, sie der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie zu übergeben,
aber eine Liquiditätskrise in der Versicherungsgesellschaft und eine gefühlsmäßige
solche in seiner Ehe nahmen all seine Zeit und sein Denken in Anspruch, und der
Stein und das Erlebnis, das sich daran knüpfte, sanken allmählich ins
Halbdunkel seines Hinterkopfes zurück.
Zwölf Jahre nach der Reise zum Hölloch wurden sowohl Andrea als auch Josef,
wie in diesem Jahr so viele andere, von der Spanischen Grippe befallen und waren
beide dem Sterben äußerst nah, kamen aber mit dem Leben davon. Während eines
Spaziergangs auf der Provinostraße im selben Herbst hatten sie jedoch das Pech,
dass ein Möbelträger, der gerade eine Chaiselongue in den 3. Stock
hinaufhievte, genau in dem Moment einen Infarkt bekam, als sie unter dem Möbelstück
entlanggingen.
Andrea war auf der Stelle tot, und Josef starb zwei Tage später an seinen
inneren Verletzungen. Der Möbelträger überlebte.
Rezension I Buchbestellung I home 0I07 LYRIKwelt © Nagel&Kimche